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Farin Urlaubs Racing Team bestreitet einen hitzefreien Sommerabend in absoluter Korrektheit

Farin Urlaubs Racing Team bestreitet einen hitzefreien Sommerabend in absoluter Korrektheit

Der Soundcheck am Mittwochabend hatte einen Doppelzweck: Einerseits störte der Klang vom Dresdner Elbfilmufer, der weit bis in die Altstadt hinein röhrte, eine kleine Großdemo, die mit blauen Pappschildern unterwegs war.

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Quelle: Dietrich Flechtner

Andererseits rubbelten die Schallwellen die Regenwolken so trocken, dass nach fünf nassen Tagen und Nächten mal wieder ein Sommerabend folgte.

Kein Wunder: „Es besteht keine Gefahr für die Öffentlichkeit“ heißt die aktuelle Tour von Farin Urlaubs Racing Team, das sich, seit es sich 2008 zur Institution erklärte, auch FURT nennt und darob als kunstvolle, farbwechselnde Leuchtreklame mit Margon-Schriftschwung als einziges Showelement an die Bühnenrückwand geklemmt war.

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Das Konzert lockte einmal mehr Tausende ans Elbufer

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Ob man den Tourtitel so stehen lassen kann, beantwortet der gesunde Westberliner Barde des Jahrganges 1963, der sich an guten Tagen 1,94 groß fühlt und im Hauptberuf als Punkarzt mit Hang zur Operation an offenen Herzen und Ohren tätig ist – selbst: In „Dynamit“ plädiert er für „Verschönerung im Innenstadtgebiet“ als „Architekturkritik, die man tatsächlich sieht“, einem von 13 neuen Songs des neuen Studioalbums „Faszination Weltraum“, das wie gewohnt Mitte Oktober auf Platz eins der deutschen Albumcharts schoss. Danach kam eine FURT-Klubtour, die neben Er- auch Main- und Oderfrankfurt bespaßte. Die aktuelle Sommertour des Racing Teams ist eigentlich erst die fünfte echte Musikreise des Ensembles, deren Dresdenpart pünktlichst mit der Single „Herz? Verloren“ begann und quer durchs Gesamtwerk der vier Soloalben raste.

Sein Team, wie er ganz in pures Schwarz gekleidet und, außer bei ein paar silbernen Girlanden, die statt Hirn vom Himmel fallen, auf Showelemente und Videounterstützung verzichtend, besteht derweil aus vier Herren an Blechblasinstrumenten, wobei sich zu den drei Busters erstmals Christian Ehringer als großer Trompeter gesellte, plus sieben Damen. Vier davon, vom Chef liebevoll die „Nattern“ genannt, an den Backgroundmikros, vorn neben dem Frontmann rackerten hingegen nur Nesrin Sirinoglu an der Lead- und Cindia Krüger an der Bassgitarre. Sowohl das männliche Blas- als auch das weibliche Backgroundquartett hatten sich jeweils eigene Choreografien für ihre geräumigen Podeste ausgedacht, um ihres Frontmannes Tanzphobie zu kontern, und fanden dabei rhythmisch sogar zweimal zueinander. Wobei sofort auffiel, dass alle Damen außer Schlagwerkerin Rachel Rep, die von hinten und ganz oben den Takt angab, ihr langes Haar offen schwenkten.

Schnell hatte diese Bigband mit Mut zum ganz großen Pop, fußend auf einfachsten Gitarrenriffs, die rund zwölftausend Besucher im Griff, obwohl musikalisch durchaus nicht alles gelang. Das war dem Publikum weitestgehend egal. Die Gute-Laune-Stimmung trieb die junge Masse zu jedweden Mitmachspielchen, so auch zur Reanimation der „blödesten La-Ola aller Zeiten“, die Urlaub vor sechs oder sieben Jahren hier erlebte und ihm nach eigener Aussage noch heute herzliche Albträume mit Lachweckung beschert. Dies wiederholte er nun als begnadeter Animateur – ergänzt von der Forderung nach einer Pirouette um die eigene Achse und einem Spruch mit Eisenstimme „Ich dreh’ mich im Kreis“.

Auch sein Statement zu den Dresdner Montagsdemonstranten – relativiert von einem „elitären Vollidioten mit eigener Meinung“ vorgetragen, war eindeutig und beifallsverwöhnt: Zum Kotzen finde er die Vorverurteilung von Flüchtlingen, um dann sofort per Flamenco-Einstieg in „iDisco“ die lebendig-toten Idioten anzuprangern.

Urlaub, der sich mit großer Lust auf seiner Netzpräsenz (unter FAQ) hinreichend selbst interviewt und dort wie in seinen Texten die ganze Palette von der Inszenierung als Kunstfigur über Selbst- und Fanironie bis hin zu politischer Wachheit bietet, die sich auch durch die Musik in vielen Anspielungen zieht. Wer ganz durchkommt, erfährt sogar, dass er sich nicht als Oberarzt, sondern eher als Doktor der Bullshitologie sieht und warum er klugerweise Facebook und Spotify wie Weihwasser meidet. Dafür bietet er dort noch ein echtes und recht rege belebtes Gästebuch zur Konzertvor- und -nachbereitung, wo der Applaus noch heftiger als live ausfällt.

Das nächste Urlaubskonzert, eigentlich nur sommers am Elbufer vorstellbar, dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Weil er so viel Spaß an der Mitmacheuphorie der „Dräääsdnr“ hatte, könnte man gleich die ganze Tour hier machen, so einer seiner Gags.

Andreas Herrmann

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