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Familienbild mit Vater Staat - Der neue Roman von Marion Brasch porträtiert eine Familiengeschichte in der DDR

Familienbild mit Vater Staat - Der neue Roman von Marion Brasch porträtiert eine Familiengeschichte in der DDR

Marion Brasch ist die letzte ihrer Familie. Alle Mitglieder waren auf ihre Weise bedeutsam für die DDR. Der Vater, Horst Brasch, hoher SED-Funktionär, vier Jahre lang stellvertretender Kulturminister.

Er lebte bis Sommer 1989. Zwei der drei Söhne waren Schriftsteller. Peter, weniger bekannt, ein Roman ist von ihm erschienen, "Schön hausen", 1999. Der berühmtere, Thomas, Dramatiker, Filmregisseur, Lyriker. Beide starben 2001. Der mittlere, Klaus, Schauspieler, noch eher, 1980. Fünf Jahre nach Gerda, der Mutter.

Die Jüngste nun, Jahrgang 1961, Radiomoderatorin, zu DDR-Zeiten bei DT 64, heute bei radioeins des RBB, das "kleine Mäuschen", wie sie sich selber nennt, erzählt die Familiengeschichte aus ihrer Perspektive in dem Buch "Ab jetzt ist Ruhe". Zu Gast war die Berlinerin damit beim Literatursalon des Verlags Voland & Quist im Thalia-Kino, mit dem Schriftsteller Jochen Schmidt als ruhig und überlegt kommentierendem und fragendem Gesprächspartner.

Marion Brasch erzählt geradlinig, eben nicht ungewöhnlich, kunstvoll. Manchmal sogar naiv, am Anfang besonders. Aber gerade dieser kindliche Blick hat was. Erweist sich, gewollt oder ungewollt, als eine Möglichkeit, stilistisch den Ball flach zu halten, eine Art Understatement, das sich der Errichtung literarischer Denkmäler verweigert. Sprachliche Leichtigkeit angesichts großer Stoffe - da verziehen manche Kritiker hierzulande säuerlich die Mundwinkel. Doch sollte man tatsächlich über Bedeutsames nicht plaudern dürfen? Gehaltvolles sich nicht einfach mal so weglesen?

Ihre erste Leserin, so erzählte Marion Brasch, sei ihre Tochter gewesen. Ihr musste es verständlich sein. Genau darauf kommt es an. Entscheidend ist, was nach der Lektüre zurückbleibt. Und das ist von einigem Belang. Weniger, was Thomas Brasch betrifft. Wer nach ihm im Text sucht, erfährt wenig Neues. Umso mehr über den Vater, den die Autorin als Hauptperson des Buches betrachtet. Jude von Geburt, dann Katholik, Westemigrant, schließlich abermals konvertiert - zum Kommunismus. Der neue Glaube ans Himmelreich auf Erden. Ist das schon mal jemandem vor dieser Autorin aufgefallen: dieses Quasi-Religiöse, die Partei als neue Kirche? Der moralische Rigorismus dieses Mannes, religiös grundiert und rot übermalt, Prinzipientreue als politische Frömmigkeit. Was die Tochter faszinierend findet, zugleich jedoch darunter leidet. Unter einer Autorität, einer glaubwürdigen freilich. So sehr, dass sie zum Beispiel gegen ihre Ansichten in die SED eintritt, nur um ihm zu gefallen.

Hier finden wir sie: die Mechanismen einer Diktatur - als Vater-Tochter-Beziehung. Und in der Rebellion der Söhne, alle drei Künstler, das, was dem Vater suspekt ist. Ihr politischer Protest - Thomas Brasch hat für seinen 1968 sogar im Knast gesessen - ist auch Aufbegehren, Abgrenzung, Suche nach eigener Identität gegen den Patriarchen. Paradoxerweise mit dem gleichen Idealismus, der gleichen Sturheit wie der Alte. "Vater Staat" - hier bekommt diese DDR-Redewendung einen tieferen Sinn.

Gerade die ungeheure Dramatik, die Zusammenstöße von Lebensvorstellungen machen das Buch so faszinierend. Hart wie selten wird der Generationenkonflikt ausgetragen - unter einem Dach. Plötzlich wird DDR-Vergangenheit anders begreifbar, auch für westdeutsche Leser, wie eine Neu-Dresdner Leserin im Publikum tief angerührt bekannte. Weil wir Geschichte als leidenschaftlichen Beziehungskampf in einer Familie nachvollziehen können.

Auch Marion Brasch wird uns und ihrer Tochter DIE DDR nicht erklären können. Nur, wie alle, IHRE DDR. Aber diese exemplarischen Ausschnitte, die widersprüchliche Feinheiten nicht wegbürsten, sind wichtiger als alle Vergröberungen, die wir, in manchen Spielfilmen zum Beispiel, derzeit vorgesetzt bekommen. Tomas Gärtner

Marion Brasch: Ab jetzt ist Ruhe. S. Fischer. 400 S., 19,99 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.09.2012

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