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Extremismus der Mitte: Die Bürgerbühne wird für Max Frischs "Andorra" zu Recht gefeiert

Extremismus der Mitte: Die Bürgerbühne wird für Max Frischs "Andorra" zu Recht gefeiert

Großer Andrang im "großen" Kleinen Haus. Die Bürgerbühne hat Zuspruch, und wäre die Premiere von Frischs "Andorra" ins Schauspielhaus am Postplatz verlegt worden, wäre das Haus vielleicht auch ausverkauft gewesen.

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Nancy Pönitz (Barblin), Christian Leonhardt (Andri), Anne-Sophie Schietzold (Der Jemand) und Ensemble.

Quelle: David Baltzer

Unter der Leitung von Bürgerbühnen-Chefin Miriam Tscholl wagten sich die 17 ambitionierten Laiendarsteller auch an einen großen Stoff, vielleicht an einen zu großen?

"Andorra" hat seit seiner Züricher Premiere vor genau 50 Jahren Theatergeschichte geschrieben, leitete eine Phase der dramatischen Auseinandersetzung mit der Judenverfolgung ein. Doch es geht bei Frisch nur vordergründig um den Antisemitismus. Der junge Andri, einer Affäre mit einer Frau aus dem benachbarten Feindesland der "Schwarzen" entsprungen, wird von seinem Vater als jüdisches Pflegekind in einer Zeit ausgegeben, als Hilfe für die Verfolgten noch opportun war. Doch es grummelt auch bei den "Jemands" im ach so anständigen Andorra gegen den vermeintlich Andersartigen, der es halt "nicht im Blut hat". Man ist im Grunde nicht weniger rassistisch als die bösen Judenverfolger im übermächtigen Feindesland. Andri flüchtet schließlich in die ihm aufgenötigte jüdische Identität. Einesteils, um überhaupt eine solche zu haben, andererseits, um die geliebte tatsächliche Halbschwester Barblin heiraten zu können. Und bezahlt dafür mit seinem Leben.

Nach Tagebuch und Prosaskizze erwog Max Frisch selbst den Titel "Modell Andorra". So hat Miriam Tscholl den Stoff auch aufgefasst und betont auf Wiedererkennungseffekte hin bearbeitet und gekürzt. Da stehen nicht nur die Bürger von Dresden und anderswo auf der Bühne, da ist tatsächlich der Tischler ein Tischler und der Doktor hier eine Ärztin. Und sie klatschen und giften und ziehen sich feige zurück wie die Nachbarn und die Jemands, die wir alle kennen - uns selbst eingeschlossen. Das Idyll wird zelebriert mit unsäglichen Schlagertexten, mit dem goldenen Fußball, mit jener "bösartigen Gemütlichkeit", die der Dadaist Hülsenbeck einst an den Österreichern diagnostizierte.

"Kein Volk ist so beliebt wie wir", behaupten sie selbstgefällig. Selbstverständlich hat man nichts gegen Ausländer, und selbstverständlich darf jeder seine Meinung sagen. Dahinter aber lauert der in der Auseinandersetzung mit dem untauglichen Extremismusbegriff viel zitierte "Extremismus der Mitte". Ändern sich die Verhältnisse, wie nach der Kapitulation vor den "Schwarzen", bricht er ganz schnell offen durch. Und selbstverständlich war im Rückblick, hier bei Video eingefügt, niemand an irgendetwas schuld.

Wir sind Andorra, und das zu demonstrieren, gelingt der Regie wie auch den leidenschaftlichen Darstellern hervorragend. Mit Papiertüten über dem Kopf oder Zetteln an der Stirn tragen sie Etiketten, zugleich eine Anspielung auf Frischs Dauerthema der Identitätsfindung. Und sie treten aus den Boxen, aus den Quasi-Schubladen einer Art Regalwand heraus in Beziehung, die Katrin Hieronimus bühnenhoch aufgebaut hat. Unter all diesen furchtbar netten Menschen beginnt Christian Leonhardt als Andri gleichfalls als der nette, gutwillige Junge. Die aufgezwungene Außenseiterrolle setzt aber zunehmend Aggressivität bei ihm frei, mit hohem Körpereinsatz vorgeführt. Nancy Pönitz spielt eine Barblin von unschuldigster Erotik, die in Leere und Verzweiflung endet. Um dieses tragische Paar herum prägen sich besonders die Darsteller der inszenierten Harmlosigkeit ein, vor allem die sehr ansprechend singende Ärztin Elke Haufe und der zynische Soldat Ashok Khan. Verblüffend souverän tritt der vielleicht zehnjährige Anton Petzold als einer der fünf Jemands auf.

Unübersehbar bleiben indessen auch die Konzessionen an die Möglichkeiten einer Bürgerbühne bei diesem großen Stück. Die kursiven Regieanweisungen des Originals sind gewiss verzichtbar, aber um manche erkenntnisreiche Textpassage besonders von Andri ist es schade. Für eine zumutbare Spieldauer von eineinhalb Stunden ist vor allem der Schlussteil nach dem Einmarsch der "Schwarzen" deutlich gerafft worden. Dafür kann sich der Zuschauer an zwar nicht originalen, aber originellen Einfügungen delektieren, so die eiskalt-rührseligen Schlagertexte oder ein Selbstbefragungsspiel. Es bleiben starke Bilder, etwa der am Schluss wie in einem Käfig umherjagende Andri, ein viel beklatschte Leistung auf anspruchsvollstem Amateurtheaterniveau. Und die bittere Einsicht, dass das schon im Delphi-Orakel intendierte "Werde, was du bist!" eine Utopie bleiben muss, wenn eben nicht sein kann, was nicht sein darf.

Aufführungen: 26.10.; 9., 19. und 23.11.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.10.2011

Michael Bartsch

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