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Experimente und Eierlikör auf dem 28. Filmfest Dresden

Atmosphäre und Begegnung Experimente und Eierlikör auf dem 28. Filmfest Dresden

Wenn im Thalia-Kino das Glöckchen klingelt, dann wird gern ein Tablett mit Eierlikör herumgereicht. Im Schokowaffelbecher und von der Festivalleitung selbst angesetzt. Seit Jahren ist er verbindendes Element beim Filmfest, weshalb in den Veranstaltungen mittlerweile darauf angespielt wird. Noch bis Sonntag läuft 28. Filmfest Dresden.

Kurzfilm kann auch mal verstören oder wehtun, wie das Bild aus dem Festivaltrailer von Paul und Menno de Nooijer nahelegt.

Quelle: Filmfest

Dresden. Wenn dieser Tage im Thalia-Kino das Glöckchen klingelt, dann wird gern ein Tablett mit Eierlikör herumgereicht. Im Schokowaffelbecher und von der Festivalleitung selbst angesetzt. Seit Jahren ist er verbindendes Element beim Filmfest, weshalb in den Veranstaltungen mittlerweile darauf angespielt wird. Bei der Eröffnung sprach Moderatorin Jenni Zylka zum Beispiel davon, dass Festivaltage eigentlich „Eierlikörtage“ seien. Johannes Kürschner, einer der beiden Regisseure vom Dresdner Wettbewerbsbeitrag „Simply The Worst“, mahnte an anderer Stelle, es könnte sich um Eierlikör aus Käfighaltung handeln. Getrunken haben er und sein Regiekumpel Franz Müller ihn dann aber trotzdem.

Beim Eierlikör gibt es viel vom Filmtag zu berichten. Denn man wird mit vollem Kopf an der Bar ankommen, die inhaltliche Überforderung ist schließlich unvermeidbarer Teil des Konzepts. Wer nur einen Filmblock anschaut, hat schon bis zu sechs Geschichten erzählt bekommen, ist also in sechs völlig unterschiedliche Stimmungen eingetaucht und hat in sechs verschiedenen Perspektiven die Welt erlebt. Genau das ist es ja, das große, unbedingte Experiment, das hier jedes Jahr aufs Neue gewagt wird. Wo sonst kann man sich österreichische Avantgardefilme (Sa, 22.30 Uhr, Thalia) ansehen, in denen sich eine Aktionskünstlerin minutenlang mit einem Cuttermesser in die Fingerhaut ritzt und danach ihre blutigen Finger in Milch taucht? Oder einen Liebesfilm, der aus 300 Filmklassikern zu einer irrsinnigen Collage zusammengebaut wurde?

Die Staatssicherheit als Unterhaltungsfabrik

Das ist aber noch gar nichts gegen die japanischen Animationsfilme (Sa, 13 Uhr, PK Ost), in denen sich Fotos in experimentellster Form vor unseren Augen bewegen. Kurator Gustav Hamms formuliert die gewagte These, dass die Japaner so natürlich mit Fotos im Film umgingen, weil sie in einer von Erdbeben geschüttelten Zone lebten und den Stillstand als etwas sehr Wertvolles wahrnähmen. Gelächter dazu im Publikum. Da war es schon bald Mitternacht und die Beiden auf der Bühne unterhielten nicht zuletzt mit ihrer Unentschiedenheit, wer denn nun die deutsche und wer die englische Moderation übernimmt. Neben dem Filmerlebnis sind es immer wieder die Menschen – die Regisseure oder die Kuratoren oder die Moderatoren –, die dem Programm Leben einhauchen. Animation stecke auch in dem Wort Reanimation, und das bedeute ja schließlich Wiederbelebung, wie jemand aus dem Publikum einwarf.

Überraschend viel Leben und vor allem Humor steckt in den Propagandafilmen der Staatsicherheitsdienste (Retro 1 & 2: Sa, 19.30 Uhr, Societaetstheater und So, 14 Uhr, Schauburg). Im aktuellen Vergleich zwischen Material aus der DDR und Bulgarien schneidet die DDR künstlerisch allerdings schlecht ab. Furchtbare Einstellungen, unscharf gefilmt und hölzern gesprochen, wenn überhaupt Ton vorhanden. Die stummen Zeugnisse von sozialistischen Jahrestagsfeiern zeigen aber fast noch eindringlicher, was für ein gestelltes Zeremoniell sie eigentlich waren. In einem anderen Film verhörte ein Stasi-Mitarbeiter einen Zollbeamten, der einen Liebeskonkurrenten ausschalten und ihm deshalb westdeutsche Botschafter und sogar die Zeugen Jehovas auf den Hals hetzen wollte. Das Ganze wurde von einer heiteren Frauenstimme aus dem Off erklärt und mit westdeutschem Schlager unterlegt. Eine grauenvoll-schöne Geschichtsgroteske.

Ganz anders der bulgarische Geheimdienst. Der bezahlte seine Künstler gut dafür, dass sie ihm ästhetisches Material lieferten. Ein Volkspolizist durfte in einem Lehrfilm über angemessenes Verhalten keine Stange Toblerone als Bestechungsversuch von einem italienischen Urlauber annehmen und einen Verkehrssünder weder grob anfassen noch lässig abklatschen. Adriano Celentano hätte diesen Typen nicht lustiger spielen können. Wer solche Propagandavideos besitzt, der braucht keine Komödien mehr. Brisant wird so ein weichgespülter Film jedoch vor der Tatsache, dass der bulgarische Geheimdienst zu den brutalsten des Ostblocks zählte und das Land bis heute mit der Aufarbeitung seiner Verbrechen beschäftigt ist.

Von all diesen sonderbaren Eindrücken ließe sich am Abend erzählen. Auch davon, dass man an einem einzigen Tag viele verschiedene Sprachen gehört hat. Dass fast alle Veranstaltungen gut besucht waren, das Interesse am Experiment in Dresden also vorhanden zu sein scheint. Was auch daran liegen kann, dass das Filmfest im 28. Jahr jetzt keine ganz große Neuheit mehr ist. Eher eine verlässliche Komponente, auch für Meinungsverschiedenheiten bei Publikum und Presse bezüglich der Filmqualität. Doch vermutlich geht das gar nicht anders, wenn sechs Menschen 35 Filme aus 1436 Einreichungen aussuchen, wie es allein im Internationalen Wettbewerb der Fall war. Die verschiedenen Geschmäcker muss man als Zuschauer vielleicht aushalten lernen und hoffen, dass auch für einen selbst etwas dabei ist. Da ist Kurzfilm anders als Eierlikör, der schmeckt ja immer nach Eierlikör.

Das „International Short Film Festival“ läuft noch bis Sonntag. Das Programm finden Sie unter www.filmfest-dresden.de

Von Juliane Hanka

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