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Experimentalraum in Dresden lockt junge Künstler

Balanceakte in Betonambiente Experimentalraum in Dresden lockt junge Künstler

Andreas Ullrich und seine C.Rockefeller Galerie (CRC) in der Rudolf-Leonhard-Straße (Hechtviertel) ist immer für eine Überraschung gut: Das baumbuschige und steinbewucherte Areal ist Insidern seit Jahren als Ort der Grenzgänge und Grenzgänger in Sachen Kunst bekannt.

Die Ausstellung „Reclaim your Brain“ präsentiert sich als Kunst-Spiel-Zimmer mit Schwung-, Roll-, Flug- und Sturzambiente.

Quelle: Christian Petzold

Dresden. Andreas Ullrich und seine C.Rockefeller Galerie (CRC) in der Rudolf-Leonhard-Straße (Hechtviertel) ist immer für eine Überraschung gut: Das baumbuschige und steinbewucherte Areal ist Insidern seit Jahren als Ort der Grenzgänge und Grenzgänger in Sachen Kunst bekannt. Auch für seine außergewöhnlichen Impulse in Richtung des Dresdner Contemporary Art Netzwerkes: Hier geht es weithin um den Mut zum Risiko, zum Unaufgeräumten wie Spontanen – eben um die Pflege feiner Nervenstränge, die sich fern von Zeitgeist und Mainstream vor allem frei ausspielen können.

Tatsächlich fokussiert aber die Hinterhoflandschaft vor allem Ereigniskonstellationen zwischen Menschen, die von Nah und Fern mit diesem Ort scheinbar nichts anderes im Sinn haben, als ihn in Form leibhaftiger Präsenz immer wieder neu zu orten und zu feiern: „Hier bin ich Mensch – hier darf ich ganz anwesend sein!“ Das provisorische Idyll ist Oase all derer, die in der physischen wie in der virtuellen Welt recht nomadisch unterwegs sind. Also ein Stück Heimat.

Wenn eine Ausstellung dieser Tage dem Titel „Open Space“ gerecht wird, dann die kürzlich sicht- und hörbar opulent eröffnete Schau „Reclaim your Brain“ (Rückforderung oder auch Regenerierung des Geistes): Da prasselt, kratzt und kracht es dann schon einmal, wenn die Künstlerschaft mit einem Skateboard die erste Etappe der in den nächsten Wochen noch weiter im Raum sich ausbreitenden Betonpiste testet. Freilich tut das auch ab und an weh. Begeisterung, Freude, Schmerz, Risiko und Spiel gehen beim Skaten eine Symbiose ein, die sich ganz selbstverständlich mit eigenen bildnerischen Statements umgibt: Quasi ein selbst fabriziertes Kunst-Spiel-Zimmer mit Schwung-, Roll-, Flug und Sturzambiente.

Der Dresdner Künstler und Skater Christian Petzold hat von seinen Weltreisen zu Plätzen des Skatens 13 Freunde nunmehr im CRC versammelt, die zugleich exemplarisch so etwas wie „künstlerische Existenz“ der Weltläufigkeit im mehrfachen Sinne des Wortes verkörpern: Wussten Sie, dass Wahrnehmung etwas mit der Art und Weise von leibhaftiger Präsenz im Raum zu tun hat? Und dass es tatsächlich so etwas wie eine Ästhetik der Körper-Selbst-Wahrnehmung gibt – ein Empfinden für dynamische Raumempfindung?

Das scheint bei aller Musealisierung, Akademisierung und Vermarktung von Kunst – eben ihrer Fetischisierung als Ding bzw. Objekt – kaum aufzufallen: Worauf zielte die fremd anmutende Geste des Action Painting oder der mysteriöse Sprung von Yves Klein aus beachtlicher Höhe? Warum begaben sich Aktionskünstler – gerade auch am Ende der achtziger Jahre in Dresden – auf abenteuerliche Weise in körperliche Schieflagen, Umdrehungen, ja geradezu gefährliche Sprung- und Abtauchbewegungen? Vor dem Horizont einer dominant diskursiv verhandelten und monetär gehandelten Kunst entstand so etwas wie ein „Bauch“- (Dresden) und „Kopfkünstlertum“ (Leipzig). „Reclaim your Brain“ hat im Gegensatz dazu etwas mit äußerer und innerer Bewegtheit, in diesem Fall mit riskanten Abfahrten und Flügen zwischen global verstreuten „Urban-Betonagen“ zu tun.

Die Fotos, Gemälde, Assemblagen, Videos wie Plastiken zeichnen neben dynamischer Spannkraft vor allem auch kulturelle Kontextualität aus: Luftige Flächen, auf denen sich poetische Rhythmen pastellfarblich entfalten (die Bilder des französischen Malers Clément Roch), eine aus kleinsten Holzteilchen bestehende sprungbereite Hyäne (Kai Hügel), geniale spontane Schnappschüsse auf bewegte Menschen in entfernten städtischen Verkehrsräumen bis hin zu minimalen Interventionen in den aufgeklappten Sicherungskasten der Galerie oder im Obergestühl des Daches…

Man kann Stunden in dem rund 60 Quadratmeter großen Raum mit den sehr feinsinnig komponierten Werken zubringen: Da entstehen Korrespondenzen, Spannungen und Kontrapunkte, die eine Ahnung von einer Lebensweise offenbaren, die höchste Konzentration, ja Kontemplation mit unbekümmertem Skaten egal wann und wo auf dieser Erde zum Schwingen bringt.

Besonders erwähnt sei hier eine Arbeit von Nadja Kurz, Meisterschülerin beim Plastiker Wilhelm Mundt an der hiesigen HfbK. Ihrer Assemblage aus tapetenartigem Steinmuster und surreal anmutender Fotografie liegt ein aufwändiger performativ plastischer Prozess zugrunde: Die fotografisch festgehaltenen fleischroten Steine – man denke an die in den 70er Jahren begehrten Klinkersteintapeten – bestehen aus Mettwurst-Quadern, die von Leberwurst-Zement in Form gehalten werden. Das darüber positionierte Foto zeigt einen Frauentorso, aus dessen Nase frisch geschlagene Mayonnaise über das Dekolleté quillt. Der vollgestopfte Leib steht eben für Selbstbetäubung – eben das genaue Gegenteil von „Reclaim your Brain“. Die Exposition Work in Progress wird am 21. August um 21 Uhr mit einer Skater-Performance geschlossen. Interessenten für die Ausstellung in der Rudolf-Leonhard-Straße 54 können sich telefonisch unter 0351-802 46 00 anmelden.

Von Klaus Nicolai

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