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Experiment und Internationalität: "Tonlagen"-Festival in Dresden-Hellerau

Experiment und Internationalität: "Tonlagen"-Festival in Dresden-Hellerau

Zum ersten Mal seien das die "Tonlagen", die er sich immer vorgestellt habe, schickt Dieter Jaenicke als künstlerischer Leiter in Hellerau seine Genugtuung voraus.

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GayBird aus Hongkong verknüpft selbst entworfene Instrumente mit neuester Klangtechnologie: am 24. Oktober bei "Mega Cities, Mega Sounds" im Festspielhaus Hellerau.

Quelle: PR

Und Barbara Damm, seine rechte Hand in Sachen Musik und Musiktheater, pflichtet ihm als maßgebliche Programmgestalterin bei. Jaenicke gewinnt sogar dem aus finanziellen Gründen auf zwei Jahre verlängerten Turnus des zeitgenössischen Musikfestivals etwas Positives ab. So habe es mehr Zeit für eine gründliche Vorbereitung und für die Akquise von Sponsoren gegeben.

Beides war offensichtlich erfolgreich. Das am 15. Oktober beginnende zehntägige Festival wartet mit einem opulenten Programm von 18 Veranstaltungen auf. Und ein Drittel des mit 280 000 Euro nicht gerade üppigen Festivaletats wird tatsächlich von Förderern getragen. Dazu zählen die Bundeskulturstiftung, die Kulturstiftung Sachsen, die Siemens-Musikstiftung und das Goethe-Institut. Bei den weiten Reisen, die Künstler aus mehreren Kontinenten zurücklegen müssen, bleibt es erstaunlich, wie das Europäische Zentrum der Künste mit einem solchen Etat überhaupt ein Festival bestreiten kann.

Die "Tonlagen" beginnen also nicht wie gewohnt am Weltmusiktag, dem 1. Oktober, sondern zwei Wochen später. Man nimmt Rücksicht auf die Studenten und deren Semesterbeginn und auf Kooperationspartner. Zwei Leitlinien bestimmen das Programm. Unter dem Motto "When things are hopping" geht es um neue Instrumente und neue Klänge. Hier seien mitnichten schon alle Möglichkeiten ausgereizt, meint Barbara Damm. Aus der Schweiz beispielsweise kommen das Lupophon und das Kontraforte, zwei Blasinstrumente. Der Norweger Ole Hamre hat mit dem Folkofon ein Video-Keyboard entwickelt, mit dem er gleich zum Festivalauftakt eine Hommage an Dresden und seine Bewohner vorstellen wird. Eine Filmperformance erinnert nicht nur an die Cartoon-Helden der 1920er Jahre, sondern auch an die mikrotonalen Experimente von Harry Patch. Die Musikfabrik Köln hat dessen Instrumente nachgebaut. Das Klangforum Wien wird an den skurrilen Italiener Giacinto Scelsi erinnern und bringt dessen "Ondiola", einen Vorläufer des Synthesizers, mit.

Diese Klang-Entdeckungsreisen fügen sich in die Intentionen Dieter Jaenickes ein, bewusst auf Experimente zu setzen. "Wenig Erprobtes" sei im Angebot, viele Künstler kämen erstmals nach Europa. Das gilt auch für den zweiten Leitfaden des Zeitgenossen-Festivals. "Far East" gerät in den Blick, Exotisches aus Asien soll Appetit machen. Mit großem Aufwand tun dies gleich am Eröffnungsabend Dirigent Kristjan Järvi und das MDR-Sinfonieorchester, mit dem sich inzwischen eine Partnerschaft etabliert hat. Bei den "China Sounds" werden aber nicht nur sehr junge chinesische Komponisten zu hören sein, sondern auch der Finne Kalevi Aho und der Amerikaner Michael Gordon.

Namen wie Samson Young aus Hongkong muss man hier erst kennenlernen. Ebenso wie andere junge Musiker aus China, Hongkong, Taiwan oder Indonesien, die ebenfalls mit neuen, teils selbstgebauten Instrumenten ein viel versprechendes audiovisuelles Konzert mit Musik aus den explodierenden Metropolen dieser Regionen geben werden. "Mega Cities, Mega Sounds" kommt am 24.Oktober, dem vorletzten Festivaltag.

Nicht in gewohnte Formate einzuordnen sind zwei weitere Inszenierungen. Patrick Frank lässt in einem so genannten Diskurskonzert den Philosophen Harry Lehmann und den ehemaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf über die Massenkultur und das Außergewöhnliche diskutieren. Und 2013 hatte in Glasgow die dadaistische Film- und Musikperformance "Lachez tout!" von François Sarhan Premiere, die mit dem schottischen Ensemble Red Note nun erstmals nach Deutschland kommt. Höhepunkt und Abschluss der Festivaltage wird eine Neuauflage des Symposions von 2009 mit dem Wiener Klangforum sein. Über acht Stunden können maximal 150 Gäste stehend, sitzend oder liegend im Stile der alten Griechen der Musik lauschen und in den Pausen Weinproben und ein Mahl genießen und dabei im Kolloquium Bekanntschaften schließen. Ein Ereignis, das viele für das größte in der Hellerau-Ära Jaenicke halten, wie er selbst den Nachklang über fünf Jahre einschätzt, und das nun wiederholt werden soll.

Internationalität und Exotik bestimmen dieses zeitgenössische Musikfestival in Hellerau wie nie zuvor. Die Künstler kommen aus 20 Ländern. Die Kehrseite: Deutsche, gar sächsische Künstler und Komponisten sind lediglich in drei Konzerten zu hören. Ein Vergleich mit den früheren Dresdner Tagen der zeitgenössischen Musik, dem Vorläufer der "Tonlagen", macht diese Unbalance erst recht deutlich. "Klassenarbeit" mit dem neunköpfigen "ensemble recherche" aus Freiburg verspricht immerhin noch warme Kompositionen von Studenten, sozusagen frisch aus der Werkstatt. Und im Hygienemuseum wird es am 19. Oktober eine Matinee, ein Gesprächskonzert zum Frühstück mit dem Dresdner ensemble courage geben.

Ergänzt wird das Programm beispielsweise durch eine Schreibwerkstatt für Journalisten und angehende Musikkritiker. Permanente Installationen lassen das gesamte Festspielhaus tatsächlich zu jenem Klanghaus werden, das Dieter Jaenicke vorschwebt. "Hinter jeder sich öffnenden Tür vernehmen Sie einen anderen Klang", kündigt er an. Der Zuschauer wird selbst Teil dieser zehntägigen Dauerperformance werden.

http://hellerau.org/spielplan/tonlagen/

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.09.2014

Michael Bartsch

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