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Exakt bonbonbunt: Erasure waren im Schlachthof

Exakt bonbonbunt: Erasure waren im Schlachthof

Vor 25 Jahren ging das wie beim Brötchenbacken: Eine pfiffige Songidee von Mastermind Vince Clarke, mit analogem Synthesizersound und Andy Bells Falsett-Frohlocken in drei Minuten gepresst und bonbonbunt angemalt - fertig war der neue Top-Ten-Hit.

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Der Kahlkopf eines nimmermüden Pop: Erasure-Sänger Andy Bell.

Quelle: Dietrich Flechtner

Wenig später brillierte man mit Selbstironie und Abba-Verneigung und haute den gerade komplett elektropop-entwöhnten Charts ein "Always" um die Ohren, als hätten die 1980er nie aufgehört. Soll auch heißen: So seicht das Fahrwasser von Erasure auch immer sein mochte - das Duo hat geprägt und begeistert und sich mit lupenreinen Pophymnen nahezu unverwechselbar gemacht. Da mag man zwar Respekt zollen, wenn es Erasure 2011 mit "Tomorrow's World" im erweiterten Dunstkreis der Dancecharts-Tauglichkeit und einem Lady-Gaga-Produzenten schaffen, ihrem Sound eben vor allem produktionstechnisch ein Update zu verpassen. Doch rutscht man dann auch in einen gewissen Zwiespalt: Sind das noch Erasure? Und - warum? So sitzt auch das britische Duo in der Soundfalle: Würde noch alles klingen wie 1987, würde man nicht minder den Kopf schütteln. Also alles einer Frage der Inszenierung?

Live im proppevollen Alten Schlachthof haben Erasure spätestens nach den ersten vier Songs den Beweis angetreten, dass nach wie vor das drin ist, was draufsteht. Bei diesem Repertoire bietet sich die Überspitzung freilich auch an - wer sich in seiner besten Zeit auf so illustre Weise über einen beachtlichen Haufen leichtfüßiger Single-Hits in Pop freuen durfte, muss nicht die Altersweisheit inszenieren. Erasure geben dem Affen Zucker. Erasure kommen in roten Glitzerjacken auf eine Bühne, die an einen bonbonbunten Sakralcomics aus jenem Jahrzehnt erinnert, in dem unter anderem Plastik-Gargoyles mit rotglühenden Augen ihre Runden zwischen den Postern in den Hallen der Adoleszenz drehten. Auf dem Rücken eines solchen Fledergesellen dreht Clarke an Knöpfen oder haut in die Tasten. Genau genommen sieht man nicht, was der stille Stoiker da tut, genau so gut könnte er auch vielleicht gerade abwaschen, während sich Sänger Andy Bell vorn so langsam aus der Kittelschürze schält. Zwei reizende Damen zur stimmlichen Hintergrundbeleuchtung, Lichtgewitter in Pink und Türkis und ein Andy Bell, der kahlköpfig, in freundlicher Begeisterung und noch ganz anständigem Schuldeutsch über Wurstsorten radebricht - Erasure feiern unaufgesetzt und ausgelassen mit ihren Fans. Und geradezu etwas demonstrativ wirft man ohne ewigen, dramaturgisch motivierten Vorlauf mit großen Nummern - und das in einem unexperimentellen, aber satt aufpolierten Sound: mit bassgetränktem Grundbeat und straffer Fülle erstaunt ein herrlich frisches "Blue Savannah". Das Publikum goutiert gleichermaßen dankbar das sich anschließende aktuelle "Fill us with fire", das vor allem zeigt, dass Erasure in der Neuzeit erstaunlicherweise mit Uptempo-Nummern glaubwürdiger unterwegs sind als mit Balladeskem. Ein "Alien" als Akustik-Zwischenspiel verrät auch einiges über die ansonsten mittlerweile und generell freilich etwas zahmere Art, aufzutreten - die Zeiten, in denen Bell sich in Sachen Homosexualität geradezu propagandistisch wild kostümierte, sind einem gewissen gesetzten, nicht uneindeutigeren Magenta-Chic gewichen.

Trotz des rastlosen Hitgeflackers erstaunlich: Rein rechnerisch wird fast ein Viertel der Show mit aktuellen Songs bestritten. Nach einem weiteren treibenden Höhepunkt mit "Love to hate you" gerät "Chains of love" naturgemäß müde, bevor Clarke und Bell mit "Sometimes" und "A little respect" die sonnige Laune gekonnt bündeln und den Saal regelrecht hochgehen lassen. Man vermisst eigentlich nur noch die Konfettikanonen. Da wird die Zugabe Pflicht, auch wenn "Oh L'Amour" erwartungsgemäß weniger fulminant aufblüht, als es sich ankündigt. Nach exakt 90 Minuten ist die Pop-Messe gesungen. Die Ministranten saufen den Messwein aus und torkeln selig nach Hause. Niklas Sommer

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.11.2011

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