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Ex-Kruzianer Moritz Schlenstedt: "Ein guter Weg, Dinge auf den Punkt zu bringen"

Ex-Kruzianer Moritz Schlenstedt: "Ein guter Weg, Dinge auf den Punkt zu bringen"

Am Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" hat er wiederholt teilgenommen: einmal ein 1. und einmal ein 2. Preis, sicherlich viel Grund zur Freude für den 1996 in Dresden geborenen Moritz Schlenstedt.

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Moritz Schlenstedt vor dem Literarischen Colloquium Berlin am Wannsee.

Quelle: privat

Kann sein, dass der frühere Kruzianer damit schon frühzeitig auf musischen Erfolg abonniert wurde, denn nun erhält er mit dem "lyrix" einen weiteren Preis. Doch der hat - vordergründig zumindest - mit Musik überhaupt nichts zu tun. Hier geht es um Lyrik.

Moritz Schlenstedt hat sein Abitur in der Tasche, lässt die Musik erst mal Musik sein und widmet sich anderen Genres. Der Literatur zum Beispiel. Und anderen Kulturen. Beispielsweise schon bald der des Weines. Moritz will Winzer werden und Önologie studieren. Überraschende Wendungen im Leben des 19-Jährigen? Für ihn nur konsequent.

Momentan leistet Moritz Schlenstedt einen einjährigen Freiwilligendienst im Süden von Frankreich. Dort lebt er oberhalb von Nimes in einem Wohnwagen. Das nächste Dorf ist zwanzig Minuten entfernt - mit dem Auto! Zu Fuß sind es rund eineinhalb Stunden. Dieses Zuhause auf Zeit sei ein Ausnahmehof, sagt der Gast aus Dresden: "Absolut isoliert, inmitten eines Nationalparks, in dem ökologische Landwirtschaft betrieben wird. Europaweit ziemlich einzigartig, dass so ein Park bewohnt ist."

Moritz genießt diese Abgeschiedenheit, freut sich aber schon auf die Begegnungen in Berlin. Dort erwartet ihn von heute an ein lyrisches Wochenende mit Preisverleihung und Schreibwerkstatt. Denn er zählt zu den zwölf Endrundenteilnehmern des von Deutschlandfunk und Deutschem Philologenverband ins Leben gerufenen Bundeswettbewerbs "lyrix". Die Schreibwerkstatt nutzt er auch zu Familientreffen mit Eltern und Großeltern.

Seine Freundin jedoch, Vorjahrespreisträgerin dieses Wettbewerbs, die ihn zur Teilnahme inspiriert hat, wird nicht mit dabei sein. Sie verbringt ein freiwilliges Jahr in Indien - und berichtet von dort aus für die Jugendseite der DNN. "Wir haben immer viel über Lyrik gesprochen," erzählt Moritz Schlenstedt über die Hintergründe seines Schreibens, "das hat mich sehr inspiriert."

Nach all den Jahren im Dresdner Kreuzchor mit Schule und Gymnasium habe er eine Auszeit gebraucht. "Wieder auf den Boden kommen," nennt er es, "um mich von diesem doch eher konservativen Weltbild beim Kreuzchor frei zu machen." Der Musikerberuf kam nach reiflichem Überlegen also nicht in Frage: "Meine Mutter ist Musikerin, ich bin damit aufgewachsen, dass man in diesem Beruf entweder gewaltig gut oder nichts ist." Mittelmaß empfinde er als Problem. In zehn Jahren habe er im Chor "unglaublich viel gelernt", sehe sich aber nicht auf professionellem Sängerniveau. "Ich glaube schon, dass ich gut singen kann. Aber für mich gehört Musik nicht zu den Dingen, die man unbedingt studieren muss, sonst wird das Hobby zur Pflicht."

Also schlägt Moritz Schlenstedt die Brücke zur Literatur und räumt ein, dass er "schon immer gelesen habe, was ich kriegen konnte." Seine Eltern hätten sich manchmal daran gestört, weil er sich sehr zurückgezogen und statt im Haushalt zu helfen lieber geschrieben habe. "Schon immer, kleine Geschichten und Märchen, zunächst keine Gedichte." Er lese immer noch gerne und viel, jedoch kaum zeitgenössische Lyrik. Als literarische Vorliebe nennt er das Spätwerk von Rilke.

"Auch in meiner Prosa habe ich Rilke und seine Bilder oft im Hinterkopf." Die Zeit, darüber konzentriert nachzudenken, findet Moritz Schlenstedt jetzt beispielsweise beim Unkrautjäten. Ein paar Tage Abstand von der Landwirtschaft - "Im Französischen wird sie Agriculture genannt, hat also unbedingt auch mit Kultur zu tun!" - bekommt der Dresdner Franzose auf Zeit nun in Berlin.

Was erhofft er sich von dieser Schreibwerkstatt? "Ein paar Ansätze für meine Lyrik. Inzwischen schreibe ich ja mehr Prosa. Da verschiebt sich grad etwas. Vielleicht, dass dort Funken überspringen, dass ich Mut bekomme zur Lyrik. Denn sie ist ein guter Weg, Dinge auf den Punkt zu bringen. Sie spricht etwas an, das Prosa nicht so vermag, und kann etwas darstellen, das unbegreiflich scheint."

Musik allerdings spielt nach wie vor große Rolle für Moritz Schlenstedt. "Wenn man einmal in Musik drin ist, kommt man da nicht mehr raus." Kein Wunder, dass es auch in manchen seiner Texte sehr musikalisch zugeht. Versmaß, Rhythmus und Reim widerspiegeln eine Struktur, die durchaus an der Barockmusik geschult sein könnte. Und die hat er in Motetten und Messen, obwohl selbst überhaupt nicht gläubig, in den vergangenen Jahren häufig gesungen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.06.2015

Michael Ernst

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