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Evgeny Titov inszeniert Martin Heckmanns „Mein Herz ist rein“

Dresdner Schlosstheater Evgeny Titov inszeniert Martin Heckmanns „Mein Herz ist rein“

Hilflosigkeit als erste Reaktion: Weder das angekündigte Lustspiel noch eine böse Komödie warten im Schloss bei der zweiten (und damit letzten) Uraufführung des Staatsschauspiels während der Interimszeit: Per doppeltem Coming-Out beendet Martin Heckmanns seinen jüngsten Dresden-Streich „Mein Herz ist rein“.

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Evgeny Titov inszeniert Martin Heckmanns „Mein Herz ist rein“ als letzte Uraufführung im Schlosstheater

Quelle: Matthias Horn

Dresden. Hilflosigkeit als erste Reaktion: Weder das angekündigte Lustspiel noch eine böse Komödie warten im Schloss bei der zweiten (und damit letzten) Uraufführung des Staatsschauspiels während der Interimszeit: Per doppeltem Coming-Out beendet Martin Heckmanns seinen jüngsten Dresden-Streich „Mein Herz ist rein“ – ansonsten passiert eigentlich nichts von Relevanz in diesem pausenlosen Einakter. Gut, ein Kreuz zerspringt und ein Eventmanager sprengelt dickflüssigen Wein auf frische weiße Wände in einer Art Gummizelle als leerem Wohnzimmer. Aber sonst so?

Nicht einmal die sieben Kisten Wein, die Deutschlehrer Bloomberg für sich, seine Frau und vermutlich vier Gäste anschleppt, werden ausgetrunken, obwohl stetes Trinken sich als einzige konstante Regieidee von Evgeny Titov, Russe des Jahrganges 1980 und frischer Absolvent des Wiener Max-Reinhardt-Seminars, erweist.

Dabei versprachen Ausgangslage und Sujet vor der Uraufführung recht viel: ein spontaner Elternabend über vermeintliche Pornovideos ihrer just als Quartett unerreichbar wandernden und offenbar unerwartet pubertierenden Kids, um – sich gegenseitig beschuldigend – jeweils die Versäumnisse der anderen in Sachen Kommunikation und Aufklärung auszuwerten. Dazu haben Hanne und Michael Blomberg als Eltern von Marie vorgeladen: So Michaels Jugendfreund Wolfgang als Vater von Karl, einst Klassenschnellster, heute stetig Handlungsreisender in Sachen Veranstaltungen, der durchaus stolz auf seinen großen, flirtenden Sohn ist und im Schlepptau seine neue Geliebte, die abgebrochene Studentin Steffi hat.

Diese betrachtet Karl als ihren Sohn und freut sich über die unerwartete Einladung, während Bio-Energetik-Therapeut Küster als Vater von Klara, dessen Frau mal etwas mit Wolfi hatte und nun deutschen Soul macht, zwar die ganze Aufregung hochgradig belustigt, er diese aber mit professioneller Distanz betrachtet. Auch er hat ein Filmchen parat: ebenso unscharf, ebenso mit Flaschendrehen ohne Hosen, ebenso unbrauchbar als Beweis für irgendetwas. So streiten und saufen sie, bis Wolfgang ausflippt, seine frühere Verehrung für den „Bremser“ Micha und dessen Gedichte bekennt – und Marie mit überraschender Botschaft vom Berge nach Hause kommt …

Während Christine Hoppe als kühle Hanne, Philipp Lux als starker wie schwacher Wolfgang und Holger Hübner als Therapeut überzeugen, zeigt sich Lars Wellings als Gast recht blass und fahrig. Ganz anders als noch beim Eröffnungsfest im Palais im Großen Garten, wo vor drei Wochen per furioser Tischlesung der ersten Szene mit erheblichen Wortwitz und Tempo ein genüsslicher Abend irgendwo zwischen Rezas „Der Gott des Gemetzels“ und Hübners „Frau Müller muss weg“ suggeriert wurde, zog hier schnell Langatmigkeit ein – Stoff wie Regie mangelt es schlicht an Wendungen.

Wie schon bei der Premiere zu Trojanows „Weltensammler“ am Stadtfestsonntag dämpfen zudem Wärme und Außenlaute die Wahrnehmung und zeigen, dass die Schützkapelle als Spielstätte nur bedingt taugt. Dennoch ist auch die zweite Vorstellung voll und belohnt das Sextett mit herzlichen Beifall. Ärgerlicher das Programmheft: 24 Seiten – davon fünf mit Text – für zwei Euro, die man sich sparen sollte. Dass – so wie vor kurzem bei Uraufführungen am Haus üblich – der Stücktext fehlt, mag hier wie bei „Ralf“ oder dem „Weltensammler“ obsolet sein, aber dass rein gar nichts mehr zu den Akteuren steht, ist echter Frevel. Ebenso sind Szenenfotos in Schwarz-Weiß bei einer Farbinszenierung Quatsch.

Ein paar dürre Zeilen zum Regisseur finden sich immerhin auf der Netzpräsenz, zu Alisa Elsner, die zum Schluss kurz Marie spielt (und als einzige für drei Sätze mit Mikro verstärkt wird) sowie zu Anne-Alma Quastenberg und Janine Haschke, die mit Bühne und Kostümen durchaus für belebende Tupfer sorgen, findet sich auch dort nichts. Wie soll man da – wie hier befürchtet – ernsthaft Angst bekommen, dass alles, was digital verfügbar ist, im Netz landet und dort ewig verweilt?

So bleibt noch die Steffi von Henriette Hölzel erwähnenswert – als leibhaftiger wie lebendiger Beweis, dass man durchaus gut von der Bürgerbühne bis auf die großen Weltbretter durchstarten kann: Die Radebeulerin des Jahrganges 1993 spielte einst bei den legendären „Nibelungen“ zum Start anno 2009 die Kriemhild, studiert seit 2013 in Leipzig Schauspiel und ist nun im zweiten Jahr per Schauspielstudio zurück in Dresden – und spielt hier eine überdrehte Geliebte an der Seite ihres Studioleiters namens Lux.

Begrüßenswert auch die finale Quintessenz der Hausherrin – laut Programmheft katholische Steuerberaterin: Man könnte mal neu streichen – in wärmeren Tönen. Genau! Zuvor warten noch zwölf Vorstellungen bis zum 13. Oktober.

Nächste Vorstellungen im Schlosstheater vom 14. bis 17. sowie am 24. & 25. September;

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Andreas Herrmann

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