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"Europaweit gesehen und geschätzt": Interview mit Dieter Jaenicke, der in Dresden das Europäische Zentrum der Künste Hellerau leitet

"Europaweit gesehen und geschätzt": Interview mit Dieter Jaenicke, der in Dresden das Europäische Zentrum der Künste Hellerau leitet

In der vorigen Woche hat Dieter Jaenicke, künstlerischer Leiter von Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste, seinen Vertrag mit der Stadt Dresden um weitere drei Jahre von 2014 bis 2017 verlängert.

Über Rück- und Ausblicke sprach Michael Bartsch mit ihm.

Frage: Als Sie 2009 die künstlerische Leitung am Festspielhaus übernahmen, sprachen Sie von einem erfüllten Traum. Hält dieser Traum an, so dass Sie nunmehr ihren Vertrag verlängert haben?

Dieter Jaenicke: Als ich damals die Ausschreibung dieser Position in der "ZEIT" gelesen hatte, war für mich klar. Das muss es sein. Und ich sage mit allem Selbstbewusstsein, dass ich mich genau für den Richtigen hielt und das nur den Dresdnern klarmachen musste. Zum ersten Mal stand ich hier 1988 vor der verschlossenen Tür der damaligen Kaserne, kannte nur die Geschichte des Hauses. Für jemanden, der in den Performing Arts, in den darstellenden Künsten zu Hause ist, ist Hellerau wirklich ein Traum. Was ich beim Antritt besonders reizvoll fand, war die Möglichkeit, dieses Haus von Grund auf neu entwickeln zu können. Natürlich gab es einen Vorlauf im Europäischen Zentrum der Künste, bei Udo Zimmermann lag der Schwerpunkt auf der Musik. Aber es fehlte zum Beispiel ein durchgehendes Jahresprogramm.

Frage: Das ist seither dichter und vielseitiger geworden.

Dieter Jaenicke: Ich glaube, dass wir in den letzten vier Jahren hier weit gekommen sind. Aber ich empfinde es so, als ob wir dieses Haus langsam Richtung Startbahn schieben - wir sind ja hier in der Nähe des Flughafens. Wir haben noch gar nicht abgehoben. Das liegt noch vor uns. Deshalb war es natürlich auch ein Wunsch von mir, Prozesse, die ich und das Team angeschoben haben, weiterhin zu begleiten. Wenigstens, bis wir das Ding wirklich in der Luft haben. Zwischen dem Kulturbürgermeister und mir gab es darüber keinen Dissens.

Frage: Aber im Dresdner Stadtrat, namentlich bei der SPD, haben Sie nicht nur Fürsprecher, insbesondere wegen der hohen Subventionen pro Besucher.

Dieter Jaenicke: Es gibt einige, die waren schon immer dagegen. Aber Zahlen stehen nie absolut, sondern werden interpretiert. Ich glaube, es ist in der Kulturszene und in der Kulturverwaltung relativ unstrittig, dass das, was wir hier in den letzten vier Jahren abgeliefert haben, eine Erfolgsgeschichte ist. 2008 kamen 4800 Zuschauer nach Hellerau, im vergangenen Jahr waren es über 40 000. Wir sind mittlerweile eines der wichtigsten Zentren für Darstellende Künste nicht nur in Deutschland, sondern in Europa. Wir haben eine Auslastung von über 80 Prozent. Wir erbringen von allen Dresdner Kulturinstitutionen nach den Musikfestspielen den höchsten Anteil an erwirtschafteten Eigenmitteln. Wir sind mittlerweile in vielen deutschen und internationalen Netzwerken vertreten. Und wir sind auf dem Weg, als das Zentrum auch für die freie Kunstszene in Dresden akzeptiert zu werden.

Frage: Die Akzeptanz bei den Besuchern wuchs beinahe sprunghaft etwa im Jahr 2011?

Dieter Jaenicke: Die ersten beiden Jahre waren wirklich harte Arbeit, um Neugier zu schaffen und die Leute zu überzeugen, dass sich eine Fahrt nach Hellerau lohnt. Dann ist tatsächlich der Knoten geplatzt. Ich persönlich glaube, dass das Publikumspotenzial des Hauses noch weit größer ist. Aber da kommen wir irgendwann an die Grenzen unserer eigenen Ressourcen. Wir können unseren Mitarbeitern nicht noch mehr zumuten. Viele leisten in Nacht- und Wochenendarbeit schon ungezählte Überstunden.

Frage: Welche Erwartungen bedient Hellerau zunehmend? Ist es wieder Paul Claudels "Laboratorium der Moderne" geworden, leuchtet es zumindest als Gegenpol zur oft als verstaubt und affirmativ empfundenen Dresdner Kultur?

Dieter Jaenicke: Zunächst finde ich, dass man Dresden nicht als verstaubt und affirmativ beschreiben kann. Die Stadt mag konservativ tendieren, aber an vielen Einrichtungen wird Großartiges in höchster Qualität geboten. Wir haben die nicht einfache, aber ehrenvolle und reizvolle Aufgabe, für das Zeitgenössische da zu sein und einen echten Gegenpol zu bilden. Der muss sich aber an Qualität mit dem messen lassen, was die Klassik vorgibt. Und wir arbeiten doch zusammen! Mit Serge Dorny, dem kommenden Intendanten der Staatsoper, habe ich schon darüber geredet, was wir hier gemeinsam machen können. Die Philharmoniker spielen gern bei uns, hier aber natürlich ein zeitgenössisches Repertoire. Ebenso werden wir ab 2014 die Dresdner Spielstätte des MDR-Sinfonieorchesters sein.

Frage: Hat das "Europäische Zentrum der Künste" auch an europäischer Ausstrahlung gewonnen?

Dieter Jaenicke: Zur Premium-Klasse der europäischen Netzwerke gehört "Temps d'images", in das unter anderem auch der Kultursender "arte" integriert ist. Ich habe mich sehr über die Einladung gefreut, dort mitzumachen. Das signalisiert, dass unsere Arbeit mittlerweile europaweit gesehen und geschätzt wird. Im Berliner Außenministerium hat man mir vor zwei Tagen gesagt, wir müssten eigentlich sogar "Global" heißen, so, wie wir arbeiten.

Frage: Und wenn Sie mit ihren bisherigen Tätigkeiten bei Kampnagel, in Aarhus oder in Sao Paulo vergleichen?

Dieter Jaenicke: Für nichts in der Welt würde ich die Aufgabe an diesem Festspielhaus mit einer anderen mehr tauschen wollen! Dieses Haus leiten zu dürfen, ist ein unglaubliches Privileg.

Frage: So sehr Hellerau auch zu leuchten beginnt, aber nicht allen passt die künstlerische Ausrichtung. Der Tanz dominiert, und die Musik kommt eher knapp weg.

Dieter Jaenicke: Ich denke, diese Dominanz des Tanzes ergibt einen Sinn. Ich folge da nicht nur meinen persönlichen Vorlieben. Ich habe mich intensiv mit der Geschichte des Hauses auseinandergesetzt und entwickele das Gegenwärtige daraus. Über die Rhythmik und den Ausdruckstanz ist Hellerau von Anbeginn an ein Haus des Tanzes gewesen. Und es gibt im Osten Deutschlands kein Haus, das sich so dem zeitgenössischen Tanz widmet wie wir. Da hat sich der Schwerpunkt gegenüber der Ära Zimmermann in der Tat verschoben.

Frage: Sie haben früher schon angedeutet, dass Ihr Verständnis von zeitgenössischer Musik über die so genannte "ernste" neue Musik hinausgeht.

Dieter Jaenicke: Wir vernachlässigen die Musik nicht. Wir bringen neue Linien hinein, zum Beispiel über den Dienstagssalon und Feature Ring oder Konzerte mit der Agentur von Bernd Aust in der Stadt. Wir machen das Haus bereit für ein Verständnis von zeitgenössischer Musik, das viel offener ist und die ambitionierte Avantgarde in Rock und Jazz einbezieht. Ich wage mal die These, dass sich die "ernste" Musik schon in den Siebzigern des vorigen Jahrhunderts von Impulsen aus der Rockmusik abgekoppelt hat, zwar musikalisch ambitioniert war, aber in der Reflexion der Wirklichkeit weit hinter dem Rock'n'Roll zurückgeblieben ist. Deshalb will ich auch noch unbekannte Dresdner Rock-Bands oder Singer-Songwriter im Haus haben. Ich möchte ganz bewusst das Neustadt-Pulbikum ansprechen und es vielleicht auch zu anderen Formen zeitgenössischer Musik führen.

Was das "Tonlagen"-Festival angeht, haben wir wegen der Fülle der Aufgaben bei einem nicht mitwachsenden Budget entscheiden müssen, es nur aller zwei Jahre zu veranstalten, dann aber richtig. Im nächsten Jahr wird man sehen, welche Vorstellungen von einem Festival zeitgenössischer Musik Jaenicke wirklich hat. Im ganzen Haus, in allen Räumen, in jeder Ecke, vom Dach bis in den Keller wird Musik zu hören sein. Man soll in einen neuen facettenreichen musikalischen Erlebnisraum eintreten.

Frage: Wenn das Kunstzentrum also gerade abhebt, wo wollen Sie landen?

Dieter Jaenicke: Wir arbeiten für die Spielzeit 15/16 intensiv an einem großen Projekt über die Kultur der Zigeuner - ich wähle bewusst diesen Pejorativ. Es soll um die ganze Straße der Zigeuner vom Nordwesten Indiens bis nach Afrika und Europa gehen, natürlich auch um die sozialpolitische Situation der größten Minderheit in Europa. Wir werden auch die Idee des Street Culture-Festivals in diesem Jahr fortführen. Das wird ein Projekt sein, das auf Reisen in andere Städte geht. Den Radius unserer Kooperationen werden wir Richtung Asien erweitern und intensivieren. Die Auseinandersetzung mit China wird ein Schwerpunkt werden, nicht nur ökonomisch und politisch, sondern auch künstlerisch.

Frage: Folgt daraus das Ansinnen, auch die finanzielle Basis Helleraus zu verbreitern?

Dieter Jaenicke: Was die öffentlichen Gelder angeht, bin ich nicht so optimistisch. Wir werden noch mehr Phantasien entwickeln müssen, wie wir auch andere Formen der Finanzierung einbeziehen können. Über Sponsoren aber können wir weder unseren Stellenplan noch unser Budget erhöhen, sind auch nicht die bevorzugten Partner etwa der Automobilindustrie.

Frage: Und das noch nicht einmal abgehobene, geschweige denn gelandete Ausbauprojekt Ostflügel?

Dieter Jaenicke: Ich denke, dass da etwas in Bewegung kommt. Bislang bricht das Gelände nach Osten hin irgendwie weg. Das kann nicht so bleiben. Und was mich richtig nervt, ist der Vorplatz, ein unendlicher Acker. Aber über solche Bauvorhaben muss der Stadtrat beschließen. Wir produzieren jetzt unter mühevollen Bedingungen, weil wir nicht genügend Probebühnen und Studios haben. Die Idee eines Proben- und Künstler-Residenzzentrums im Ostflügel wird den Charakter des Hauses noch einmal ganz stark verändern und zugleich an die Geschichte anknüpfen, als das Festspielhaus ein internationales Begegnungszentrum war. Künstleraufenthalte, Austausch und nebenan Produktionsort - wenn wir einmal so weit sind, wird Hellerau wirklich fast einmalig in Europa dastehen.

Frage: Fehlt noch das Stichwort Weltkulturerbe-Bewerbung. Die bringt ja erst einmal nichts, erfordert nur viel Vorlauf und Arbeit.

Dieter Jaenicke: Wir stehen mit dem Festspielhaus im Zentrum dieser Bewerbung, und der Aufwand ist in der Tat hoch. Wir haben das unsere getan, jetzt liegen Entscheidungen in der Hand von Kommissionen. Wenn wir es schafften, würden wir für die Stadt und den Stadtteil etwas Enormes bringen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.11.2013

Michael Bartsch

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