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Europas Lieblingsneurotiker ist zurück: Premiere von "Elling" an der Comödie Dresden

Europas Lieblingsneurotiker ist zurück: Premiere von "Elling" an der Comödie Dresden

"Hast du etwa ,Mein Kampf' auch nicht geschrieben?" Nein, hat der nicht gerade ein Leben in der Wahrheit führende Elling nicht, auch wenn er ein "nicht direkt" seinem Geständnis hinterher schiebt.

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Elling (fast) allein zu Haus: Christian Kühn in einer dankbaren Rolle.

Quelle: Robert Jentzsch

Viel schlimmer scheint es für seinen Kumpel Kjell Bjarne allerdings zu sein, dass das mit den Frauen, die Elling reihenweise flach gelegt haben will, auch nicht stimmt. Aber Kjell Bjarne ist nur kurz verstimmt, letztlich bittet er Elling, ihm weiter von Frauen(-geschichten) zu erzählen. Denn Kjell Barnes Hauptinteresse gilt - nach Essen - Sex, mag Elling der Jungfrau wider Willen Kjell Bjarne auch versichern, dass das mit dem Sex "überschätzt wird".

Elling, Europas Lieblingsneurotiker, ist wieder da. Mögen das Buch "Blutsbrüder" von Ingvar Ambjørnsen auch nur wenige gesehen haben, die Verfilmung durch Petter Næss kennen viele. Der Film über zwei Freunde, die nach der Entlassung aus einem Ort, "wo sich Leute nach einer hektischen Zeit etwas ausruhen können" (einer psychiatrischen Klinik also), die alltäglichen Hürden des realen Lebens wie Einkaufen oder Telefonieren meistern sollen, begeisterte ob der Komik und Leichtigkeit Millionen. Verglichen mit diesen Typen war Woody Allens Stadtneurotiker aber auch so was von "normal".Nun hatte in der Comödie Dresden das von Axel Hellstenius unter Mitwirkung von Næss verfasste Schauspiel dazu Premiere, wobei Swentja Krumscheidt bei "Elling - zwei gegen den Rest der Welt" Regie führte. Wie beim Film liegt eine der großen Stärken der Inszenierung darin, dass sie auf wunderbaren Schauspielern aufbauen kann, die durch ihre enorme Präsenz allein schon einen Gutteil der Tragkraft ausmachen: Christian Kühn als neurotischer, besserwisserischer und ängstlicher Elling und Oli Petszokat, der ganz der Typ großer tapsiger Bär und männliche Ausgabe eines Blondinenwitzes ist. An ihrer Seite agieren Tobias Schenke und Miriam Pielhau in verschiedensten Kleinrollen, wobei die wichtigsten der Sozialarbeiter Frank und die schwangere Reidun sind.

Kühn und Petszokat geben sich redlich Mühe, ihre Figuren nicht zu vollkommenen Freaks verkommen zulassen, aber natürlich liegt der Unterhaltungswert letztlich doch darin, dass sie es sind. Das sich im Saal immer wieder einstellende Lachen ist ein befreiendes - darüber, dass wir nicht so sind. Offensichtliche Abweichung vom Standard bei anderen beruhigt eben das eigene Gemüt. Vor allem Kühn hat weit mehr noch als Elling-Filmdarsteller Per Christian Ellefsen einen an der Waffel. So virtuos sein Tobsuchtsanfall beim von der Heimschwester aufgenötigten Geständnis ist - man fragt sich, wie man ihn in die Welt draußen entlassen kann, wenn er sich so aufführt? Andererseits gibt es Momente, die unterschwellig vermitteln, dass die Grenze zwischen den "Bekloppten" auf der einen Seite und den scheinbar Normalen auf der anderen durchaus nicht so klar zu ziehen ist. Die schwangere Frau (also Reidun), die Kjell Bjarne erst mal nur wortwörtlich findet (nämlich auf der Hausflurtreppe), hat mehr als nur ein Alkoholproblem.

Das Bühnenbild ist einfach wie genial. Die Wand, die die Welt draußen von der drinnen trennt, schwankt, gibt also keinen Halt. Wie vor allem Elling Probleme hat, die Schwelle zu betreten, wird von Kühn subtil ausgespielt. Nach der Pause dreht sich die Wand, an einer Stelle sogar richtig schnell, wenn nämlich die Gefühle überschwappen. Auch das ein schönes Bild.

Es gibt nicht viel an Schenkelklopfer-Humor. "Elling" ist erfrischend und unkonventionell, aber nun mal keine typische Boulevard-Klamotte (was jetzt keine Geringschätzung des Genres sein soll, denn eine gute Komödie muss man auch erst mal hinkriegen). Die tragische Seite von Ellings und Kjell Bjarnes Unbeholfenheit und Isolation kommt nicht zu kurz. Wer ehrlich zu sich ist, wird so manche der Strategien wiedererkennen, derer sich vor allem Elling zur Bewältigung all des Unbekannten bedient.

Es mangelt nicht an Momenten, die der berührenden wie witzigen Inszenierung einen ganz eigenen Charme verleihen, wo unabhängig vom Film eigene Akzente gesetzt werden, etwa wenn Kühn und Petszokat eine "Cats"-(Musical-)Nummer hinlegen, die gleichermaßen Hommage wie Parodie ist und unheimlich mitreißt. Politisch korrekte Gutmenschen seien gewarnt. So redet Elling an einer Stelle in alles andere als abfälliger oder gar denunziatorischer Weise von den ",Negern' in Oslo". Und später dann registriert der ständig auf Sex hoffende Kjell Bjarne (immerhin in Abwesenheit von Frauen, was ihm den Vorwurf erspart, ein Sexist zu sein) mit Begeisterung die "Riesentitten" einer auf der Straße erspähten Dame. Ob dieser Zeitbezug Zufall ist, ist unerheblich, er erfüllt seinen Zweck: Es wird gelacht. Von Männern und Frauen.

inächste Vorstellungen: Di & Mi., jeweils 19.30 Uhr, dann wieder vom 19. bis 28. Februar (außer montags)

www.comoedie-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.02.2013

Christian Ruf

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