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Euphorie im Schuhkarton - Die Fans feiern Depeche Mode in der ausverkauften Messehalle Dresden

Euphorie im Schuhkarton - Die Fans feiern Depeche Mode in der ausverkauften Messehalle Dresden

Die Erwartungshaltung des Publikums ist klar: Eine geile Show. Aber auch nicht mehr und selbstverständlich nicht weniger. Wer so lange dabeigeblieben ist, sei es die Band oder das Publikum, kämpft bestenfalls im Unterbewusstsein gegen die schöne Routine: Vorab ein Nummer-Eins-Album, die erfreuliche Erkenntnis, dass Depeche Mode nie ernsthaft stehenbleiben und ganz nebenher ihre Zeitlosigkeit zementieren und schließlich das mehr oder minder heimliche Aufatmen in den Konzerthallen, wenn Dave, Martin und Andy ihre Fans auch wieder mit einem relativ kompromisslosen Best-of-Programm verwöhnen.

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Black Celebration in Dresden: Dave Gahan auf Bühne und Leinwand, Euphorie in der Messehalle.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dass speziell diese Fans emotional an ihrer Band kleben wie Zuckerwasser in den Frisuren Pubertierender in der Landheimdisko 1987, ist weder naiv noch verwerflich. Der Sound der Band besitzt ein einzigartiges Timbre. Heerscharen von Electropop-Bands sind am Nachahmen gescheitert, unabhängig davon, wieviel Geld sie mit ihrem Scheitern verdient haben. Jene besondere Bindung zwischen Publikum und Band befeuert schließlich eine kollektive Euphorie, wie man sie nur bei Konzerten ganz weniger Bands erleben darf. Das gab es auch wieder in Dresden, das Depeche Mode 2006 zum ersten Mal besuchten. Und dass Fans, die so lange so intensiv dabei sind und im seltensten Fall enttäuscht wurden, eine gewisse Kontinuität schätzen, kann man ihnen schwerlich verübeln.

Und so sorgt die kantig-psychedelische, progressiv groovende Feinmechanik der hörenswerten kalifornischen Vorband The Soft Moon zwischen synthetischem Kraut und Post-Punk beim Publikum vornehmlich für ein freundlich zugewandtes Schulterzucken. Zudem scheinen Viele noch im Eruieren zu verharren, ob der zeitweilige Soundschlamm großzügige Shoegazing-Reminiszenz oder grandios unterbemittelte Akustik der Schuhkarton-Halle bedeutet. Wie man nur wenig später auch ohne audiophile Gene gemeinschaftlich feststellen wird, kann von Shoegazing keine Rede sein.

Dann, kurz vor 21 Uhr: erste Laolawellen, Sprechchöre, viele "Martin"-Zettel, überproportional viele "Dave"-Zettel und natürlich viel zu wenig "Fletch"-Zettel. Punkt neun starten Depeche Mode mit dem standesgemäß feierlichen "Welcome to my world" und schieben "Angel" gleich hinterher. Da ist Gahan schon um eine Jacke leichter und lässt bis zum Ende der Show auf den für alle in den hinteren zwei Dritteln der Messehalle verstauten Fans erfreulichen Großleinwänden allerhand Schweiß glitzern. Die lange Tour, vielleicht das Alter oder die etwas wunderliche Kombination mit der Kayal-Überdosierung - frühlingsfrisch wirken Gahan und Gore nicht gerade, und geben doch deutlich alles, verausgaben sich für ihr Publikum von Anfang an. "Fletch" muss man auch da wieder ausnehmen: Liebenswürdig statisch-elegische Tastenbedienung hinter abgedunkelter Brille mit absoluter Minimalchoreografie, nicht ganz frei von einem sympathischen selbstironischen Touch, der durchaus zu einem heimlichen Schmunzeln verleitet, während auch der langsam etwas angeknitterte Dave in knapper Weste und laszivem Dauerhüftschwung nicht nur für die allermeisten Damen im Saal den "Personal Jesus" gibt. Eine Nummer übrigens, die vor der Zugabe tatsächlich und erwartungsgemäß in eine wahre Messe ausartet. Davor gibt es durchaus ein paar kleine Überraschungen: "Walking in my shoes" basslastig nach vorn rumpelnd umarrangiert, gänzlich unzäh, wohl auch Dank des hochlebendigen, ergänzenden Drummings von Tour-Schlagzeuger Christian Eigner. Ein nicht weniger gefeiertes "In your room" als Widerspruch zur ansonsten gewohnt verhältnismäßig starren Setlist einer Depeche-Mode-Tour. Und nicht zu vergessen: "Black Celebration" als Uraltperle und Sowieso-Hymne. Dann wieder eine Konstante: Martin Gore darf für insgesamt drei Nummern am Abend in melancholischem Solo-Pathos schwelgen, was mit dem wenig kontrastierenden Geklimper von Tour-Keyboarder Peter Gordeno um Haaresbreite eine operettenhafte Note vermeidet und das Publikum freundlich spaltet - in die, die nun komplett und unwiderruflich dahinschmelzen und die, die mal für dies oder das nach draußen gehen.

Was zur Zugabe und kurz vor Vollendung der zweiten runden Konzertstunde bei "Just can't get enough" und "I feel you" in der Halle vor sich geht, spottet jeder Beschreibung und ist zweifelsohne - herrlich. Kein Zweifel, dass die freilich eher perfekt-routiniert als spontan agierenden Götter ihren Truppen zuverlässig einen glücklichen Heimweg beschert haben.

Dass man trotz dieses Umstandes beim Verlassen der Halle im Vorbeigehen immer wieder auch deutlich formulierten Frust zum Veranstaltungsort aufschnappt, sollte also den Veranstaltern als ganz besonderes Alarmsignal gelten. Fraglich, warum man sich den Aufwand mit der Messehalle macht - bescheidene Sicht für einen Großteil des Publikums, eine Klangpampe vor dem Herrn und die Atmosphäre eines begehbaren Kleiderschranks. Und wenn das sowieso alles faktorisch egal ist, weil die Leute ja auch dafür 80 Euro bezahlen, könnte man die Show genauso gut in irgend einem Parkhaus in der Innenstadt veranstalten. Oder im Leipziger Citytunnel. Denn die Dresdner Optionen, was die großen Hallen angeht, sind bekanntlich und höchst bedauerlich beschränkt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.02.2014

Niklas Sommer

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