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Erwartungen an eine kommunalisierte Musikschule

Schütz-Konservatorium Erwartungen an eine kommunalisierte Musikschule

Nach dem Privatisierungswahn der 1990-er Jahre liegt die Rekommunalisierung von städtischen Energieversorgern und Dienstleistern zwar wieder im Trend. Doch es soll nur einen einzigen weiteren Fall in Deutschland geben, wo eine privatisierte Musikschule wieder in städtische Trägerschaft zurückgeführt wurde.

Kati Kasper, Geschäftsführerin des Schütz-Konservatoriums.

Quelle: Frank Höhler (Archiv)

Dresden. Nach dem Privatisierungswahn der 1990-er Jahre liegt die Rekommunalisierung von städtischen Energieversorgern und Dienstleistern zwar wieder im Trend. Doch es soll nur einen einzigen weiteren Fall in Deutschland geben, wo eine privatisierte Musikschule wieder in städtische Trägerschaft zurückgeführt wurde. In Dresden ist dies erklärte Absicht der Quasi-Koalition aus Linken, Grünen, SPD und Piraten. Die Kulturverwaltung hat eine Vorlage erarbeitet und der Kulturausschuss hat sich prinzipiell dafür ausgesprochen, das bisher in Vereinsträgerschaft arbeitende Heinrich-Schütz-Konservatorium als kommunalen Eigenbetrieb weiterzuführen. Am kommenden Donnerstag soll der Stadtrat endgültig die Weichen stellen. Im Konservatorium wünschte man sich eine einstimmige Entscheidung, aber dazu wird es absehbar nicht kommen. In der CDU und bei Finanzpolitikern gibt es Vorbehalte. Zuvor wird das Konservatorium an diesem Wochenende noch einmal an die Vereinsgründung nach der Entlassung aus der Landesträgerschaft vor 20 Jahren erinnern – schon fast ein Anachronismus angesichts des bevorstehenden Trägerwechsels.

Der wird mittlerweile am Haupthaus auf der Glacisstraße vorbehaltlos begrüßt. Am wenigsten zählt noch das oft kolportierte Argument, eine Schule mit derzeit 6 200 Schülern sei zu groß für eine Vereinsstruktur. Man habe den Haushalt von etwa 6 Millionen Euro bislang ja auch bewältigt, gibt Geschäftsführerin Kati Kasper zu bedenken. Sie erinnert allerdings an die zahlreichen Krisen, ausgelöst durch Rückzüge beim Förderanteil des Freistaates oder durch Sparrunden im Stadthaushalt. Sehr schnell habe dann die Insolvenz gedroht. Hier verspricht man sich im Schoß der Stadt mehr Stabilität, wobei allerdings auch die Warnung des früheren Kulturbürgermeisters Ralf Lunau gilt, eine städtische Trägerschaft garantiere nicht automatisch mehr Finanzierungssicherheit. Diese Sicherheit ist mehr eine gefühlte, atmosphärische und hängt mit der ausdrücklichen und direkten Verantwortung zusammen, die die Stadt nun für ihre Musikschule übernimmt. Von einem „Bekenntnis“ und von „richtiger Verankerung in der Stadt“ sprechen Kati Kasper und der Betriebsratsvorsitzende Henry Kowallik. Der Gitarrenlehrer setzt noch eins drauf und nennt die Kommunalisierung ein „ganzheitliches Signal“, das auf Akzeptanz und Aktivitäten vielfältig ausstrahlen werde.

Am praktischen musikpädagogischen Alltag wird sich voraussichtlich wenig ändern. Da tut sich aus anderen Gründen derzeit schon Einschneidendes. Eben noch rechtzeitig zum Schuljahresbeginn ist das Kraftwerk Mitte als „zentrale Außenstelle“ bezugsfähig geworden. Seit der Schließung der ehemaligen städtischen Musikschule auf der Tiergartenstraße nach der Fusion mit der Landesmusikschule habe man nach einem solchen Standort auf der Altstädter Seite gesucht, gibt Geschäftsführerin Kati Kasper zu bedenken. Für einige Kinder und Eltern seien die Wege länger geworden, räumt sie ein, südwestliche Stadtteile würden hingegen nun besser erschlossen. Wegen der Schließung der Außenstelle in Trachenberge und des Teilrückzugs aus der Tenza-Schmiede in Johannstadt seien Schüler abgesprungen, andere konnten gewonnen werden. Per Saldo steht ein Zuwachs um 200 auf 6 200 Schüler. Wächst Dresdens Bevölkerung weiter wie bisher, könnten es im Jahr 2020 schon 7 900 Schüler sein, wenn der Proporz beibehalten werden soll. Das sei eine Frage des politischen Willens, kommentiert Kati Kasper lakonisch, denn solche zusätzlichen Aufgaben erforderten eine Etaterhöhung. Dem Auftrag einer musikalischen Breitenausbildung in Verbindung mit besonderer Begabtenförderung werde das Eigenbetriebsmodell bei solchem Wachstum besser gerecht, erklärt der Betriebsrat.

Zu dieser Rechtsformänderung wird es wohl erst zu Beginn des Schuljahres 2017/18 und nicht schon zu Jahresbeginn 2017 kommen, wie ursprünglich vorgesehen. Dann müssen ein Betriebsübergang vereinbart und Verträge neu ausgehandelt werden. Das Schütz-Konservatorium möchte seine ohnehin sehr schmale Verwaltung am Haus behalten, aber noch ist nicht entschieden, ob das Rathaus hier zentral Teile übernimmt. Formalien, die zunächst einmal kein zusätzliches Geld kosten, betont Geschäftsführerin Kasper. Doch mit dem Trägerschaftswechsel hin zur Stadt wittern vor allem die Lehrkräfte eine Chance, lang anstehende Probleme endlich zu lösen. So sieht das ursprüngliche, mit der Steuerungsgruppe entworfene Konzept vor, den Anteil fest angestellter, also volltariflich bezahlter Pädagogen von 50 auf 80 Prozent zu erhöhen. Auf 60 Prozent wird es nun hinauslaufen, ein Plus von gerade mal sieben Stellen. Ein schwacher Trost für die freien Honorarkräfte, die für weniger als die Hälfte des Tariflohnes arbeiten und oft in prekären Einkommensverhältnissen leben. In einigen Instrumentengruppen wie Oboe oder Schlagwerk bestreiten sie den Unterricht ausschließlich, beim Elementarunterricht ganz überwiegend. „Wir brauchen hier unbedingt mehr feste Stellen“, fordert die Geschäftsführerin.

Der in der Stadtratsvorlage enthaltene Stufenplan für die freien Honorarkräfte sieht für das kommende Jahr eine erste Erhöhung von derzeit real 22 Euro pro Unterrichtsstunde auf durchschnittlich 25 Euro vor. Der Geiger Christoph Geibel von der Vertretung der Freien und der Tonkünstlerverband sehen das zwar als völlig unzureichend an, bedanken sich aber dafür, dass sich überhaupt etwas bewegt. In einem Schreiben an die Stadträte fordern sic, dass diese 25 Euro nicht als Durchschnittswert angesehen werden, sondern schon für den am geringsten entlohnten Einzelunterricht gelten sollen. Für Gruppen- und Klassenunterricht steigen die Stundenhonorare auf bis zu 32 Euro. Kati Kasper gibt auch zu bedenken, dass eine 45-Minuten-Einheit für eine Honorarkraft nicht mit der Entlohnung einer Festangestellten verglichen werden könne. Vor- und Nachbereitung seien zwar für alle gleich, aber auf die Hauskräfte kämen begleitende Organisationsaufgaben wie Veranstaltungen, Konzerte und Konferenzen hinzu. Am unternehmerischen Risiko, das ein Freiberufler zu tragen habe, könne sie auch im Interesse der Flexibilität der Schule nichts ändern. Die Forderungen der Freien seien aber im Prinzip berechtigt. Dass sie auch vom bestehenden Betriebsrat solidarisch vertreten werden könnten, verbietet leider das Betriebsverfassungsgesetz, konstatiert guten Willens Henry Kowallik.

Eine Entgelterhöhung um zwei Prozent wird den Eltern auch in der neuen Rechtsform nicht erspart bleiben. Aber „Entwicklungen“, wie Kati Kasper sagt, sollen moderater ausfallen als bisher. Die stetig mehr in Anspruch genommenen Sozial- und Geschwisterermäßigungen bleiben erhalten. 828 000 Euro Mehrbedarf hat das Schütz-Konservatorium angemeldet, bis zu einer halben Million städtischen Aufschlag könnte es tatsächlich bekommen. Mehr sei aus taktischen Gründen den Finanzpolitikern nicht zuzumuten, lässt Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (Linke) durchblicken. Besonders hinsichtlich der Honorierung der freien Lehrkräfte sieht sie sich in einer Pufferposition. Man dürfe durch zu hohe Forderungen an dieser Stelle die Kommunalisierung insgesamt nicht gefährden, gibt sie in aller Sympathie für die musizierenden Freelancer zu bedenken.

Von Michael Bartsch

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