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Erstaunlich junges Publikum bei Auftritt von R&B-Legende Andre Williams im Beatpol

Erstaunlich junges Publikum bei Auftritt von R&B-Legende Andre Williams im Beatpol

Der etwas schlüpfrige Altherrenwitz mit der Pointe "Gestern ging's noch" auf die Frage "Wie geht es dir?" bekommt in der Altherrenmusik eine eigene Bedeutung. Dabei geht es nicht einmal ums Ableben vor der Zeit, sondern darum, ob es sich wirklich noch lohnt, Strammsiebzigjährige mit Rhythm'n'Blues- und Soul-Vergangenheit auf Tour zu schicken.

Andre Williams (75) schickt sich selbst auf die Reise. Immer wieder. Und am Sonntag im Beatpol ging's noch.

Gut, man hörte von einem etwas seltsamen Ein-Satz-Interview im Backstage des Clubs, er doppelte auch schon mal die Ansagen zwischen den Songs, aber dennoch hatte sich einer der nun wirklich lebenden Legenden ordentlich im Griff. Und das vor einem erstaunlich jungen Publikum, das zu Teilen vielleicht nur mal schauen wollte und dann jede Menge zu hören bekam. Andre Williams agierte nicht aus einem Schaufenster heraus wie ein smart gekleideter Puppenmann, er zeigte phasenweise äußerst bestimmt auf die Harke an der Wand.

Natürlich ist die Band gut. Seit sieben Jahren arbeitet Williams immer wieder mit den Chicagoer Goldstars zusammen, einer veritablen Garagen-Rockabilly-R&B-Truppe, die sich hinter Codenamen verschanzt - Sal (bg, voc), Skipper (keyb), Dag (g), Goodtime (dr) -, aber alles in allem ein vorzügliches Traditionsgebräu serviert, ohne Trash auszustellen. Die fuzzy Gitarre ist also keineswegs versifft, sondern fast gediegen im Klangbild, die Tasten entstammen keinem Messi-Haushalt, sondern haben nur ihren ordentlichen Glühpunkt, Bass und Drums ziehen aufgeräumt durch. Vom Stand weg sind die vier da - und nach 20 Minuten schon wieder weg: Sie waren ihr eigener Support.

Die Celebration-Zeremonie für "Mr. Rhythm" ist dann kurz und heftig und gar nicht so schlimm: Skipper fordert Hände für den Meister. Er bekommt sie, während Andre Williams galant auf die Rampe tänzelt und das sprichwörtliche "Hier hab' ich Soul, hier will ich sein" angeht. Mit "Dirt" von der neuen Platte "Hoods And Shades", einem enormen Murmler vor dem Herrn. Williams' Stimme ist fest, wenngleich das rau-herzliche Croonen längst nicht mehr alle Facetten in sich trägt. Er selbst ist präsent, in den Stücken konzentriert und wird es die gesamte Stunde sein, in der er sich in sechs Jahrzehnte beugt, dabei speziell auf die treibenden Stücke auch der späten Karriere setzt ("Pray For Your Daughter"!). Und auf sprechgesungene Edelsteine wie "Bacon Fat", "Jail Bait" oder "Mustang Sally" im Urzustand. Wundersam: Von "Shake A Tail Feather" hat er wahrscheinlich selbst genug - es fehlt.

Berührend, wie Williams die jungen Frauen mit "Let Me Put It In" noch immer an-wallt, wobei das offen Schlüpfrige nichts Peinliches und Aufdringliches, eher etwas Friedfertiges hat, gut gekleidet wie er noch immer ist - im Cab-Calloway-Look mit dunklem Anzug, hernach in hellbuntem Sakko oder weißer Weste, die Goldkügelchen klingeln am Ohrring.

Jene Hysterie, mit der ihn etwas ältere Frauenzimmer in anderen Städten noch voller Hoffnung anwimmern, fehlt in Dresden - gottlob.

Andre Williams war also noch mal da. Das war's jetzt. War es das?

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.05.2012

Andreas Körner

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