Volltextsuche über das Angebot:

28 ° / 18 ° Gewitter

Navigation:
Google+
Erinnerung an den vor 200 Jahren gestorbenen Dresdner Kreuzkantor Christian Ehregott Weinlig

Erinnerung an den vor 200 Jahren gestorbenen Dresdner Kreuzkantor Christian Ehregott Weinlig

Als im Dezember 1784 der wohl bedeutendste Kreuzkantor des 18. Jahrhunderts, der Bach-Schüler Gottfried August Homilius, einen Schlaganfall erlitt, ersuchte er den Rat der Stadt Dresden, ihn nach fast 30 Dienstjahren zu emeritieren und ihm zunächst einen Substituten zur Seite zu stellen.

Da sein für diese Aufgabe vorgeschlagener ehemaliger Schüler Christian Ehregott Weinlig, der seit 1780 als Organist an der Frauenkirche wirkte, eine unter Vorsitz des kurfürstlichen Kapellmeisters Johann Gottlieb Naumann abgelegte Prüfung glänzend bestand, erhielt er unter Beibehaltung der Organistenstelle die Vertretung seines Lehrers zugesprochen. Als Homilius im März 1785 emeritiert wurde, jedoch bereits im Juli verstarb, wurde Weinlig am 25. Oktober das vakante Kreuzkantorat ohne weitere Prüfungsformalitäten übertragen.

Christian Ehregott Weinlig, am 28. September 1743 in Dresden geboren, entstammte einer angesehenen Familie. Der 1762 verstorbene Vater Christian Weinlig war Stadtschreiber, Stadtsyndikus sowie seit 1744 Bürgermeister und zusätzlich ab 1746 Stadtbaumeister in Dresden gewesen. Christan Traugott, der älteste Bruder Ehregotts, war kurfürstlicher Hofbaumeister und Oberlandbaumeister. Er selbst hatte als Externer die Kreuzschule besucht und nebenbei von Kantor Homilius Unterricht in Generalbass und Komposition erhalten. 1763 begann er an der Leipziger Universität Theologie zu studieren, um sich jedoch bald der Musik zuzuwenden, zumal er bereits für die Kochsche Schauspielergesellschaft verschiedene erfolgreiche Ballette und Singspiele komponiert hatte. 1767 wurde er Organist der Reformierten Kirche in Leipzig, 1770 übernahm er ein Organistenamt in Thorn (heute polnisch Torùn). Dort entstanden auch weitere Kompositionen, vor allem ein umfangreiches Passionsoratorium, das am Karfreitag 1777 unter Homilius' Leitung in der Dresdner Frauenkirche erklang.

Dass er fortan Wert darauf legte, das traditionell vom Kreuzkantor erwartete alljährliche Passsionsoratorium in der Frauen- bzw. nach Fertigstellung der neuen Kreuzkirche ab 1792 wieder in der angestammten Heimstätte seines Chores möglichst repräsentativ musikalisch und interpretatorisch auszustatten, versteht sich. So führte er - noch als Adjunkt am Karfreitag 1785 - seine Passion "Der Christ am Grabe Jesu" auf, "ein wahres Meisterstück, hier ist ein zweiter Homilius", wie ein kritischer Zeitgenosse jubelte. Zum Erfolg des Werkes trug zweifelsohne seine vorhergehende Stellung als Accompagnist der Hofoper bei, die die Bekanntschaft mit dortigen Sängern und Instrumentalisten begründete.

Bisher waren die Soli meist von den besten Sängern unter den Alumnen, den Ratsdiskantisten, ausgeführt worden, die bei ihren "Operndiensten" gesangliche Manieren wie Kolloraturen, Triller, Passagen u.a. den "Profis" abgelauscht hatten. Weinlig ließ jedoch die Haupt-soli, vor allem in "Bravourarien", von Opernsolisten singen. So bürgerte sich die häufige Mitwirkung der Kräfte von Hofoper und -kapelle in besonderen kirchenmusikalischen Aufführungen ein. Auch die allwöchentlichen Vespern, die damals am Sonntagnachmittag stattfanden, erhielten eine immer größere Bedeutung für das städtische Musikleben.

Am Karfreitag 1787 erklang erstmals Weinligs Oratorium "Jesus Christus leidend und sterbend". Stärker als bei Homilius atmeten die Arien dieses Werkes den Geist einer neuen Zeit: Empfindsamkeit, Rührung, theatralisches Pathos, Opernnähe. Das zielte auf die mit einem Stilwandel verbundene Säkularisierung der evangelischen Kirchenmusik in der zweiten Hälfte des 18. bis ins 19. Jahrhunderts, die sich natürlich auch in den Kompositionen der Kreuzkantoren jener Zeit widerspiegelte.

Alle zwei bis drei Jahre schuf der Kantor ein derartig großes oratorisches Werk, während er in den Zwischenjahren ältere, teilweise überarbeitete Schöpfungen wiederholte. In seiner Dresdner Amtszeit entstanden etwa 13 Passionsoratorien. Der Neffe und spätere Thomaskantor Christian Theodor Weinlig, der von 1814 bis 1817 auch Kreuzkantor war, überführte die Manuskripte dieser Werke neben zahlreichen anderen Kompositionen seines Onkels, so Kantaten, Psalmen und lateinische Kirchenstücke, in die Notenbibliothek der Leipziger Thomasschule. Noch zu Lebzeiten Ehregott Weinligs erklangen wiederholt Werke aus seiner Feder sogar in den Gewandhauskonzerten. Auch zahlreiche Kantoreien wandten sich seinem Schaffen zu, daher sind die überlieferten Kompositionen heute auf verschiedene Bibliotheken verteilt.

Einen Höhepunkt seiner Dresdner Kantorenzeit bedeutete gewiss der Festgottesdienst zur Einweihung der neuen Kreuzkirche am 22. November 1792, in dem vor der Predigt Weinligs einstündige Kantate für drei Chöre und Orchester "Ehrfurchtsvoll, o Gott, betreten wir" erklang. 120 Personen sollen an deren Aufführung mitgewirkt haben. Die Choristen waren in drei Gruppen aufgeteilt, zur Verstärkung der Alumnen wurden die Kurrendaner herangezogen, deren Zahl in den Folgejahren allerdings beträchtlich abnahm, da die Singumgänge nicht mehr als zeitgemäß empfunden wurden. Ärzte und Pädagogen hatten sich gegen das gesundheitsschädigende Singen im Freien ausgesprochen.

An dieser Stelle sei noch auf die Liedkompositionen Weinligs hingewiesen, die in den 1790er Jahren neben entsprechenden Beiträgen der "höfischen" Meister Johann Gottlieb Naumann, Joseph Schuster und Franz Seydelmann, allesamt Repräsentanten des sogenannten Dresdner Liederkreises, entstanden sind.

Aus Weinligs Schülerkreis ging eine ganze Reihe namhafter Talente hervor, Organisten, Opernsänger, Kammermusiker, Dirigenten. 1809 musste der Neffe die Leitung der großen Passionsoratorien übernehmen, da schon seit 1793 des Kreuzkantors Kräfte krankheitsbedingt nachgelassen hatten. Noch nicht ganz 70 Jahre alt, starb Christian Ehregott Weinlig am 14. März 1813 und wurde am 18. März in der Weinligschen Familiengruft auf dem Eliasfriedhof beigesetzt. Da Theodor Weinlig erwartet hatte, ohne weiteres das Amt seines verstorbenen Onkels übertragen zu bekommen, sich hierin aber getäuscht sah, trat er von seiner Bewerbung zurück.

Gottlieb August Krille, ein weiterer Schüler Ehregotts, wurde stattdessen berufen, verstarb jedoch schon zwei Monate nach Amtsübernahme 34-jährig an Lazarettfieber als Opfer des Kriegselends, das 1813 in Dresden herrschte. Da das Kreuzkantorat nun unerwartet wieder verwaist war, bewarb sich Christian Theodor Weinlig aufs Neue und wurde am 18. Februar 1814 Kreuzkantor, nunmehr ohne Kantoratsprüfung.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 14.03.2013

Dieter Härtwig

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr