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Erinnern und entdecken - Malerei von Ulla Andersson im Schloss Reinhardtsgrimma

Erinnern und entdecken - Malerei von Ulla Andersson im Schloss Reinhardtsgrimma

Erinnern und Entdecken sind Grundbedürfnisse des Menschen, die ein Leben lang vorhalten. Zu Anfang entdecken Kinder ihre Welt. So lange dieser Drang währt, so lange sind wir aufgeschlossen für Neues, können staunen, uns freuen, ärgern und trauern.

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Ulla Andersson: Blick vom Balkon (Zielona Góra). Acryl auf Hartfaser. Repro: Roland Gladasch

Mit den Jahren aber wird der Schatz an Erfahrungen umfangreicher. Wir beginnen Wichtiges und Nebensächliches zu unterscheiden. Manchmal wird der Wert einer Sache erst viel später, in der Erinnerung, erkannt. Erinnerungen aber neigen dazu, Ereignisse zu verklären, während Negatives oft verdrängt wird, wenn es überwunden ist.

Die Kunst kann die ausgefallensten Erinnerungen in neuem Licht erscheinen lassen, aber auch die alltäglichsten. Sie kann es laut und schrill tun - Ulla Andersson tut es leise, voll Erstaunen. Ihre Häuser zum Beispiel baut sie am liebsten viereckig: frontal, aus vier Wänden mit Fenstern darin und mit einem spitzen Giebeldach darüber. Was kann so ein Haus erzählen, was lässt sich rings umher entdecken: Steht es allein, lässt aber Bäume und Sträucher an sich heran? Oder schmiegt es sich eng an andere Häuser? Liegt es an einem Weg oder an einer Straße, am Hang eines Berges oder am Ufer eines Flusses? Fahren Autos oder laufen Menschen vorbei? Schiffe und Boote kann man entdecken, Vögel, Hunde, Leitern, Straßenschilder, Laternen, Schornsteine- eine Bank.

Die Künstlerin selektiert, verallgemeinert, vereinfacht. Sie liebt überschaubare Motive, Menschen bei Alltagsbegegnungen. Sie färbt nichts schön. Darum erscheint ihr bildliches Erinnern unverklärt und gegenwärtig. Sie entdeckt die malerischen Seiten eines unspektakulären Bahngeländes und den funktionalen Bau einer Remise. Sie sieht nützliche Dinge in ihrer Zweckbezogenheit und misst ihnen Bedeutung bei: Zäune und Geländer, die Sicherheit geben, zugleich aber einschränken. Wohnwagen hingegen, Zirkuswagen oder ein Zelt wecken Fernweh.

Ulla Andersson zeigt Erinnerungen an das kleine Dorf Sa Calobra an der Nordwestküste Mallorcas. Eng und steil schlängeln sich dort die Stiegen zwischen Fels, Stützgemäuer und Häusern empor, Natur- und gebaute Formen arrangieren sich miteinander, und dazwischen finden noch die Rümpfe an Land gezogener Boote Platz. In Portocolom hingegen nüchterne Zweckarchitektur, wie es sie mittlerweile überall gibt. Ausgenommen eine "Arabische Stadt", die mit ihren starkwandigen Häuserkuben, mit Flachdächern, Kuppeln und Zinnenkränzen festungsartig der Sonne trotzt. Warmes braunes Tonpapier lässt die weißen Gemäuer kühl erstrahlen.

Selten arbeitet Ulla Andersson direkt vor der Natur. Sie will keine bloßen Abbilder schaffen. Sie sucht nach dem Wesen von Menschen und Dingen, sucht das Besondere und findet immer wieder das Einfache. Sie verdichtet, gibt Eigenes dazu und setzt es in verschiedenen Techniken um. Hier vor allem in Acrylmalerei und in Mischtechniken, mit denen sie ältere Arbeiten übermalt und beklebt. So entstehen neue Bilder in klar überschaubaren Kompositionen, meist schwarzkonturiert nach Beckmannscher oder Rouoltscher Art, wobei mitunter unergründliche Überlagerungen entstehen. Collageelemente setzt sie sparsam ein: Meist mit Humor, wenn sie etwas entdeckt, was zu einer besonderen Situation passt: Im Bild "Gestrandet" treibt eine alte Postkarte mit den Wogen auf einen Landungssteg zu. Im Bild "Kolin" wird mit einer Handvoll blauer und weißer Schnipsel eine bildparallele Häuserfront belebt, sie macht die mittägliche Stille hörbar, indem man sich an rauschendes Flügelschlagen erinnert. Sie gibt dem Motiv Leichtigkeit und Heiterkeit. Außer sattem Gelb und leuchtendem Blau flammt zwischen dunklen Konturen und zur Monochromie neigenden Gründen auch einmal eine altrosa Brandmauer oder ein karminrotes Dach auf. Wenn die Bilder um die Mittagszeit im Schloss voll im Sonnenschein liegen, leuchten sie aus sich heraus voller verhaltener Poesie.

Poesie und Literatur sind es auch, von der sich die Dresdner Künstlerin gelegentlich inspirieren lässt. In den Tagebüchern von Max Frisch fand sie die Sätze: "Der Anblick ist da. Das Erlebnis noch nicht. Man gleicht einem Film, der belichtet wird. Entwickeln wird es die Erinnerung." So macht sie sich ihre Eindrücke bewusst erlebbar, indem sie aus der Erinnerung alle wichtigen Entdeckungen zu einem übergeordneten, vereinfachten Bild verdichtet.

Schloss Reinhardtsgrimma, Mo-Do 7.30-16 Uhr, Fr 7.30-14 Uhr, zu Veranstaltungen bzw. nach Vereinbarung

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.09.2012

Jördis Lademann

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