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Erik Lehmann und Philipp Schaller überzeugen mit ihrem Programm in der Dresdner Herkuleskeule

Erik Lehmann und Philipp Schaller überzeugen mit ihrem Programm in der Dresdner Herkuleskeule

Runde zwei im kabarettistischen Kampf der Generationen - auf die Greatest Hits von Rainer Schulze und Wolfgang Schaller, die vor zwei Wochen unter dem Motto "Alles bleibt anders" (nur nicht die Feindbilder) Premiere feierten, folgte jetzt in der Herkuleskeule ein Querschnitt durchs bisherige Schaffen des Nachwuchses.

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Philipp Schaller (li.) und Erik Lehmann.

Quelle: Hans-Ludwig Böhme

"Wir geben unser Bestes", verheißt das Programm von Erik Lehmann und Philipp Schaller, die (gemeinsam mit Michael Feindler) normalerweise als "Spätzünder" dem Politbetrieb einheizen. Als "Nachwuchs" ist der dynamische Kabarett-Kader freilich nur unzureichend charakterisiert, betreibt er sein Handwerk doch schon geraume Zeit auf bundesdeutschen Kleinkunstbühnen, textet für einander und für andere und beweist Abgeklärtheit im Auftritt. Nur wer schon das Elend der Welt im Zuschauerraum gesehen hat, kann sich durch eine so hinreißende Typologie wie das Gelächter-Panoptikum im Kabarettsaal kichern, husten und röcheln.

Um das einfache "Meerschwein" und den "doppelten Raucher mit Auswurf und Drehaschenbecher" zu meistern, braucht es schon ein paar Jahre Fronterfahrung. Was nach diesem glänzenden Auftakt folgte, war ein von Lehmann als kostümbewährtem Conférencier im Dialog mit dem streng blickenden Schaller absolvierter Gang durchs gemeinsame Schaffen, untersetzt mit gekonnter Publikumsbeleidigung und im Clinch mit Olli von der Tontechnik, der ab und zu über den Lichtschalter stolpert.

Teil eins des Abends ist solide und amüsant, doch es bedarf des zarten Floretts der gegenseitigen Verunglimpfung (mit Grammatik-Gefechten als Running Gag), damit Lehmann und Schaller während der ersten sechzig Minuten Herr der Lage bleiben. Hier fehlt es der Satire ein wenig an Abwechslung im Feindbild, denn für die gewählten Zielscheiben bedarf es keiner großen Anstrengung: Schaller knüpft sich in seinen Monologen das satte Bionade-Biedermeier im Dinkelrausch vor, Lehmann schüttelt ein paar Mundart-gesättigte Spießer aus dem Ärmel, wie den "Primel-Nazi" Uwe aus der Kleingartenparzelle, der ja durchaus für Integration ist, "nur nicht in unmittelbarer Nachbarschaft". In seinen besten Momenten wird dieser Grundkurs im Kleinbürger-Abwatschen zum Meta-Kabarett, das sich selbst zuschaut und als Stereotypen-Parade entlarvt. "Zu schwarzweiß?" fragt Schaller. "Fürs Kabarett reicht's", weiß sein Mitspieler.

Der gut abgeschmeckten Mischung aus Dialekt und Dialektik würde man auch auf Sparflamme noch ein Stündchen folgen können, doch wie Mario Grünewalds Inszenierung im zweiten Teil das Tempo anzieht und neue Nuancen ins Spiel bringt, ist grandios.

Dass Erik Lehmann aus seinem Kostümfundus die schrillen Perücken und High Heels hervorzaubert, verheißt nix Gutes, aber ihm gelingen herausragende Karikaturen. Da ist sein schriller Motivationsguru, der den leidlich motivierten Bundeswehrsoldaten im Afghanistaneinsatz vergeblich "positive Energie" einzuimpfen sucht. Da ist Witwe Ruth, deren Mann seine körperlichen Überreste den "Körperwelten" gestiftet hat, weshalb sie nun die Einzelteile bei ebay wieder zusammenkratzen muss. Und wenn der unfassbare Zynismus der Darstellung Behinderter im Privatfernsehen auf die Tagesordnung kommt, dann verstummt das Lachen sogar. Philipp Schaller beweist indessen, dass sich das Best-of-Format auch mit Tagesaktualität verträgt. Er nimmt mit rhetorisch glänzend ummanteltem Sarkasmus erst den drohnenbewährten Pazifisten-Azubi de Maizière und dann den sanftmütigen Wutbürger ins Visier, der die "spontan organisierte" Revolution "am Freitag so bis mittags" noch in den Terminkalender kriegen könnte, natürlich nur, wenn ihm der TÜV vorher die Barrikaden aus Teakholz abnimmt.

Richterspruch nach zwei Runden fernmündlichem Duell: Punktsieg für die Jugend. Im Hinblick auf die Revolution auch kein schlechtes Zeichen, wenn das Establishment mal den Kürzeren zieht.

iwieder: 29./31.10., 3./4.11.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.10.2013

Wieland Schwanebeck

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