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Entlarvung von Lebenslügen: David Hares Stück "Skylight. Heim-Suchung" hatte Premiere an Hoppes Hoftheater in Dresden-Weißig

Entlarvung von Lebenslügen: David Hares Stück "Skylight. Heim-Suchung" hatte Premiere an Hoppes Hoftheater in Dresden-Weißig

Sich die Probleme einer Frau anhören, bloß um sie ins Bett zu kriegen? "So weit würde ich mich nie erniedrigen", stellt der 50-jährige, millionenschwere Geschäftsmann Tom gegenüber der etwa 30-jährigen Kyra klar.

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Hatten eine Affäre: Kyra (Johanna-Julia Spitzer) und Tom (Michael Günther) in David Hares Stück "Skylight. Heim-Suchung".

Quelle: Marko Förster

In der Tat hat er auch so Sex mit seiner Ex, die dem wie ein Geist aus alten Zeiten unerwartet hereingeschneiten Besucher erst noch erklärt hatte: "Meinst Du nicht, dass ich nicht schon genug Erinnerungen habe?" Nach der alte Erinnerungen auffrischenden Nummer holen Tom die Probleme aber doch ein. Nicht nur die der Frau, sondern auch die eigenen. Er tut schließlich sogar das, was Männer gar nicht gern tun, viele sogar nach Ansicht von Frauen gar nicht können: über Gefühle reden. Sechs Jahre lang hatte er mit Kyra eine Affäre, die Kyra abrupt beendete, als Toms Frau Alice davon erfuhr. Sie haben sich lange nicht gesehen. Tom ist verwitwet, seine Frau starb vor einem Jahr an Krebs, die dem "mit Geld gefütterten Kokon" entflohene Kyra ist mittlerweile Lehrerin in einem Viertel Londons, das in etwa einen ähnlich "guten" Leumund hat wie Neukölln in Berlin.

Das ist die Grundkonstellation von Sir David Hares Stück "Skylight", das ergänzt um den Titel "Heim-Suchung" in Hoppes Hoftheater Premiere hatte. Von den englischen Theaterkritikern ist das von Helfried Schöbel in gewohnt überzeugender Manier in Szene gesetzte Werk 1998 zum "Stück des Jahres" gekürt worden - nach etwas über zwei Stunden muss man anerkennen, dass das eine gute Wahl war. Wie hier Ängste, Bedürfnisse, Eitelkeiten und eigene Lebenslügen seziert werden, das ist schon sehr beeindruckend. Und dass sich manche Dinge nie ändern, beweist ein Satz wie "Banken beherrschen die Welt".

Es ist ein Drei-Personen-Stück. Zunächst bekommt Kyra nämlich überraschend Besuch von Toms ebenfalls lange nicht mehr gesehenem Sohn Edward. Philipp Manuel Schöbel spielt den zwar groß gewordenen, nichtsdestotrotz unsicheren, mit seinen Problemen vom Vater ziemlich allein gelassenen Jugendlichen recht gut. Immerhin ist er so weit erwachsen geworden, dass er, wie Kyra (Johanna-Julia Spitzer) amüsiert konstatiert, "das ist aber eine schöne Wohnung" sagt, statt frank und frei das, was Sache ist: Es ist eine Bruchbude, in der Kyra haust, mühsam knapp überm Gefrierpunkt gehalten von einem Heizstrahler.

Sein Vater ist da von anderem Holz. Geschäftsmann eben. Tom (Michael Günther) weiß, wie das Spiel läuft. Für ihn, der selbst aus der Gosse kommt und sich hochgearbeitet hat, ist völlig unverständlich, dass Kyra sich freiwillig "das" antut, was das soziale Engagement für Jugendliche aus Problemfamilien mit einschließt. "Die Welt zu lieben, fällt dir leicht, aber einen einzigen Menschen zu lieben, das kannst du nicht", wirft er ihr vor, ihr, die ihm an den Kopf warf, "Dir geht es doch nur um Besitzansprüche", nichts schuldig bleibend.Es ist ein ziemlicher Genuss, in diesem intimen psychologischem Kammerspiel dem in den Bann ziehenden Spiel Spitzers und Günthers zuzusehen. Da stimmen einfach auch die kleinen Nuancen. Mal nestelt Spitzer nervös an einer Geschenkschnur, mal guckt sie sehr fragend, fast schon geschockt, als Tom im Überschwang der Gefühle nach dem wohl wie in alten Zeiten guten Sex verkündet: "Ich glaube, ich werde hier einziehen!" Und Günther tigert, wenn es um Gefühle und (unangenehme) Wahrheiten geht, in der spartanisch eingerichteten Bruchbude herum oder rollt wenigstens mit den Fingern. Man hat in dieser nach der Pause vom Tempo her zum Glück anziehenden Inszenierung letztlich für Tom wie Kyra Sympathien; ihre Fassaden, die sie um sich errichtet haben, sind nicht so entfernt von den eigenen. Und wer hätte nicht schon Menschen getroffen, bei denen man sich wie Kyra fragt: "Belügt der Kerl mich absichtlich. Oder merkt er es gar nicht, dass er lügt?"

Der in London lebende Hare hat Charaktere entworfen, nicht plakative Abziehbilder, wie sie die Dramen der im deutschen Theaterbetrieb höher geschätzten Jelineks bevölkern. Und die Gegensätze der Gesellschaft (für die englische trifft das Etikett "Klassengesellschaft" noch deutlich mehr zu als für die einstweilen immer noch ziemlich nivellierte deutsche) werden durchaus nicht außen vor gelassen. Für Tom ist normal, dass sein Fahrer Frank unten warten muss, das gehöre nun mal zu dessen bezahlter Arbeit. Für Kyra ist es ein Ding der Unmöglichkeit, Mitmenschen auf diese Art und Weise zu behandeln. Beide Sichtweisen sind nicht von der Hand zu weisen.

nächste Vorstellung: 15.12., 20 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.11.2012

Christian Ruf

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