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Endspurt bei den Spätzündern in der Herkuleskeule Dresden

Endspurt bei den Spätzündern in der Herkuleskeule Dresden

Mit den vier Worten "Wahrlich, ich sage euch" punktet die römisch-katholische Kirche wohl schon seit dem ersten Tag ihrer Existenz. Diesen Worten folgt die zumeist endlose Aufzählung aller durch den Homo sapiens begangenen Sünden.

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Maxim Hoffmann und Erik Lehmann (v.l.) geben am Sonntag vorerst zum letzten mal den Spätzünder auf der Bühne der Herkuleskeule.

Quelle: Wolfgang Zimmermann

Doch das alles geschieht aus gutem Grunde - versetzte doch diese Einleitung die Gläubigen zumeist ganz schnell in Angst und Schrecken vor dem Zorn der himmlischen Mächte. Denn über diese - also quasi seine Stellvertreter - sprach Gott ja selbst zu ihnen. Und was er dem Menschenvolk zu sagen hatte, war in den seltensten Fällen schmeichelhaft. Das scheint normal zu sein, denn eine Kirche ganz ohne Sünder wäre eigentlich gar nicht überlebensfähig.

So wundert es auch nicht, wenn der vorerst letzte Spätzünder an der Dresdner Herkuleskeule nicht nur bereits um 20 Uhr, sondern auch mit dem klassischen Abendmahl der Jünger Jesu beginnt. Philipp Schaller sprach dafür die Einleitung und servierte darin unter anderem auch die weise Erkenntnis "Vieles von dem, was hinter uns liegt, haben wir erreicht" - und leitete daraus unter anderem auch angesichts der deflorierenden Löhne und Gehälter draußen im Lande die profunde, weil beruhigende Erkenntnis ab: "Wer früher stirbt, ist kürzer arm."

Ein solcher Satz erklärt auch, dass man die letzten 25 Jahre deutsch-deutscher Geschichte Revue passieren lassen möchte. Selbstverständlich über all die aus den vorherigen Spätzünder-Folgen bekannten Rubriken. Wie beispielsweise das "Expertengespräch", in dem es dieses Mal um die Zoos und die darin beschäftigten Tierpfleger geht. Der Schlenker hin zur Kirche ist auch schnell gefunden, denn - das meint zumindest Tierpfleger Erik Lehmann - "Ein Zoo ist ja eigentlich auch nichts anderes als eine Arche Noah." Jesus zahlreiche rätselhafte, an seine Jünger gerichteten Sätze bilden die Zäsuren im Programm von Michael Feindler, der Experte für die zur Gitarre gesungenen Storys. Erik Lehmann dagegen mahnt "Wahrlich ich sage Euch, mich dürstet" und wagt sich auch an jene besonders schwere Prophezeiung Jesus, die da lautet: "in dieser Nacht, ehe der Hahn einen von euch dreimal verleugnet" - oder so ähnlich.

Der musikalische Standard-Background der Spätzünder - die dreiköpfige Rostocker Band Les Bumms Boys - bekam für diesen besonderen Abend mit einer Posaune und einer Trompete noch eine zweiköpfige Verstärkung, was den Sound insgesamt nicht nur kraft-, sondern auch sehr viel klangvoller machte. Allerhand neue Songs hatten Les Bumms Boys zudem im Gepäck. So das Stück "Und dann kamen die Fliegen", dessen Text das "Wunder Mensch" auf ein recht unbedeutendes Minimum reduziert. Das kabarettistische Multitalent Erik Lehmann sorgte mit seiner Story über eine Kölner Hartz-IV-Familie für einen wahren Höhepunkt des Abends. Sie erzählte Tragikomik pur, denn die Familie machte sich per Billigreise auf von Köln an die Côte d'Azur und trat dabei von einem Fettnäpfchen ins andere.

Unbedingt erwähnt werden sollte aber auch das Leipziger Ensemble Weltkritik mit Bettina Pokert und Maxim Hoffmann als langjährige Freunde der Dresdner Spätzünder. Sie erinnern mit einem launigen Sketch an die gerade zu Ende gegangene Fußball-WM und mischen zudem tatkräftig in einem Waffenexportgeschäft aus Österreich nach Afrika mit. Zum deutschen Humor schlechthin beziehen die Spätzünder wie auch das Ensemble Weltkritik und die Les Bumms Boys gemeinsam Stellung. So nennen sie beispielsweise einen Florian Silbereisen ein "kalkuliertes Missverständnis" und kreieren überdies auch die bahnbrechende Erkenntnis: "Wo der deutsche Humor waltet, da ist der Hirntod nicht weit."

Schade, dass der Spätzünder mit diesem Sommer-Spezial zu Grabe getragen wird, so die Akteure auf ihrer Homepage. Aber bis Sonntagabend wird noch täglich um 20 Uhr gespielt.

Karten für heute und morgen 22 Euro (ermäßigt 20 Euro) an der Abendkasse, am Sonntag 19 Euro (17)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.08.2014

Wolfgang Zimmermann

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