Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 13 ° wolkig

Navigation:
Google+
Endlich wieder einmal Slawomir Mrozeks "Tango" an den Landesbühnen Sachsen

Endlich wieder einmal Slawomir Mrozeks "Tango" an den Landesbühnen Sachsen

Wann hat der das geschrieben? So fragt man sich oft augenreibend, wenn die wirklich großen Bücher oder Stücke der Jahrhunderte plötzlich von geradezu journalistischer Aktualität erscheinen.

Voriger Artikel
Selbst 30 Jahre können den Discosound von Erasure nicht verändern
Nächster Artikel
Santiano spielen auch 2015 in der Jungen Garde in Dresden

Der konservative Sohn Artur (Michael Berndt, l.) gegen den Anarcho-Vater Stomil (Matthias Henkel).

Quelle: Hagen König

Manche Bühnen im Osten haben im 25. Jubelherbst archäologische Ausgrabungen solcher hoffentlich nur vorübergehend vergessener Werke getätigt. Nun auch die Landesbühnen Sachsen mit Slawomir Mrozek und "Tango", eines seiner berühmtesten Stücke. Mrozek war in seiner polnischen Heimat zeitweise verboten, galt in der DDR als subversiv und verhalf auch hier dem absurden Theater zum Durchbruch. Im Vorjahr verstarb er 83-jährig nach langem Exil in Italien, Deutschland, Mexiko und Frankreich in Nizza.

In "Tango" prallen die Scheingegensätze von Freiheit und Ordnung in extremer Weise aufeinander. Der Generationenkonflikt im Zusammenleben einer grotesken Großfamilie dient nur als Vehikel, dies zu transportieren. Stomil tritt als fossiler Anarchist in mittleren Jahren auf, der den ganzen Tag im Schlafanzug herumläuft und sich künstlerische "Experimente" ausdenkt. Er und seine Frau Leonore lassen die permanente Revolution als Gespenst über eine ziemlich chaotische Szene spuken, die Zertrümmerung des Alten ist längst selbst zur lächerlichen Institution geworden. Matthias Henkel spielt ihn so, dass man ihn in seiner weltfernen intellektuellen Ambitioniertheit dennoch ernst nehmen muss, und vermeidet jede plumpe Karikatur. Und Julia Vincze als reizvolle Leonore träumt mit ihm die alten Träume, zu denen auch die sexuelle Freizügigkeit gehört.

Beide haben einen Sohn namens Artur, der das "Überschreiten aller Grenzen", das permanente Überwinden von Fesseln, die es schon gar nicht mehr gibt, satt hat. Er sucht auf nicht minder radikale und intellektuelle Weise wieder die Form, die Norm, die Konvention und Tradition. Eine kraftvolle, sich in Hysterie und Exzess steigernde schauspielerische Leistung von Michael Berndt, die aus einem mit auffälliger Hingabe spielenden Ensemble herausragt. Zunächst scheint er in Onkel Eugen einen Verbündeten zu finden, der in schlichtem Dusel den Ritualen der guten alten Zeit nachhängt. Eugen alias Michael Heuser und Oma Eugenia sind die Figuren, über die man ohne Skrupel lachen darf. Umso mehr, als Olaf Hörbe die trottelige Eugenia spielt, die zur Strafe ab und zu im Katafalk ihres vor zehn Jahren verstorbenen Mannes liegen muss. Kaum zu glauben, dass man diesen Komödianten Hörbe schon als "Faust" auf der großen Bühne sah.

Kaum zu ahnen, welche Schlüsselfigur am Ende Edek sein wird, das untertänige Faktotum, der Prolet, der Kraftprotz, der seine drei banalen Lebensgrundsätze in ein Notizbuch geschrieben hat. Die Frauen erliegen seiner rohen Direktheit, dem "Authentischen", wie Stomil sagt. Grian Duesberg folgt der Rolle von korrekter Unauffälligkeit hin zu dumpfer Entschlossenheit sehr stimmig. Ebenso wie Cordula Hanns in rührender Einfalt und dennoch sehr fraulich die Cousine Ala spielt, die Artur in seiner Sucht nach dem großartigen Ritual möglichst pompös heiraten will.

In dieser mit einem Mord endenden makabren Satire stecken verblüffend zeitlose Assoziationen, Analogien zu immer wiederkehrenden Erscheinungen. Kurz vor dem Ausbruch der 68-er-Revolte geschrieben, meint man in Stomil und Leonore ein Paar aus der Kommune 1 zu entdecken. Ein Wertezertrümmerer aber ist auch der Markt, wie wir ihn in den vergangenen 25 Jahren erlebt haben, Erscheinungen, wie sie im Grunde schon im "Kommunistischen Manifest" beschrieben sind. Artur kommt am Ende selber zur Einsicht, dass die Form noch keinen Sinn erzeugt. Und der Konservatismus läuft Gefahr, selber eine Ideologie zu werden, wenn er sich in bloßer Restauration erschöpft. Die Herrschaft primitiver Naturgewalt, wie sie Edek am Ende ergreift, kann auch nicht die Lösung sein, wie das kommunistische Experiment zeigte.

Es gibt eineinhalb Stunden lang reichlich zu beißen in der Radebeuler Studiobühne. Man spürt den Nerv von Regisseur Klaus-Peter Fischer für Mrozeks philosophisch-absurdes Welttheater und seine Erfahrung mit solchen Stoffen. Nur schade um die gekürzten Passagen im dritten Akt, die Kippstelle in der hinterhältigen Dramaturgie des Textes naht doch sehr hastig und wird nicht jedem Zuschauer plausibel, wie es schien.

Unbedingt erwähnen muss man die treffliche Ausstattung von Ulv Jakobsen, die sich zwar an Mrozeks detaillierte Bühnenbildvorschriften anlehnt, aber gerade in der Schilderung des grotesken Milieus phantasievoll darüber hinausgeht und Symbolkraft entfaltet. Zur Hochzeit beispielsweise steht zwar der Konzertflügel wieder auf drei Beinen, daneben aber türmen sich Müllsäcke. Auch in seiner Umsetzung ist "Tango" unbedingt eine Empfehlung, zumal die Aha-Effekte durch Komik stimuliert werden. Der Weltgeist lacht bekanntlich auch über die Absurditäten unseres Daseins.

nächste Aufführungen: 12. & 13.12., 17.1.2015, jeweils 20 Uhr

www.landesbuehnen-sachsen.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.12.2014

Michael Bartsch

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr