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Endlich in der Hipster-Hochburg - Fraktus reüssierten im Beatpol Dresden

Endlich in der Hipster-Hochburg - Fraktus reüssierten im Beatpol Dresden

Dass Fraktus, die zwischenzeitlich verschollen geglaubten Techno-Urväter, auf ihrer aktuellen Comeback-Tour auch in der Hipster-Hochburg Dresden Halt machen würden, war in jedem Fall zu erwarten: Hier, wo sich in Löbtauer und Gorbitzer Hinterhöfen der frühen 1980er Jahre der DDR-Taschenrechnerunderground mit dem konspirativen Tragen von Quartzuhren etablierte, wucherte wenig später die ostdeutsche Technoszene.

Das hat Auswirkungen bis heute: Die angesagtesten House- und Electro-Acts bespielen allwöchentlich die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Szeneclubs der Stadt. Während man sich derzeit etwa in der Scheune fast ausschließlich um das wiederauferstandene Acid House kümmert, sind die EDM-Events im Alten Schlachthof bereits Monate vorher ausgebucht. Für den wöchentlichen 8-Bit-Freitagsjam mit Ralf Hütter im Blue Note werden auf dem Schwarzmarkt astronomische Ticketpreise bezahlt.

Da muss man den Bookern und Veranstaltern dieser Stadt auch einfach mal kräftig aufs Schulterpolster klopfen und sagen: Danke, dass Ihr uns mit diesem ganzen erbärmlichen Rocka-billy-Zirkus, mit Chartwundern aus Bautzen, vom Polarkreis und dem anderswo kaum noch zu ertragenden Balkan-Polka-Hype verschont habt! Danke, dass ihr debilem Lokalmatadoren-Reggae und dem siebenhundertsten Singer/Songwriter-Gejammer in geriatrischen Veranstaltungsreihen auch nach wie vor eine klare Absage erteilt! Und danke, dass man hier Bands wie die Söhne Mannheims oder Unheilig nie mehr als einmal ertragen musste. Wäre es anders, dann wär' es zum Heulen!! Vielmehr erinnern wir uns mit leuchtenden Augen an die French-House-Messen im Beatpol, die Minimal-Exzesse in der Groove Station und natürlich - Daft Punk am Elbufer. Euer elektronischer Mut macht uns glücklich.

Dass auf besagte Krönungsmesse nun tatsächlich noch ein musikhistorisches Event dieser donnerstäglichen Dimension folgen könnte, hätte man sich eigentlich nicht mehr träumen lassen: Fraktus mit einer annähernd exklusiven Clubshow. Dickie Schubert, Bernd Wand und Thorsten Bage Hand in Hand auf einer Bühne, um uns die damals noch dringlich vermittelten Botschaften ihrer frühen Hits auf einer intergalaktischen Comeback-Tour aufs konzertante Honigbrot zu schmieren, mit einer simplen, aber äußerst expressiven Lichtshow von Anfang an - die Reduktion vertuschte in den 1980ern subtil die Komplexität der neuen Avantgarde, gerade in der deutschen Musikszene. Auch heute noch wissen die einer unbedeutenden Senilität anheim gefallenen Pioniere live mit dem synthetischen Fragment als selbstreflexives Schwert gesellschaftlicher Fragestellung zu hantieren. Bage etwa ist ganz in seiner einstigen Rolle angekommen und lebt jetzt quasi komplett repetitiv, wiederholt, einmal am Mikrophon, ständig den Satz: "Gleich kommt der Bus und holt uns alle ab!" Das ist der Rhythmus zum gerade verpassten Weltuntergang, der sich im pulsierenden Discolicht wiederfindet.

Die alten Hits, speziell "Affe sucht Liebe" und das unvermeidliche "Supergau", lassen Emotion und gefühlten Widerstand hochkochen. Dazu die kalten Beats aus Bages elektronischer Campingküche und das infernalische Geplänkel von Frontmann Dickie Schubert, der seine Kollegen an der kurzen Leine hält. Das ist Urschleim-Techno, aus dem kein alberner Mehr-Stunden-Rave mutiert, das ist Botschaft für bare Münze, das ist Fraktus, die ihre knapp und konsequent anderthalbstündige Show mit dem einzigen A-cappella-Techno-Track der Welt finalisieren. Lange lebe Fraktus! Diese Show war unglaublich. Man könnte meinen, man habe alles nur geträumt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.02.2013

Niklas Sommer

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