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Ende der Heimlichkeiten: Wie die Dresdner off-space-Projekträume den widrigen Bedingungen trotzen

Ende der Heimlichkeiten: Wie die Dresdner off-space-Projekträume den widrigen Bedingungen trotzen

Rote Markisen spannen sich über die unauffällige Glasfront, hinter der eine seltsame Auslage sichtbar wird. Alte LPs, bedruckte Jutebeutel und viel Sperrholz im Schaufenster verbieten eine klare Zuordnung von außen.

So verirrt sich ab und zu doch ein neugieriger Tourist in das "Hole of Fame" in Dresden, einer Ladengalerie junger Kreativer, die neben dem ständigen Inventar, einer selbst gezimmerten Theke, momentan die Werke der Künstlergemeinschaft "Kids artworks" zeigt.

Philipp Baumgarten, Fotograf und - noch Mitinhaber des Ladens, nimmt sich einen Moment Zeit, um über die Gemütslage der jungen Dresdner Kreativszene nachzudenken. Ein gewisses Maß an Heimlichkeit scheint für sie symptomatisch zu sein. Wie das "Hole of Fame" existieren in Dresden zahlreiche sogenannte "off-spaces", Projekträume also, in denen sich junge Künstler eigenverantwortlich, ohne dominierenden kommerziellen Anspruch, ausprobieren. Dazu zählen im weiteren Sinne auch Produzentengalerien und Ateliergemeinschaften. Begrenzte Öffnungszeiten sowie wechselnde, temporäre Flächen tragen zum versteckten Dasein der Orte bei.

Keimzellen künstlerischen Lebens

Zielgruppe von Ausstellungen und Performances ist oft nur der weitere Bekanntenkreis. Eine bewusste Vernetzung zu anderen Projekten fehlte in der Vergangenheit häufig. Trotz der sogar leicht steigenden Zahl dieser künstlerischen Spielwiesen - so begrüßt die HfBK derartige Unternehmungen ihrer Studierenden ausdrücklich - bleibt ihre Unsichtbarkeit bestehen. Das ist umso beklagenswerter, als dass sie als "kreativer Humus" Dresdens, als Keimzellen des künstlerischen Lebens impulsgebend sein können.

Ramona Eichler vom Kulturamt, ein wichtiger Partner der Initiativen, bestätigt, viele davon erst durch ihre Förderanträge kennengelernt zu haben. Die Dresdner Mentalität, eigenbrötlerisch an Ideen zu basteln, wird auch von vielen Kreativen selbst bemängelt. Eine bessere Abstimmung und Zu-sammenarbeit untereinander sind daher das erklärte Ziel. Die digitale Revolution der Nullerjahre hat bereits einige Lösungsansätze hervorgebracht. So bietet cynal, eine Vereinigung verschiedenster kultureller Akteure, die 2011 aus dem Viervarbverein hervorging und die sich für junge Kunst und deren Vernetzung in Dresden einsetzt, auf ihrer Homepage wertvolle Informationen über bestehende Projekte.

Auch die immer selbstverständlicher werdenden Internetauftritte der Kreativen und ihre Präsenz auf facebook sind entscheidende Faktoren. Das Kulturamt ist im Übrigen nicht auf dieser Plattform zu finden. "Das würde den Rahmen sprengen", so Ramona Eichler, die auf fehlendes Personal für die umfangreiche Pflege solcher Seiten verweist.

Einen ganz anderen Ansatz hat die von der Stadt in Auftrag gegebene prognos-Studie von 2011 zur Kultur-und Kreativwirtschaft in Dresden hervorgebracht, welche darin zum ökonomisch relevanten Faktor erklärt wurde. Die Studie beförderte die Gründung von "Wir gestalten Dresden". Zum ersten Mal fanden sich elf Sparten der Kreativwirtschaft - vom Kunstmarkt bis zur Software-Industrie - in einem Branchenverband zusammen. "Wir ver- stehen uns nicht als Bittsteller, son-dern als Interessenverband, der auf klare ökonomische Vorteile verweisen kann", betont Vorstand Maik Roßmann.

Eine Harmonisierung der Akteure und ihre wirtschaftliche Vernetzung, die "Wir gestalten Dresden" anstrebt, soll auch den "off-spaces" zugute kommen, für die man Ansprechpartner sein will. Doch das bezweifeln die Initiatoren der Projekträume. Solch ein Verband könne nicht flexibel genug auf die heterogene, sich schnell wandelnde Szene eingehen, meint Conny Cobra von der "KNARK-ART.gallery".

"Zwischen Todesurteil und Vollstreckung"

Im Hinblick auf den Abriss der "Krautwaldfabrik" in der Torgauer Straße in Pieschen sieht sie nicht so sehr die fehlende Koordination, sondern die stetige Verschlechterung der Raumsituation als das größte Problem der "off-spaces" an: "Wenn man Freiräume sucht, bemerkt man, dass es davon weniger gibt- und wenn, hat man sie nur zwischen Todesurteil und Vollstreckung." Dresden solle Brachen, alte Industriegebäude und Ladengeschäfte, Kristallisationspunkte für junge Kunst, nicht schnellstmöglich an den höchstbietenden privaten Investor verkaufen. Kann "Wir gestalten Dresden" an dieser Stelle vielleicht doch Abhilfe schaffen? Eine Plattform zur Raumvermittlung wird zumindest geplant.

Für Andreas Ullrich vom "C. Rockefeller Center for the Contemporary Arts" ist ein wirtschaftlicher Zusammenschluss unfähig zur " genuin künstlerischen Absicht". Auch er sieht aber die Raumnot als drängendstes Problem. Private Initiativen sollten nach dem Vorbild der Wächterhäuser in Leipzig von der Stadt unterstützt werden, so Ullrich. Dresden begrüße die Aktivitäten junger Künstler zwar generell, sei jedoch nicht bereit, Raum dafür zur Verfügung zu stellen.

Ein allgemeines Bewusstsein für das Potential der "off-spaces" wünschen sich die meisten Gesprächspartner. Denn Bewusstsein, vor allem durch persönlichen Kontakt und sinnliche Erfahrung der Kunst, ist immer ein Garant für Unterstützung und Zuspruch. Deshalb muss eine wichtige Aufgabe der Akteure, inner- oder außerhalb von Zusammenschlüssen, eine kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit sein.

Der Verein cynal ist hier wiederum Vorreiter. Im Oktober soll eine Publikation erscheinen, die beides leistet: die Vorstellung der "off-spaces" und, damit einhergehend, die Thematisierung der Raumprobleme. Neben den verirrten Touristen kann es der Sache sicher nicht abträglich sein, wenn ab und an auch interessiertes Dresdner Publikum im "Hole of Fame" und anderen Projekträumen vorbei schauen würde. Philipp Baumgarten kehrt Dresden allerdings erst einmal den Rücken. Die Stadt ist gefragt, ihre kreativen Köpfe zu halten. Cornelia Posselt

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.09.2012

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