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Emmanuèle Bernheim las im Dresdner Institut Français

Emmanuèle Bernheim las im Dresdner Institut Français

Wie einem Schmetterling, aufgespießt auf einen Korken, sei es ihrem Vater nach dem Schlaganfall ergangen. Zuvor war André Bernheim in seinen 88 Jahren noch in jeden Winkel Lebensraum geflogen, hatte die Welt als schillernder Kunstsammler und freiliebender Mann genossen, war seinen beiden Töchtern ein Freund, der von ihnen nie etwas einforderte.

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Quelle: Buchcover

Mit einem einzigen Satz aber hatte sich das geändert: "Ich möchte, dass du mir hilfst, Schluss zu machen", gerichtet an Emmanuèle, die Große.

"Alles ist gutgegangen" ist kein Sachbuch geworden, keine Analyse der aktiven Sterbehilfe, kein Plädoyer. Es sei als Roman stilistisch nicht einmal ein Drama, sagte die 58-jährige Autorin bei ihrem ersten Besuch in Dresden. "Das kann es nicht, denn es geht ja schließlich in erster Linie um Freiheit." Auch in Frankreich ist Sterbehilfe de jure verboten wie in Deutschland. Auch beim Nachbarn wird gesellschaftlich darüber diskutiert, wenngleich die lauten Töne nach der von lauten Protesten begleiteten Verabschiedung des Gesetzes zur Homo-Ehe zunächst der Vorsicht gewichen sind. Wichtiger ist dort wie hier, wie der Bürger mit dem Verbot einer selbstbestimmten Entscheidung, in Würde aus dem Leben zu scheiden, umgeht. Wenn er nicht verdrängt. Auch Emmanuèle Bernheim hatte vor der Bitte des Vaters keine rechte Meinung dazu. Binnen Sekunden musste sich das ändern.

Das Buch mit reichlich 200 Seiten dreht sich um viele Momente, in denen das Gewissen beißt. Es geht auch ums Prozedere, um Kontaktaufnahme in die Schweiz zu einem Sterbehilfeverein, um Besuche und Szenarien, um die Klarheit eines Wunsches und was er mit den Töchtern anrichtet. "Alles ist gutgegangen" verkommt dabei nie zu einem grellen Statement, Pro und Contra sind bestenfalls in zweite und dritte Ebenen verlagert wie bei einem guten Drehbuch für einen Film, der nicht vorgibt, Antworten zu kennen. Es sei der Stil ihrer anderen Romane, so Emmanuèle Bernheim, hätte also auch reine Fiktion sein können. Einem echten Drehbuch aber, so wie sie es bislang u.a. für Claire Denis und Filme von François Ozon ("Unter dem Sand", "Swimming Pool") geschrieben hat, verweigert sie sich. Anfragen gebe es schon.

Bernheims Sprache ist knapp, nüchtern, fast stakkatogleich und damit an die Klarheit Ágota Kristófs erinnernd. Trotzdem ist sie nie emotionslos, nur, weil sich die Autorin dem Pathos verweigert. Allein die präzisen Beschreibungen von Gefühls-und Sachlagen schließen Emotionen unweigerlich ein. Nur, so Bernheim im Institut Français, wäre "alles Pathetische Verrat an meinem Vater gewesen. Er hasste Pathos." Mit dem Buch habe Bernheim versucht, die Gefühle dieser bewegten Wochen zwischen Bitte und Freitod wieder in Besitz zu nehmen. Allein durch die extreme Anspannung dieser Zeit seien sie verschüttet gewesen. Auf skurrile, aufgrund der Tatsachen haarsträubende Weise wird der Roman gegen Ende gar zum Thriller: Jemand verrät die Familie kurz vor Vaters letzter Reise nach Bern an die Polizei.

Spätestens hier ist sie noch einmal sehr präsent, die Würde. Und die Selbstbestimmung - ein deutsches Wort, dessen graphische Züge auf dem Schweizer Formular Emmanuèle Bernheim an eine Schlange, wenn nicht gar ans "Ungeheuer von Loch Ness" erinnert hat.

Bernheims Kollege, der deutsche Autor Wolfgang Herrndorf, wollte, "dass in einem zivilisierten Staat wie Deutschland einem sterbewilligen Volljährigen in jeder Apotheke ein Medikamentenpäckchen aus 2 Gramm Thiopental und 20 mg Pancuronium ohne ärztliche Untersuchung, ohne bürokratische Hürden und vor allem ohne Psychologengespräch - als sei ein Erwachsener, der sterben will, ein quasi Verrückter, dessen Geist und Wille der Begutachtung bedürfe - jederzeit zur Verfügung stehen muss." Wäre es so, hätte sich der damals an einem Hirntumor leidende Herrndorf nicht am Berliner Hohenzollernkanal mit der Pistole in den Kopf schießen müssen. Es war selbstbestimmt, ja, würdevoll war es nicht. Konnte es nicht sein.

Nach Herrndorfs "Arbeit und Struktur" ist auch Bernheims "Alles ist gutgegangen" relevanter Begleiter auf dem Weg zur eigenen Meinung.

Emmanuèle Bernheim, "Alles ist gutgegangen", Hanser Berlin, 205 S., 18,90 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.03.2014

Andreas Körner

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