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Elekronische Volksmusik Jean Michel Jarre spielte in der Messe

Elekronische Volksmusik Jean Michel Jarre spielte in der Messe

Ein Konzert von Jean Michel Jarre hat heute vor allem mit dem Gestern zu tun. Sonett, Anett oder Stern Rekorder, B90, ZK 246 - oft genug mussten "Oxygene" & Co.

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Ein Pionier elektronischer Musik, der mehr dem Analogen als dem Digitalen huldigt: Jean Michel Jarre.

Quelle: Dietrich Flechtner

nach ihnen klingen hier im Land, Ende der 1970er, die Achtziger hindurch. Wie aus der Gießkanne oder doch ganz ordentlich. Stereoanlagen! Auf die DDRFT-Boxen und ihre Bassreflektion lassen noch heute HiFi-Händler nichts kommen. Und auch der rein elektronischen Musik als Genre ging es so schlecht nicht im Staate. Der Jugendfunk beförderte die internationale experimentelle wie populäre Breite und durchaus auch das Bühnengeschehen: Tangerine Dream spielten im Hygiene-Museum, Bernd Kistenmacher, Klaus Schulze in der "Garde". Einheimische versuchten derweil, in Lücken zu büßen: Lakomy, Pond, Stahmer. Jean Michel Jarre aber blieb ein vertrauter Ferner.

Regelmäßiges Touren in Hallen war Jarres Sache sowieso nie, er setzte auf gigantische Einzelshows an spektakulären Freiluft-Orten der Welt. Erst in den letzten Jahren ist der jetzt 63-Jährige bescheiden geworden. So etwas wie die popelige Messehalle 1 im Ostragehege hätten seine Techniker früher nicht einmal zum Zwischenlagern ihrer Kabel benutzt. Das alte Gasometer in Reick, der Lilienstein, eine schwimmende Bühne auf dem Stausee Niederwartha - schon eher reizvoll.

Das erste (und sicherlich letzte) Konzert von Jean Michel Jarre hatte für das Gros der Besucher absolut nichts mit der letzten CD des Lyoners zu tun. Wer weiß überhaupt, wie sie heißt? "Téo & Téa" von 2007 - eine Konzeptgeschichte. Mit einem Stück daraus begannen nach zwei Stunden die Zugaben. Jarre ist individuelle Erinnerung, ist "Mal-sehen-wie-er-es-macht" und "Kann er es noch?" Sein Einfluss auf Entwicklungen ist präsent, aber 60 Euro und mehr gibt man dafür nicht aus. Dass er Pathos und Bombast mag, alles andere als introvertiertes Gefrickel hinter Stöpseltürmen zelebriert, ist gesetzt, wenn man sich das Billett am Einlass abreißen lässt. Dass das Ganze jedoch in eine Art "Herbstfest der elektronischen Volksmusik" abkippen würde, war dann doch überraschend und alles andere als angenehm. Aber zwangsläufig.

Noch draußen werden die Besucher vom Bulettenstand freundlich auf ihre Plätze gebeten. Der Künstler wolle pünktlich beginnen, was nicht mehr Usus ist und ihn ehrt. Claude Samard, Francis Rimbert, Jerome Gueguen - die drei älteren Herrn, die weit mehr als Basics, sondern Essenzen spielen - sind schon da, bevor der jungenhafte Jarre die Halle ausmisst und einzieht wie ein Gladiator. Er schlägt Hände ab, hüpft sich vor. Bereits hier animiert er das Publikum zum rhythmischem Applaudieren mit mulmigem Gefühl als Folge, das schlimmer wird. Willkommen bei Carmen im Nebel! Straff geht es durch die Frühzeit: "Oxygene II", "Equinoxe 7 und 5", "Rendez-Vous III", Filme, Lichtkegel, Live-Video und immer wieder Laser: Laser-Käfig, Laser vertikal/horizontal, Laser-Harfe, die Jarre mit Handschuhen und Schutzbrille spielt.

Es ist kein Anachronismus, dass der Pionier keinen seiner analogen Synthesizer aus den 1970ern verschrottet hat. Das Furnier ihrer Kisten blättert längst ab, die Wärme der Töne aber ist unschlagbar. Dafür stand Jarre aufrecht, dafür steht er noch immer: Harmonie, Pop-Appeal, weiche, warme Sounds. Er misstraut dem Digitalen, den Loops und Samples per Mausklick. Die vier wollen schieben und drehen und drücken. Das gängige Material der Platten erklingt live, samt E-Drums und -Percussion - allerdings im sehr engen Korsett der Vorlagen. Das Geheimnis von "Zoolook" - es fehlt. Kein Ausbrechen, kein gezieltes Verlassen des Sicheren. Jarre bedient Erwartungen. Es ist wie die erweiterte Bühnenversion des abenteuerlichen Amiga-Samplers von 1984. "Souvenir de Chine", "Magnetic Fields 2" (eine der Hymnen), vage Variation im stärkeren Mittelteil, bevor er sich ein altes Theremin auf die Bühne setzen lässt und demgemäß ausschließlich mit dem Körper arbeitet. Wer nicht ums Instrument weiß, staunt.

Während seine Kollegen eher starr Dienst tun, ist Jarre ganz Präsentator und Entertainer, wuselt effektreich in seiner Reflexzone herum, als bedarf es unbedingt dieses ausgestellten menschlichen und menschelnden Faktors. Es ist ja bekannt, dass er den auch äußerlichen Roboterminimalismus von Kraftwerk bedenklich findet. Jarre wechselt an den tragbaren Moog, den Gitarrensynthesizer, steigt aufs Podest - hüpft. Ein ganzer Cent pro Karte gehe an ein Bildungsprogramm von Unicef und Unesco, sagt er und packt eine spindeldünne Synthi-Fläche unter eine Projektion mit laufenden Zahlen, u.a. zu Erdbevölkerung, Ölreserve, zu gesendeten Mails an diesem Tag und dem Dollar-Wert verkaufter illegaler Drogen. Dann wieder der Ausflug zu "Equinoxe" (mit den bewegten Fernrohr-Männchen), "Rendez-Vous" hin zu "Oxygen IV" als ID-Card.

Von ganz hinten und wenn er die Arme nach oben fäustelt, mag er durch sein beneidenswert volles Haupthaar aussehen wie Hansi Hinterseer. Als Jarre und wie wild aufgescheuch- te persönliche Fotografen vor der Bühne das Publikum dazu drängen, mit Handys und anderen verfügbaren Lichtquellen stehend eine Art "Make Light, Not War" zu feiern, ist er es auch.

Seine Verdienste in allen Ehren.

Andreas Körner

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.11.2011

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