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Electras Rocksuite "Die Sixtinische Madonna" zur Finissage der Sonderausstellung um Raffaels berhümtestes Bild

Electras Rocksuite "Die Sixtinische Madonna" zur Finissage der Sonderausstellung um Raffaels berhümtestes Bild

Es sei eine Bitte der Staatlichen Kunstsammlungen an die Dresdner Rockband electra gewesen, die "Madonna" 33 Jahre nach ihrer Entstehung noch einmal aufzuführen.

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Die Rockband electra, Orchester und Chor führten die Rocksuite im Schauspielhaus auf.

Quelle: Andreas Weihs

Die Symbolkraft ist nur zu deutlich, passt somit sehr zum Konzept der jetzt zu Ende gegangenen Sonderausstellung. Bernd Aust, Chef, Komponist und Bläser, hätte gar nicht nein sagen können, wobei er bis zur Anfrage noch nicht gewusst haben will, was eine Finissage ist. Austs Ansagen im Schauspielhaus, das am Sonntag formal ausverkauft war, trotzdem leere Plätze gähnen ließ, waren vordergründig launig. Mit Schwere sollte der Abend gar nicht erst aufgeladen werden.

Dramaturgisch erwies es sich als geschickt, nicht mit den drei Teilen der reichlich 25-minütigen Suite zu eröffnen, sondern mit einer Stunde electra-Songs und Adaptionen, die seit der gleichnamigen 1976er Platte zur Essenz gehören. Übertriebener Ehrgeiz musste nicht sein und fehlte auch. Keine Stücke, die nicht auch ansonsten zum Repertoire der selten gewordenen und zumeist auf den Part im "Sachsendreier" beschränkten electra-Konzerte gehören würden. Ist so eingeübt, denn schon am Beginn sind Mitglieder der Neuen Elbland Philharmonie integriert. "Einmal ich, einmal du, einmal er", "Vier Milliarden", Frau im Spiegelglas" - die Lieder des Sängers Gisbert Koreng also, der sich stimmlich noch immer mit diesem bandeigenen Material wohler fühlt als mit dem Jethro-Tull-Cover "Locomotive Breath" oder Gary Moores "Still Got The Blues", die längst aus dem electra-Set verschwunden sein könnten, denn sie sind weder originell noch wirklich eigen. Gehen bestenfalls als ewige Hommage an die Urheber durch. Und bekommen zunächst den größten Beifall. Der pochende Populär-Puls war bei electra immer besonders ausgeprägt.

Stephan Trepte - vom Ersten Rang aus besehen, mittlerweile zum O.F.-Weidling-Typ geworden - kommt für "Wenn die Blätter fallen" und dem unvermeidlichen "Nie zuvor" hinzu, wobei dort das Mitklatschen im Saal weniger prekär ist als später beim "Türkischen Marsch", der zum tückischen Marsch wird. Dass man electra zuhause immer auch für ihre Heimattreue entlohnt, gehört einfach dazu. Dass sie das dankbar annehmen, ohne in Luschigkeit zu verfallen, ist ebenso gesetzt. Aust, Koreng, Trepte, dazu Falk Möckel (Drums), Eckhard Lipske (E-Gitarre), Wolfgang Riedel (Bassgitarre) und Andreas Leuschner (Tasten) bringen die einstudierten Marken mit. Und Posen. Am Ende eines schwer umjubelten Abends standen dann "Tritt ein in den Dom" und das auf ewig wunderbare "Seh' in die Kerzen" - keine Überraschung.

Die Rocksuite "Die Sixtinische Madonna" mit dem Triptychon "Der Maler", "Das Bild", "Der Betrachter" ist mutmaßlich das einzige Musikstück, das Raffaels Gemälde in 500 Jahren gewidmet wurde. Zeitlosigkeit verzahnt sich in Optik und Akustik, denn Bernd Aust hatte in der Komposition für Rockband und großen gemischten Chor nicht auf schnelllebige Elemente und Strukturen gesetzt, die im Laufe von Jahrzehnten immer wieder neu aus dem Antiquariat entrissen werden müssen. Renaissance blitzt auf, genau wie der Bauerntanz. "Io ti voria" von Orlando di Lasso wird als Introduktion zum Mittelteil vom Großen Chor Hoyerswerda etwas schärfer und zügiger gesungen als beim Original, was ihm bestens bekommt. Genau wie die fehlende sklavische Strenge im Rest. Auch bläser- und streicherdominierte Orchestermusiker zu integrieren, ist fast zwingend und wirkt nicht aufgesetzt oder -geblasen.

Interessant wäre, wenn die Stimme wirklich mal ein uriger Rocksänger (warum nicht Trepte?) übernehmen würde. Manuel von Senden, für den die Suite damals geschrieben wurde, war nie einer. Jens-Uwe Mürner von der Staatsoperette, der schon zum 40. Bandjubiläum den Part übernahm, ist eben klassischer Tenor. Das hakt, ja kollidiert speziell in den Momenten von "Der Betrachter", wo die Band zieht und treibt.

Der Text Kurt Demmlers tanzte damals nicht sonderlich mutig auf Grenzen des Machbaren, die Auseinandersetzungen liefen eher intern (die gemeinsame Arbeit zwischen ihm und electra wurde danach beendet). Die drei Perspektiven auf das Bild, der Verzicht auf allzu religiöses oder sozialistisches Schwurbeln, das Verankern auch im Persönlichen war jedenfalls geschickt und - zeitlos. Eine Zeile wie "-schuf der Mensch sich am sechsten Tag Gott" ist auch drei Jahrzehnte später noch immer nicht ohne. Viel angenehmer als das, was danach mitunter gereimt wurde, beispielsweise von Manuel Schöbel im Lied-Zyklus "Gesichter einer Stadt" von 1984: "Könnt es Frieden schaffen helfen, spräng' ich über'n Bühnenrand. Und das Mikro, die Gitarre nähm' ich nie mehr in die Hand." Gruselig! Los Pathos! Nie mehr aufführen, bitte!

Die Ausstellung zu 500 Jahren Raffaels "Sixtinische Madonna" der Gemäldegalerie Alte Meister ist am Wochenende zu Ende gegangen. Insgesamt kamen nach Angaben der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden 212 000 Besucher zu der Sonderschau. Seit Ende Mai dieses Jahres hatten mehr als 250 Ausstellungsstücke die Geschichte des Kunstwerks von der Entstehung vor einem halben Jahrtausend bis zum globalen Mythos in der Gegenwart thematisiert.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.08.2012

Andreas Körner

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