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Einsicht reicht nicht: Auf Sachsens Landesbühnen gibt es Dürrenmatts Groteske "Frank der Fünfte"

Einsicht reicht nicht: Auf Sachsens Landesbühnen gibt es Dürrenmatts Groteske "Frank der Fünfte"

Nach seinem Abschied als Chef des Schauspiels und einem Dreivierteljahr auf Kuba ist Arne Retzlaff noch einmal an die Landesbühnen Sachsen zurückgekehrt, um eine Art Fortsetzung seiner bis dato letzten Radebeuler Inszenierung zu liefern.

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Eine Flugeinlage von Päuli Neukömm (Moritz Gabriel), in Siegerpose Personalchef Richard Egli (Mario Grünewald).

Quelle: Hagen König

Brechts "Baal", der Geschichte vom Scheitern eines künstlerisch talentierten, aber skrupellosen Einzelgängers, folgt die vom Ende eines von Skrupeln und der Sehnsucht nach dem Geistigen geplagten Unternehmers. Rein formal stellt sich die Verbindung her durch konsequente Stilisierung und hintergründige Bezüge zum Varieté, während die von Paul Burkhard 1960 uraufgeführte "Oper einer Privatbank" inhaltlich eher an die "Dreigroschenoper" denken lässt. Tatsächlich aber lässt sich Burkhards illustrierende, nur leicht ironische (unter Leitung von Hans-Peter Preu allerdings schwungvoll vorproduzierte) Begleitmusik zur Komödie "Frank der Fünfte" kaum mit den hinreißenden, analytischen Weill-Songs vergleichen. In Burkhards Liedern manifestieren sich die Lügen und Ausflüchte großer und kleiner Gauner - Ungeheuerliches wird zu Alltäglichem und damit scheinbar erträglich. Dürrenmatts sarkastischer Humor als letzter "Versuch der Objektivität, den man der Welt gegenüber hat" (Zitat nach Programmheft) kommt auch hier selten subtil daher, trotzdem regieren in Retzlaffs ziemlich schrägen, bis ins Groteske getriebenen Bildern nicht die grellsten Farben.

Ausstatter Stefan Wiel liefert wiederum ein abstrahierendes Bühnenbild, einen Farbencocktail aus verschiebbaren Fassaden, die alle möglichen Erscheinungen von Großstadt suggerieren, in deren Löchern und Spalten auch Reste von Romantik und schwärmerischen Gefühlen lauern, selbst wenn Fensteröffnungen nur zu oft in Sargfächer einer Gruft mutieren, in denen das Bankimperium seine Mitarbeiter entsorgt (hat).

Frank der Fünfte, von seiner Frau Ottilie (Anke Teickner) auch Gottfried genannt, fürchtet seine Zeit gekommen, seine Überlebensstrategie wird zum bösen Klischee, zur schrecklich banalisierenden Persiflage auf das Osterthema mit letztem Abendmahl, (scheinbarem) Tod und geheimer Auferstehung. Nachdem das Kapital der Bank und parallel dazu die Belegschaft von einst über 100 Köpfen auf ganze sechs geschrumpft ist, reicht seine Fantasie nicht weiter. Matthias Henkel zeigt ihn als minder begabten Heuchler, der stets seinen eigenen Worten glauben möchte und das Regiment lieber seiner allzu tüchtigen Frau oder dem Personalchef Richard Egli überlässt, der alles und doch nichts beherrschenden Figur in diesem Drama.

Mario Grünewald kommt daher wie ein Magier, tiefschwarz glänzendes Haar über durchdringendem Blick, ein Pferdeschwanz fällt auf den hellen, dezent mit Ziffern dekorierten Frack. Er ist der Spielmeister in einem Café, in dem die Gäste gelinkt werden sollen, während der Kellner Guillome (Ronny Philipp) bald den besten Champagner serviert, bald im Hintergrund mit feiner Äquilibristik aufwartet. Das hat eine gute Portion Charme und Glamour, wie von Zuckerguss wird pragmatische Brutalität überzogen mit verführerischer Eleganz und Witz. Vor allem Frieda Fürst (Sandra Maria Huimann), Edelnutte bzw. Lockvogel der Bank, ist dieser Verführung erlegen. Noch immer gut, einem fröhlich selbstherrlichen Haubitzenfabrikanten (Jost-Ingolf Kittel) dicke Scheine aus der Tasche zu locken, träumt sie doch seit 22 Jahren von einer Ehe, und der Zuschauer schmilzt für Momente beinah mit ihr dahin. Doch der dreist bezaubernde Schwerenöter hat sich immer nur ums Geschäft zu sorgen, für das ansonsten außer dem (unheilbar krebskranken) Prokuristen Böckmann (Michael Heuser) nur noch die Schalterbeamten Gaston Schmalz (Olaf Hörbe), Theo Kappeler (Tom Hantschel) und Lukas Häberlin (Johannes Krobbach) zuständig sind. Letztgenannter freilich wird sogleich in Nachwuchs verwandelt, praktischerweise direkt aus dem Jugendknast besorgt, aber nur, um als falsche Leiche in Franks Sarg zu landen, während sein übereifriger, aber etwas zerstreuter Ketten-Spannemann Päuli Neukömm (Moritz Gabriel) tatsächlich in die Fußstapfen früher erfolgreicher Geldbeschaffer treten soll. So offenbart sich in aller Kürze das intern ganz offen gehandelte Geheimnis respektive ausschließlich auf Verbrechen beruhende Geschäftsmodell der Bank. Ein überholtes Modell freilich.

Ein lebenskluges, eingespieltes Ensemble setzt jedenfalls Kontrapunkte zur oft allzu drastischen Überzeichnung der dürren Story. Die mündet nicht in der wundersamen Errettung eines charismatischen Gangsters, statt eines reitenden Boten erscheint hier ein greiser, von einem Blinden geführter Staatspräsident, der trotz beinah allzu freimütiger Geständnisse des Delinquenten jede Strafverfolgung verweigert mit der klaren Begründung, man müsse in der Konsequenz das ganze Gesellschaftssystem ändern.

Hat sich Brecht noch daran abgearbeitet, die Menschen über herrschende Verhältnisse und die Möglichkeiten ihrer Verbesserung aufzuklären, war Dürrenmatt der Meinung, dass sie sehr wohl über die nötige Einsicht verfügen, sich aber stets als unfähig erweisen, ihr zu folgen. Er belehrt nicht, er verunsichert allenfalls, indem er spüren lässt, wie leicht auch das Urteil des an sich kritischen Zuschauers korrumpierbar ist. Als Richard seine Frieda endlich umbringen muss, sie ihn in letzter Sekunde zweimal um Aufschub bittet, erst um sich noch schnell zu schminken, dann, um ihm ihr Sparkassenheft zu überreichen, findet er es womöglich sogar witzig, dass sich Richard dadurch kein bisschen aus der Spur bringen lässt.

Recht viel Beifall für ein eigentlich nicht darauf angelegtes Stück.

nächste Aufführung: 30.4. (Stammhaus Radebeul); www.landesbuehnen-sachsen.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.04.2014

Tomas Petzold

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