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Einsame Menschen im Schwimmbad: Dresdner Spielstätte Semper Zwei eröffnet

Musiktheater „The killer in me is the killer in you my love“ Einsame Menschen im Schwimmbad: Dresdner Spielstätte Semper Zwei eröffnet

Die Dresdner Semperoper hat eine zweite Spielstätte: Mit der Uraufführung des Auftragswerks des 1962 geborenen Komponisten und Musikers Ali N. Askin wurde Semper Zwei eröffnet. Künftig will die Sächsische Staatsoper hier insbesondere Aufführungen für junge Menschen bieten.

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Vorn: Sarah Maria Sun (Hanna), hinten: Eric Stokloßa (Gerber), Mathias Schlung (Klein Gerber, v.l.)

Quelle: Klaus Gigga

Dresden. In diesem Schwimmbad ist lange keiner mehr geschwommen. Es ist längst trockengelegt. Aus den Fugen des Beckens quälen sich Gras und Moos. Gespenstisch und gefährlich ragt der Sprungturm über dem Rand des Beckens, hinter einer gekachelten Wand die Umkleidekabinen und Toiletten, und über allem ziehen vor dem sich verdunkelnden Himmel bedrohliche Wolken auf. Und da, wo einst das Wasser war, da sitzt das Publikum. Zur Premiere, zugleich die Eröffnung der neuen Spielstätte Semper Zwei der Sächsischen Staatsoper Dresden, sind das vornehmlich Menschen, die dem Alter nach gut zur Generation der Eltern jener fünf jungen Menschen gehören könnten, deren pubertäre Sehnsuchts- und Einsamkeitsmonologe sie zu Nichtschwimmern im Hinblick auf die Untiefen des Lebens machen.

Das bewährte und mehrfach schon in Dresden erfolgreiche Ausstatterduo Okarina Peter und Timo Dentler hat diesen Ort der Erinnerungen für die neue Spielstätte entworfen und damit Maßstäbe gesetzt, wie sich Inhalt und Optik eines Stückes in poetischen Assoziationsangeboten ergänzen, und mehr noch, welche großartigen Möglichkeiten für Rauminszenierungen Semper Zwei bietet.

Das zur Uraufführung gebrachte Auftragswerk des 1962 geborenen Komponisten und Musikers Ali N. Askin, zugleich verantwortlich für Programming und Sampling, folgt dem 2002 am Hamburger Thalia Theater uraufgeführten, inzwischen vielfach gespielten Stück des Schweizer Autors Andri Beyeler. Der Titel „The killer in me is the killer in you my love“ ist eine Zeile aus „Disarm“ von The Smashing Pumpkins und bezieht sich hier auf bittere Erinnerungen eines kleinen Jungen, der gezwungen war, seinen Kinderschuhen zu schnell zu entwachsen.

Um Erinnerungen fünf junger Menschen geht es auch in Beyelers Stück. Das Schwimmbad als fiktionaler Ort der Erinnerungen an die Schmerzen der Pubertät. Lena (Karen Bandelow) fühlt sich zu dick für den knallgelben Bikini, den ihr die Mutter gekauft hat. Hanna (Sarah Maria Sun) hat von der Mutter den gewünschten Bikini zunächst nicht bekommen, sieht jetzt den jungen, knackfrischen Gerber (Eric Stokloßa), und er sieht sie, miteinander zu sprechen klappt nicht, immerhin sie schreibt einen Brief. Die stärker von Surbeck (Bernhard Hansky) ersehnte Freundschaft zwischen ihm und Gerber zerbricht, ehe sie beginnt, gemeinsames Rauchen „auf Lunge“ und Vergnügen an Pornoheften auf dem Klo können die Sprachlosigkeit der Isolation nicht durchbrechen. Zwischen allen Fronten Gerbers kleiner Bruder, „Klein Gerber“ (Mathias Schlung), der sich einredet, Mädchen langweilig zu finden, und dann aber doch zaghafte Zuneigung für Lena empfindet, die sich ihrer Frustfressattacken schämt.

Wenn die Badesaison vorbei ist, bricht der Herbst herein, wenn die Erkenntnis da ist, „wir müssen reden“, ist nichts mehr zu sagen, ist es zu spät. Sie gehen ihrer Wege, die führen, auch wenn sie sich treffen, aneinander vorbei. Gerber, der zu Beginn noch auf dem Dreimeterbrett posierte, wird am Ende springen, ins leere Becken, das ist tödlich.

Da ist der Autor thematisch und emotional sehr nahe dran an seinen jungen Menschen. Dass er nicht der Versuchung erliegt, ihre Sprache nachzuahmen, spricht für ihn. Er gibt ihnen kunstvoll geformte Monologe mit Wiederholungstechniken, knapp sind die Momente angedeuteter Kommunikation mit Aufnahmen des zuvor Gesagten und leichten Veränderungen oder individuellen Erweiterungen.

Dass sich da beim Zuschauer auch Ermüdungserscheinungen anbahnen können, ist wahrscheinlich gewollt, es soll wohl wehtun, und das kann, wenn es an Dynamik fehlt, zum Konzentrationsproblem werden. Was schon für Schauspieler eine Herausforderung ist, der sie sich in manchen Inszenierungen des vielgespielten Stückes mit Verbindungen zum rhythmischen Rap-Stil oder Anleihen aus der Hip-Hop-Szene stellen, stellt Opernsänger auf eine besonders harte Probe.

Und leider bremst die Musik für eine kleine Band und elektronische Soundinstallationen mit Zuspielungen originaler Schwimmbadgeräusche von Ali N. Askin die ohnehin schon weitestgehend auf verbale Echos innerer Vorgänge der Protagonisten gegründete Handlung. Manche Textpassagen wirken gesungen dann doch recht banal. Rockigere Passagen, betont durch den Sound der E-Gitarre, dürften Reminiszenzen an die Jugenderfahrungen des Komponisten sein.

Keine leichte Aufgabe für den Regisseur. Aber Manfred Weiß, künstlerischer Leiter der neuen Spielstätte, meistert die Herausforderung durch ein hohes Maß an Genauigkeit und kluge Arrangements der Darsteller, bei denen er den ganzen Raum einbezieht. Dadurch, vor allem durch individuelle Personenführung, gewinnt das Spiel immer wieder starke und vor allem auch berührende Momente. Erstaunlich, wie ausgebildete Opernsängerinnen und -sänger problemlos mit der eher für sie ungewohnten Nähe zum Publikum umzugehen wissen und dennoch das notwendige Maß der Distanz einhalten. Die gesanglichen Leistungen stehen außer Frage, allein der unvermeidbare Stil des Operngesanges will nicht so ganz zu den Intentionen des Stückes passen. Der Schauspieler Mathias Schlung als Klein Gerber hat da andere Möglichkeiten, vor allem wenn seine Art zu singen sich als logischere Weiterführung des Gesagten oder der erlebten Situation wirklich zu einem inneren Monolog wandelt. „Voll Bitterkeit des Alleingelassenen“, wie es im schon angesprochenen Song heißt.

Markus Henn als Dirigent, hinter dem Publikum, also mit sicherem Überblick, lenkt das Klanggeschehen dieses 90 Minuten währenden Musiktheaters für Jugendliche ab 13 Jahren in deutscher Sprache.

Nächste Aufführungen: 19., 20., 22., 23., 25. Oktober und wieder im Juni 2017

www.semperoper.de

Von Boris Gruhl

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