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Einrichtungen in Dresden und Leipzig trotzen der politischen Eiszeit

Deutsch-russische Kulturinstitute Einrichtungen in Dresden und Leipzig trotzen der politischen Eiszeit

Die deutsch-russischen Beziehungen haben schon bessere Zeiten gesehen. Von der aktuellen bilateralen Anspannung wollen sich deutsch-russische Kulturinstitute in Dresden und Leipzig nicht anstecken lassen. Doch Kontroversen existieren.

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Merkel und Putin 2006 bei der Enthüllung des Dostojewski-Denkmals in Dresden.

Quelle: dpa-Zentralbild, Matthias Hiekel

Dresden. Gibt es etwas Widersprüchlicheres als die deutsch-russischen Beziehungen? Spätestens seit eine Prinzessin aus dem Anhaltischen Zerbst zu Beginn des 18. Jahrhunderts Zarin Katharina wurde, sprechen manche von einer deutsch-russischen Achse. Sie wird ungeachtet der Gräuel des Zweiten Weltkrieges sogar wieder von Veteranen der Roten Armee beschworen. Bei Ex-Kanzler Gerhard Schröder hieß sie dann aus durchsichtigen wirtschaftlichen Gründen „Strategische Partnerschaft“. Geostrategische Gründe wiederum spielen eine gewichtige Rolle bei der gegenwärtigen Störung des Verhältnisses. Deutschland laviert zwischen dem imperialen Gehabe sowohl der Russen als auch der US-Amerikaner. Wie vergiftet die Beziehungen sind, illustrierte der Berliner Fall des angeblich entführten und vergewaltigten Russlanddeutschen-Mädchens Lisa. Eine Propagandaerfindung.

Wie kann unter solch widrigen Umständen ein Austausch auf zivilgesellschaftlicher und kultureller Ebene fortgeführt werden? Die Rede soll hier nicht vom „Petersburger Dialog“ auf hoher politischer und Promi-Ebene sein, sondern von zwei sächsischen Kulturinstituten. Hier finden sich ursprüngliche Freunde des russischen Volkes, denen Pflege und Vermittlung der im Osten noch immer so fremd-vertrauten Kultur ein Herzensbedürfnis ist. Etwas völlig anderes als die aufgesetzten Inszenierungen der „Deutsch-Sowjetischen Freundschaft“ in der DDR also.

Auf einer Etage des Hauses der Demokratie im Leipziger Süden hat das „Deutsch-Russische Zentrum Sachsen e.V.“ seinen Sitz. Geschäftsführer Herbert Schmidt protestiert nicht, wenn man seinen Charakterkopf mit dem des berüchtigten Generalissimus Stalin vergleicht. Zwei Wodka aus dem Kühlschrank helfen dem Gesprächsfluss nach, falls das überhaupt nötig ist. Ansonsten aber sei man hier im Vergleich mit dem Dresdner Institut eher deutsch, lacht Schmidt verschmitzt. Er findet es auch völlig richtig, dass das Institut von russischer Seite nicht mitfinanziert wird.

Schmidt ist ein bisschen ein Schlitzohr, erweist sich aber als auskunftsfreudig. Einerseits bekennt er offen, wie sehr er Putin schätzt. Auch wenn man ihm manches vorwerfen könne, sei er als Integrationsfigur doch der richtige Mann für ein schwieriges Land in einer schwierigen Zeit. Auf der anderen Seite gibt Schmidt Informationen weiter, wonach deutsche Geheimdienste jetzt verstärkt russische Destabilisierungsversuche gegenüber Deutschland beobachten. Gerüchte gibt es genug, Moskau trage zur Finanzierung rechter Parteien und Organisationen bei. Auch russische Bemühungen, deutschstämmige Spätaussiedler wieder zu repatriieren, kommen zur Sprache.

Sie kollidieren geradewegs mit dem Satzungsauftrag des Instituts, diese Russlanddeutschen besser zu integrieren. Der Umgang mit den Menschen, die in der Sowjetunion und auch danach als Vaterlandsverräter galten und bei uns weniger als Landsleute denn als „Russen“ wahrgenommen werden, ist ohnehin schwierig genug. Nun kommt hinzu, dass viele von Ihnen sich gerade als die besseren Deutschen gerieren, vorwiegend AfD wählen und gegen Ausländer rebellieren. Die Hälfte der zwölf Beschuldigten der Krawalle von Heidenau sind ehemalige Russlanddeutsche. Schmidt verwundert das nicht, denn um diese Einwanderer der 1990er Jahre habe man sich nicht so gekümmert wie um die heutigen Flüchtlinge.

Weil erfolgreiche Integration nicht früh genug beginnen kann, fördert die Bundeszentrale für Politische Bildung in Leipzig ein Projekt frühkindlicher musischer und ästhetischer Erziehung. Deutsche, russische und jüdischen Kinder ab zwei Jahren üben hier Sprache, Musik und Bewegung. Seit so viele Flüchtlinge ins Land strömen, sind auch syrische Kinder dabei. Als Ensemble „Sonnenschein“ zeigen sie, was sie gelernt haben. Die Integrationsarbeit läuft weiter, ebenso der Klub „Gshelka“ mit Künstlerauftritten und Stammtischen. Herbert Schmidt und seine auffallend gut gelaunten Helfer sehen ihre Arbeit nicht beeinträchtigt. Der politische Horizont sei nicht düster, sondern „nur angedunkelt“. Im Zentrum ist man nicht verunsichert, sondern setze sich für eine Änderung des Klimas ein. „Ich bin überzeugt, dass eine Rückkehr zur Freundschaft möglich ist“, schließt Herbert Schmidt.

In Dresden stellt sich die Lage etwas differenzierter dar. Die kleine Villa mit dem Zwiebelturmerker bietet einen reichhaltigen Mix von Kulturveranstaltungen, Informations- und Diskussionsabenden an. Seit vielen Jahren leitet Wolfgang Schälike die Geschicke des Instituts. „Bei unseren Gästen beobachten wir keine Verschlechterung“, stellt auch er fest. Besucher seien allerdings vorwiegend „Russlandversteher“, nicht zu verwechseln mit Pegida-Anhängern und ihrem Russlandkult. Hauptanliegen ist hier die Vermittlung russischer Kultur an Einheimische. Das Programm des Hauses vereine „die tragischen und die leuchtenden Seiten russischer Geschichte“. Auch in Dresden gehört Integration zur Aufgabe des Instituts, und auch Wolfgang Schälike kritisiert die unterschiedliche Behandlung von „echten“ Russlanddeutschen, Eingeheirateten oder Juden als ein Hindernis. Seiner Meinung nach dürfe Integration am Beispiel der Russlanddeutschen auch nicht nach deutschem Verständnis mit Assimilation gleichgesetzt werden. „Die Bewahrung einer Doppelidentität ist natürlich komplizierter“, weiß er.

Wen erreicht das Haus? „Wenn nur fünf oder zehn Prozent potenzieller Interessenten für die Völkerverständigung gewonnen werden können, ist das schon ein Erfolg“, meint Schälike. Polemische Mails bekommt auch er. Und dennoch überwiege am Haus das Verständnis für russische Politik und Unverständnis für die Absicht, einen Keil zwischen Deutschland und Russland zu treiben. Wobei Schälike zuerst an die Amerikaner denkt. Praktikantin Olga Eudokimova, aus der Uralgegend stammend und seit zwei Jahren in Deutschland lebend, fühlt sich angesichts der Spannungen nicht zwischen zwei Stühlen sitzend. „Beide Seiten sind gut vereinbar“, meint sie.

Bei politischen Vorträgen wie jüngst dem um die Vorherrschaft in der Arktis geht es allerdings auch kontrovers zu. Eine Klimaverschlechterung verspürt man am deutsch-russischen Kulturinstitut eher bei den Geldgebern. Üppig war das Haus noch nie ausgestattet, um das Dostojewski-Denkmal am Kongresszentrum gab es einen Streit mit dem Kulturamt. „Auf uns wird Druck über die Finanzierung ausgeübt“, bemerkt Wolfgang Schälike. Das Jobcenter beispielsweise habe jetzt alle Stellenzuweisungen bei Projektanträgen abgelehnt. „Ich habe das Gefühl, das ist politisch gewollt“, vermutet er. Immerhin unterstützt in Dresden seit der Gründung des Kulturinstituts 2009 auch die Stiftung „Russkiy Mir“.

Von Michael Bartsch

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