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Eine kleine Kostbarkeit - Radierungen von Kerstin Franke-Gneuß in der Galerie art gluchowe e.V. in Glauchau

Eine kleine Kostbarkeit - Radierungen von Kerstin Franke-Gneuß in der Galerie art gluchowe e.V. in Glauchau

Schwarz auf Weiß. Kerstin Franke-Gneuß゚beherrscht die Alchemie der Radierung, die Zusammensetzung und Wirkung von Säuren und sie hat den Mut, sich überraschen zu lassen, Zufälle, die im Prozess der Arbeit sichtbar werden, bewusst zu nutzen.

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Kerstin Franke-Gneuß: Finden, 2011, Aussprenge, Aquatinta, Kaltnadel-Radierung. Repro: Christine Starke

Mit körperlichem Einsatz bearbeitet sie die Zinkplatten, lässt den Griffel über die Metalloberflächen tanzen, bis sie den Druck verstärkt und eine Spur hinterlässt, die aber zuerst kaum sichtbar ist. Erst wenn die Farbe ausgewischt ist, kristallisiert sich heraus, was entstehen könnte, wenn das Blatt Papier aufgelegt, unter Druck gesetzt und von der Platte abgezogen ist. Der Zauber dieses Prozesses ist ein Abenteuer.

Mörderischer Gegensatz

Schwärzen werden räumlich unter ihren Händen. Das Schwarz birgt ihre Träume und Erlebnisse, diesseits und jenseits in einem Zustand der unschuldigen Ekstasen oder der Selbsterleuchtung. Vielleicht stimmt es doch, dass das, was man in Wahrheit sucht, in einem selbst verborgen liegt. Man angelt nach etwas und fängt es auch wirklich ein, in den Träumen manchmal, oder auf der Radierplatte. Da hängen dann Erinnerungen an das Werden und Vergehen aller bisherigen persönlichen Beziehungen am Haken und verfangen sich in den ausgeworfenen Netzen neuer Sehnsüchte.

Hat Kerstin Franke-Gneuß mit schneller Geste eine Form von archaischem Wert erkannt, dann setzt sie die Bewegung fort, Hell gegen Dunkel, Dunkel gegen Hell. In diesem mörderischen Gegensatz ziehen die Linien ihre Bahn und verbinden das Gestern mit dem Heute, so dass für dem Betrachter ein Universum voller Assoziationsmöglichkeiten dargereicht wird. Der Betrachter wird verführt und wenn er sich dem hingibt, wird er in Zwischenwelten entführt. Ein merkwürdiges und denkwürdiges Erstaunen beflügelt ihn, so dass die Flächen durchlässig werden und die Konturen sich verschieben. Ist es nicht so, dass etwas Musikalisches den Werken anhaftet? Dass Kerstin Franke-Gneuß Partituren von Erde, Luft, Wasser und Feuer komponiert? Dass man das, was sie macht, stilistisch gesehen, mit einer expressiven Romantik bezeichnen könnte? Die Lineargewebe der Kerstin Franke-Gneuß sind Metaphern für Vergessenes und Unterbewusstes, die eine augenblickliche Erfahrung von Übereinstimmung beim Betrachter vermitteln können, die sich aber auch wieder entziehen, schnell, unwillkürlich, um einer neuen Wahrnehmung Platz zu geben. Und diese Vielschichtigkeit der Radierungen machen auch ihren ästhetischen Reiz aus.

Durch die Kunst von Kerstin Franke-Gneuß, deren Spur man willig mit halb geschlossenen Augenlidern folgt, kehrt man gestärkt in den Wachzustand "Leben" zurück. Atmende, pulsierende Überlagerungen kennzeichnen die Radierungen, die auch schon einmal von einer monumentalen Geste universeller Energien beherrscht werden können. In der Zwiesprache mit Erlebtem und den technischen Möglichkeiten der Radierung - es kann sein, dass Kerstin Franke-Gneuß über eine Aquatintaätzung eine Kaltnadel setzt - befreit sie sich von der Eindimensionalität des Papiers als Bildträger. Sie öffnet Räume mit einem feinen Gespür für die Metamorphosen des Lebendigen, des Atmosphärischen, der Natur.

Der große Atem dieser verwirrenden, rätselhaften, unruhigen, weichen, aggressiven Gefilde teilt sich dem Betrachter nicht nur als Bewegung sondern vor allem als unbändige Kraft mit. Manchmal weht ein Sturmwind über die Arbeiten, dann wieder wütet ein Orkan. Licht zerreißt das Dunkel bis eine Bewegung zu gefrieren scheint. Es wird klirrend kalt. Man ahnt, dass man Gräsern folgt, in denen sich der Wind verfangen hat. Man sieht flirrendes Sonnenlicht, spürt Winterkälte und Frühlingswärme. Manches spiegelt sich etwas im Wasser, gefriert zum Ornament. Mnemosyne ist nicht weit, mit der Kerstin Franke-Gneuß lange verbunden, war im Rahmen der Wasserkunstaktionen der Dresdner Sezessionistinnen.

Es ist kaum zu beschreiben, was man sieht und spürt. Man hört in die Bildwerke hinein und man sieht aus ihnen heraus. Das, was so abstrakt auf dem ersten Blick erscheinen mag, reibt sich an Gesehenem, an Naturerlebnissen, daran, was Kerstin Franke-Gneuß sieht, wenn sie aus ihrem hohen, großen Atelierfenster im Künstlerhaus Dresden in den Himmel schaut und ihre Gedanken dann abschweifen lässt, nach Amerika beispielsweise, an den Erie-See. Tiefes Erleben geht einher mit einer unbändigen Freude am Gestalten und einer Leidenschaft, die mitreißend ist, die Zinkplatten zu beleben mit zarten und kräftigen, flachen und tiefen Linien, Flächen, Pinselspuren, den Auswirkungen von Zufälligkeiten zu folgen, die mit der Handhabung von Säuren, Asphaltlack, Zuckerwasser oder Fetten zusammenhängen. Kerstin Franke-Gneuß hat eine Meisterschaft entwickelt, die Vergleichbares zum gegenwärtigen Zeitpunkt suchen lässt.

Eigensinn gegen Erwartungen

Kerstin-Franke Gneuß (Jg. 1959) hat in Dresden an der Hochschule für Bildende Künste studiert. Sie wusste sich durchzusetzen und hat bereits ein gutes Stück lokaler Kunstgeschichte mitgeschrieben. Wenngleich sie der Auseinandersetzung mit der Tradition nicht ausweicht, setzt die Künstlerin den Erwartungshaltungen Eigenwahrnehmung und Eigensinn entgegen. Sie entwickelte eine eigene Bildsprache. Die unbändige Kraft, die aus den Blättern der Radierungen zu uns spricht, lässt uns hoffen... Eine Fahrt nach Glauchau ist lohnenswert, die Ausstellung eine kleine Kostbarkeit.

Karin Weber

bis 7. Oktober, Kunstverein der Stadt Glauchau, Galerie art gluchowe, Schloss Forderglauchau, geöffnet Dienstag bis Freitag 9-12 und 13-17, Sonnabend und Sonntag 14-17 Uhr

www.artgluchowe.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 22.09.2012

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