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Eine kleine Ausstellung zu Deutschland im Dresdner Schloss

Eine kleine Ausstellung zu Deutschland im Dresdner Schloss

eine Pressekonferenz wie sonst. Zwei Männer, halb stehend, halb auf dem Tisch sitzend, jeder mit einem Mikrofon ausgerüstet, im Angesicht der Fragenden.

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Zwischen sehr speziellen Exponaten haben sich Neil MacGregor (l.) und Hartwig Fischer im Residenzschloss gefunden. Links Gerhard Richters "Betty", rechts eine Nachbildung des Tores des KZ Buchenwald. Es ist ein kleiner Ausriss der Ausstellung "Germany. Memories of a Nation" aus London, der nun in Dresden zu sehen ist.

Quelle: Dietrich Flechtner

bis 17. Dann aber entspann sich ein Gespräch, erst zwischen den beiden Protagonisten, dann mit der Runde, das zwar von Monologen geprägt war, die aber wiederum so kunstvoll und intelligent auf das vom jeweils anderen Gesagte eingingen, dass die Performance (ein bewusst gewählter Begriff) nur als eindrücklich beschrieben werden kann.

Die beiden Männer sind Neil MacGregor und Hartwig Fischer. MacGregor ist noch Chef des British Museum in London, bald Gründungsintendant des Humboldt-Forums in Berlin. Fischer ist noch Chef der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, ab April 2016 dann Nachfolger MacGregors in London. Beide als eine Mischung aus hohem Intellekt und Gewitztheit zu beschreiben, dafür bot der gestrige Pressetermin im Dresdner Residenzschloss reichlich Anlass. Und selbst wenn das nun weit aus dem Fenster gelehnt scheint: Eine gewisse Ähnlichkeit in beider Charaktere ließ sich nicht von der Hand weisen. Offenbar waren die Verantwortlichen des British Museum von ihrem scheidenden Direktor so überzeugt, dass sie für seine Nachfolge einen durchaus korrespondierenden Chef suchten.

So waren die einleitenden Worte MacGregors auch gleich ein Kranz, gewunden für Fischer: "Zuallererst möchte ich dem künftigen Direktor des British Museum danken", dafür nämlich, dass das Dresdner Schloss nun zumindest einen kleinen Ausriss der Ausstellung zeigt, mit der MacGregor vor einem Jahr in London einen musealen Straßenfeger fabriziert hatte: "Germany. Memories of a Nation" hieß die Schau, mit der er den Briten einen völlig neuen Eindruck von Deutschland vermittelte. "Den Briten war klar, dass sie ein neues Bild von Deutschland brauchen", sagte der Schotte MacGregor. Abseits davon, was an britischen Schulen und Hochschulen oft gelehrt wird: zwölf Jahre, zwischen 1933 und 1945, "vielleicht noch die vier Jahre des Ersten Weltkriegs dazu", wie MacGregor ironisch bemerkte. Passende Koinzidenz: MacGregors Buch zur Ausstellung ist gerade auch auf Deutsch erschienen.

Er produzierte ein Feld der Erinnerungen. Es reicht von Guttenbergs Erfindung des Buchdrucks ("der erste Augenblick, wo ein Deutscher das moderne Europa bestimmt", wie MacGregor es ausdrückt) bis hin zur Zerstörung Europas durch die Deutschen. Es zeigt vor allem Künstler wie Albrecht Dürer, Oskar Schlemmer oder Käthe Kollwitz. "Musik und Philosophie sind schwer ausstellbar, wir konnten also nur gewisse Aspekte zeigen." So sei ein Fragment entstanden, "etwas Kubistisches".

Im Zentrum steht in Dresden das Bild "Betty" von Gerhard Richter, das in London sozusagen den Abschluss der großen Ausstellung bildete. "Es ist das Sinnbild des modernen Deutschlands, der jungen Generation, die immer nach hinten blicken muss."

Darin liege auch der größte Unterschied zu Großbritannien oder Frankreich. Die Geschichte sei dort eine Art Beruhigung, "dass wir immer moralisch oder heldenhaft gehandelt haben. Die schwarzen Kapitel lesen wir einfach nicht", sagte MacGregor. In Deutschland blicke Geschichte dagegen nach vorn und sei als Mahnung konzipiert.

In Großbritannien sei man auch nicht erstaunt gewesen, dass Deutschland in den jüngsten Flüchtlingsfragen sofort eine moralische Haltung eingenommen habe. Hierzulande sie das als ein Problem von Menschenwürde und europäischen Werten gesehen worden - im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Staaten.

Bewegungen wie Pegida, die gestern wieder in Dresden unterwegs war, bezeichnete MacGregor als "nicht typisch deutsch, sondern typisch europäisch". Dieses Auftreten sei "für das Bild des jeweiligen Landes nicht gut".

Das Erinnern hilft auch da. Vertreibung und Migration sind feste Bestandteile deutscher Geschichte. Für Fischer hilft die Ausstellung gleichzeitig, "sich des Gedankens zu erwehren, Identität hieße, andere und anderes auszuschließen". Ein Satz, den man in Dresden noch lange als Mantra wird wiederholen müssen.

bis 17. Januar 2016, Sponselraum, Residenzschloss

Neil MacGregor: Deutschland. Erinnerungen einer Nation, C.H.Beck, 640 Seiten, 39,95 Euro

Torsten Klaus

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