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„Eine interessante Kreatur, meine Geige“

Vilde Frang gastiert bei der Dresdner Philharmonie „Eine interessante Kreatur, meine Geige“

Unter den zahlreichen Saitenspringerinnen der jüngeren Generation gehört Vilde Frang zweifellos zu denjenigen Geigerinnen, die nicht allein in puncto Energie und dynamischer Wendigkeit aufhorchen lassen, sondern auch durch ihre Klangfarbigkeit. Denkanstöße statt Virtuosen-Gefiedel lautet ihre Devise.

Vilde Frang
 

Quelle: Marco Borggreve/Warner Classics

Dresden.  Unter den zahlreichen Saitenspringerinnen der jüngeren Generation gehört Vilde Frang zweifellos zu denjenigen Geigerinnen, die nicht allein in puncto Energie und dynamischer Wendigkeit aufhorchen lassen, sondern auch durch ihre Klangfarbigkeit. Denkanstöße statt Virtuosen-Gefiedel lautet ihre Devise – und das nicht nur im Konzert, sondern auch im Interview. Vor ihrem Gastspiel bei den Dresdner Philharmonikern hat Christoph Forsthoff die 29-jährige Norwegerin getroffen.

Frage: Sie sprechen wunderbar Deutsch – da könnten wir doch eigentlich das Interview auch auf Deutsch führen…

Vilde Frang (lacht): Oh, nein, ich kann in Deutschland überleben, aber ich finde mein Deutsch wirklich schrecklich – Englisch wäre mir viel lieber…

Frage: …das können wir natürlich gern machen, dennoch die Frage: Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?

Frang: Ich habe viel Zeit in Deutschland verbracht, und ich unterhalte mich auch wirklich gern auf Deutsch mit Menschen aus Korea, Japan oder Russland. Gelernt habe ich die Sprache an der Musikhochschule in Hamburg, wo ich mit den Studenten und Professoren Deutsch gesprochen habe – und die waren immer sehr anspornend und haben mir gesagt: Ja, das ist sehr gut, Sie sprechen ganz ohne Akzent – und so habe ich mich sehr gut gefühlt. Aber ich habe mein Deutsch nie wirklich vertieft wie etwa mein Englisch – aber manchmal, wenn mein Selbstbewusstsein sehr gefestigt ist, dann spreche ich Deutsch (lacht).

Frage: Und in welchen Momenten ist Ihr Selbstbewusstsein besonders stark?

Frang: Schwer zu sagen… Meistens ist es der Fall, wenn ich ein Konzert gebe, denn dann fühle ich mich auf dem Gipfel.

Frage: Und das wo Sie doch selbst sagen, Musik stelle permanent Fragen, auf die man als Interpret Antworten finden müsse – finden Sie denn da immer Antworten?

Frang: Manche Antworten habe ich noch nicht gefunden, dafür wird es noch ein paar Jahre brauchen, vielleicht auch Jahrzehnte. Doch sobald du eine Antwort gefunden hast, tut sich eine neue Frage auf: Du hast also das Problem nicht wirklich gelöst. Vielleicht sollten wir uns daher zu verschiedenen Zeiten unseres Lebens bestimmte Fragen aufs Neue stellen.

Frage: Warum das?

Frang: Wir verbringen ja unser Leben mit diesen Komponisten – und so wie sich unsere Beziehung zu ihnen verändert, so verändern sich auch die Bedeutung der Antworten und Fragen. Als Vierjährige war die Bedeutung eine ganz andere als nun mit 29 Jahren oder eines Tages mit 50. Für mich ist das eine ewige Suche – und trotzdem hoffe ich, dass irgendwann der Tag kommen wird, wo ich alle Antworten gefunden habe: Dann hätte ich als Musikerin meine Erfüllung gefunden.

Frage: Welche Antworten haben Sie denn noch nicht gefunden?

Frang: Es gibt Stück, die für mich wie eine Bibel sind, denen gegenüber ich einen gewaltigen Respekt habe und wo Menschen sagen: Halte dich zum jetzigen Zeitpunkt von diesem Stück fern, denn du solltest es nicht anrühren, bevor du nicht durch gewissen Krisen gegangen bist und weißt, was Leben eigentlich bedeutet.

Frage: Man kann sich das Leben auch schwer machen…

Frang: … in der Tat ist das ein gefährlicher Denkansatz. Und dennoch: Beethovens Violinkonzert etwa ist für mich ein wenig wie die Mona Lisa – du siehst das Lächeln, aber du begreifst ihr Lächeln nicht wirklich: Lächelt sie mir zu oder lächelt sie über mich? Ich bin noch nicht wirklich so weit, dass ich das verstehen könnte – und so ähnlich ist es mit Beethoven.

Frage: Inwiefern?

Frang: Während ich noch mit mir und meinem Charakter kämpfe, steht er über den Dingen. Und da kann es sehr schwierig sein, die Balance zu finden. Es braucht einfach Zeit, um diese zu finden, denn sie ereignet sich in Deinem Inneren.

Frage: Wenn Sie aber nun jedes Mal aufs Neue Fragen stellen, auch an wohl bekannte Werke, finden Sie da wirklich immer neue Antworten?

Frang: Es sollte kein Selbstzweck sein, eine neue Antwort zu finden, etwas Neues oder auch Anderes in einem Werk zu entdecken: Damit kommt man nicht wirklich weit. Bin ich von etwas überzeugt und habe das Gefühl, in einer Mission für dieses Musikstück unterwegs zu sein, für diesen Komponisten und das Werk zu brennen: Dann sollte es in dem Moment keine Fragen mehr geben. Dann bin ich ganz Musik – und wenn ich das erreiche, dann ist das für mich der perfekte Moment.

Frage: Nicht zuletzt ob dieses Einswerdens mit der Musik werden Sie nicht selten als „Jahrhunderttalent“ gehandelt – belasten Sie solche Vorschusslorbeeren?

Frang: Ich denke, dass ich sehr viel besser spiele, wenn die Leute nicht so nett zu mir sind (lacht). Solch positive Kritiken setzen mich nur unter Druck und das entfernt mich auch von meiner eigentlichen Persönlichkeit. Nein, das ist nicht mein wirkliches Ich, das dort abgebildet wird.

Frage: Nun, die Menschen verpassen anderen nun einmal gern bestimmte Etiketten…

Frang: …um sie dann in eine Schublade zu stecken – ja, ich weiß es wohl! Doch die sind so oberflächlich und oft auch falsch: Als ich klein war, haben die Leute gesagt, ich sei ein Ausnahmetalent oder Wunderkind – ich war alles, aber garantiert kein Wunderkind!

Frage: Warum mögen Sie dieses Label nicht?

Frang: Ein Wunderkind ist jemand, der all die großen Violinkonzerte schon früh perfekt spielt – Menuhin war solch ein Wunderkind, und es hat sicher auch viele andere gegeben wie Anne-Sophie Mutter, Sarah Chang oder Midori. Meine Kindheit aber war geradezu märchenhaft, denn ich bin in einer sehr friedlichen Umgebung in Norwegen aufgewachsen und habe eine wunderbare Erziehung genossen. Ich habe viel gelesen, bin viel in die Oper und ins Theater gegangen und auch sonst keineswegs isoliert vom normalen Leben groß geworden.

Frage: Immerhin standen Sie schon als Zwölfjährige mit Mariss Jansons auf der Bühne.

Frang: Als ich von ihm damals als Solistin für ein Konzert mit den Osloer Philharmonikern engagiert wurde, haben die Leute natürlich gesagt: Das ist jetzt der Beginn einer Wunderkind-Karriere – doch tatsächlich hat es viele Jahre gedauert, bis meine Karriere Realität geworden ist, langsam, aber mit viel Bedacht. Und ich bin wirklich dankbar, dass es kein großer Knall gewesen ist, sondern ich in Ruhe nach Deutschland gehen und studieren konnte und Zeit hatte zu reifen: Das war das, was ich gebraucht habe.

Frage: War das wirklich eine ganz normale Kindheit? Schließlich waren Sie ja zwei Jahre zuvor auch bereits schon mit dem Norwegischen Rundfunkorchester aufgetreten.

Frang: Mit dem intensiven Üben habe ich wirklich nicht angefangen, bevor ich mit 15 die Schule beendet hatte. Als Elfjährige hatte ich Anne-Sophie Mutter getroffen und sie wurde für mich zu einer Art Mentorin: Ich habe ihr Aufnahmen von mir geschickt und ihr geschrieben – und als ich 15 wurde, hat sie mich dann nach München zu einem Vorspiel eingeladen und mir geraten, die Schule zu beenden und nach Deutschland zum Studium zu gehen.

Frage: Ein sehr früher Abgang von der Schule…

Frang: … doch mir ist sehr schnell klar geworden, dass ich mich künftig wirklich voll und ganz der Musik verpflichten wollte. Zuvor hatte ich nie Tonleitern geübt, ich war sehr faul und stur und dachte: Tonleitern sind langweilig, die braucht’s ohnehin nicht. Doch von da an habe ich angefangen, mich intensiv mit all den Grundlagen auseinanderzusetzen – für mich und meine Technik sind das entscheidende Jahre gewesen.

Frang: Inwiefern?

Frage: Damals habe ich sehr viel verändert: Ich bin sehr ernsthaft an die Sache herangegangen – und das hatte sehr viel mit Frau Mutter zu tun, denn mich hat ihre Fokussierung, ihre Genauigkeit und Disziplin ungeheuer beeindruckt, ja fasziniert. Später hat sie mir dann geraten, alles etwas entspannter anzugehen, etwas weniger ernsthaft und stattdessen mehr zu genießen (lacht) – da war ich schon überrascht, dass dieser Vorschlag gerade von ihr kam.

Frage: Was war denn das Prägendste, das Sie von Anne-Sophie Mutter gelernt haben?

Frang: Dass sie mich ermutigt hat, meinem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen, meinen Instinkten zu folgen und meine eigene Stimme zu finden: Immer wieder hat sie betont, wie wichtig das sei. Bisweilen bin ich mir ihr auf Tour gewesen, und dann hat sie mich in Museen geführt wie das Guggenheim in New York oder in die Neue Pinakothek in München: Sie wollte, dass ich meinen Horizont erweitere und die Musik auch in einem größeren Zusammenhang betrachte, in welcher Beziehung etwa Debussy und Fauré zu Claude Monet standen. Für mich war das damals wie eine große Vitaminspritze.

Frage: Bis heute spielen Sie die Violine von Jean-Baptiste Vuillaume, die Ihnen einst der Freundeskreis der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung zur Verfügung gestellt hat …

Frang: …ja – inzwischen habe ich das Instrument gekauft. Diese Geige ist wie ein Boomerang, denn sie ist immer wieder zu mir zurückgekommen (lacht): Über die Jahre habe ich verschiedene Instrumente gespielt: eine Bergonzi-Violine, für einige Jahre eine Stradivari, auch eine Guadagnini habe ich versucht – und doch hat es mich immer wieder zu Jean-Baptiste gezogen. Es ist ein sehr lyrisches Instrument und besitzt zugleich eine große Persönlichkeit: Es kennt mich sehr gut und ich kenne dieses Instrument wirklich gut – auch seine Grenzen. Manchmal muss ich mit ihm auch kämpfen, es wie eine Kuh behandeln und jeden Tag melken, um wirklich alle Dimensionen seines Klangkörpers heraus zu kitzeln. Es ist wirklich eine sehr interessante Kreatur, meine Geige (lacht).

Frage: Nun ist ja so ein Instrument nicht ganz preiswert, Ihres kostet einige hunderttausend Euro – haben Sie da nicht immer Sorge, der Geige könnte etwas passieren?

Frang: Natürlich, aber das Instrument ist ein wenig wie ein eigenes Körperteil: Wo immer du auch hingehst, nimmst du es mit. Selbst wenn Leute mal meine Geige in ihre Hände nehmen, so bleibt sie doch ein Teil von mir. Aber wenn ich zu viel darüber nachdächte, was alles schief laufen könnte, dann wäre sicher auch schon längst etwas passiert (lacht). Natürlich habe ich immer ein Auge auf das Instrument, aber es ist wie mit einem Kind: Du kannst nicht die ganze Zeit ein Auge auf dein Kind haben, sondern musst ihm auch vertrauen. Einige Kollegen werden verrückt ob der Sorgen um ihre Instrumente, doch ich denke, das ist ein schlechtes Omen (lacht).

Frage: Woran denken Sie also beim Musizieren?

Frang: Manchmal habe ich sehr starke Gefühle und Verbindungen – etwa am Ende des Britten-Konzertes: Der letzte Satz ist diese Passacaglia, und das Ende gleicht einem ewigen Kampf für die Violine – und das ist ja tatsächlich so: Du kämpfst Dein Leben lang gegen den Tod. Immer wenn ich dieses Werk spiele, fühle ich diesen unglaublichen Schmerz und kämpfe mit dem Tod, denn ich möchte auf gar keinen Fall diese Erde verlassen, aber das Orchester repräsentiert die Erlösung – und manchmal gehen mir da sehr bewegende Bilder durch den Kopf.

Frage: Ist das auch bei anderen Werken so?

Frang: Ja – etwa beim Tschaikowsky-Konzert: Da gibt es viele Passagen, wo ich genau das Bild der Noten erinnere – und damit verbinde ich viele Erinnerungen aus jener Zeit, als ich damals im Wohnzimmer stand und übte.

Frage: Sie erinnern sich dann tatsächlich an solche Erlebnisse aus Kindertagen?

Frang: Ja, da habe ich ein photographisches Gedächtnis an die Situationen der Auseinandersetzung mit dem Werk, von der Ersteigung dieses Gipfels der Violinliteratur.

Frage: Können solche Erinnerungen auch so intensiv sein, dass Ihnen im Spiel selbst dann Fehler passieren?

Frang: Nein, denn es verhilft mir ja auf gewisse Weise zu einer Distanz zu der Situation. Wenn Du Energie auf Gedanken verschwendest, was schief gehen könnte und immer nur versuchst, dies zu vermeiden, dann passieren früher oder später garantiert Fehler – das weiß ich aus eigener Erfahrung. Insofern musst Du von der Musik wirklich voll und ganz persönlich erfasst sein: Das ist das Entscheidende. Natürlich bin ich nie so emotionalisiert, dass ich weinen würde, wenn ich ein Stück spiele – was mir beim reinen Hören eines Stücks indes schon passieren kann.

Frage: Auch das stärkste innere Bild bringt Sie also auf der Bühne nicht aus der Balance.

Frang: Nein, das kann nicht wirklich passieren. Natürlich musst du auf eine gewisse Art und Weise berührt und gefangen sein in diesem Prozess der Werksentstehung… ich merke gerade, dass es schwieriger ist, dies zu erklären als es einfach zu tun… (lacht)

Frage: Passieren Ihnen denn jemals Fehler?

Frang: Oh ja, natürlich! Das ist etwas, dass du niemals vermeiden kannst. Aber es wäre falsch, sich darüber zu grämen – vielmehr würde ich auf der Bühne immer alles geben und mich voll und ganz ins Spiel werfen ohne jede Rettungsweste oder einen Sicherheitsanker. Denn in solch einer Situation spielt ein Fehler keine Rolle, weder für dich noch fürs Publikum – zum Problem wird es erst, wenn du nach Perfektion strebst.

Dresden: 11.6., Frauenkirche, 20 Uhr, Karten (15-32 Euro): 0351/4866866

Von DNN

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