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"Eine größere Motivation gibt es überhaupt nicht" - Toten-Hosen-Gitarrist Breiti im Interview

"Eine größere Motivation gibt es überhaupt nicht" - Toten-Hosen-Gitarrist Breiti im Interview

Mehr als 30 Jahre nach Bandgründung sind die Toten Hosen weiterhin fleißig auf Tour. In den kommenden Wochen sind Campino und Co.

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Die Toten Hosen gelten als herausragende Liveband.

Quelle: André Kempner

Dresden.

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Michael Breitkopf, genannt Breiti, ist Gitarrist der Toten Hosen.

Quelle: Matias Corral

Dresden. Mehr als 30 Jahre nach Bandgründung sind die Toten Hosen weiterhin fleißig auf Tour. In den kommenden Wochen sind Campino und Co. auch wieder in Sachsen zu Gast. Während die beiden Abende bei den Filmnächten am Elbufer in Dresden am 22. und 23. August restlos ausverkauft sind, gibt es für den Auftritt beim Seenlandfestival am 7. Juli bei Hoyerswerda noch Karten. Vorab sprach DNN-Online mit Gitarrist Michael „Breiti“ Breitkopf über Konzertlocations, gesellschaftliches Engagement und Tipps für junge Musiker.

Hallo Breiti, die Toten Hosen spielen gerade wieder eine Menge Konzerte. Wie startet so ein Tag bei dir?

Es ist nicht so, wie man es sich typischerweise bei einer Band vorstellt, dass vor 16 Uhr niemand von den Jungs zu sehen ist. Meistens bin ich früh wach und stehe gerade im Sommer dann gern auf. Während der Tour verschiebt sich das natürlich. Nach einem Konzert geht man nicht einfach ins Bett, das Adrenalin baut sich über Stunden ab. Außerdem gibt es immer noch Leute zu treffen, und wenn es die Jungs von der Crew sind, mit denen wir teilweise schon seit Jahren auf Tour sind. Am besten ist es, wenn wir zweimal am selben Ort spielen und sie nicht abbauen müssen, dann können wir mit ihnen zusammen feiern. Wichtig ist nur, dass wir am nächsten Abend wieder voll in Form sind. Danach richtet sich alles.

In Sachsen spielt ihr im Sommer noch beim Seenlandfestival bei Hoyerswerda und zweimal in Dresden. Wie wählt ihr die Konzertorte aus?

Wir schauen unter anderem, wo wir länger nicht waren. In Dresden hatten wir immer gute Abende. Zufällig wohnt auch noch ein Cousin von mir dort, den ich bei der Gelegenheit auch besuchen kann. Und die Chance, unten am Elbufer spielen zu können, nehmen wir gerne wahr. Das ist ein selten schöner Ort. Der einzige Nachteil ist, dass man von der Bühne aus die Altstadt nicht sehen kann. Aber dafür haben die Leute im Publikum eine schöne Aussicht. Diesen Konzertort suchen wir uns selbst gern aus. In Hoyerswerda versuchen die Veranstalter ein neues Festival zu etablieren. In dem Fall haben sie also bei uns nachgefragt. Und wir fahren ja gerne an unbekannte Orte und probieren das einfach mal aus.

Ihr habt letztes Jahr Wohnzimmerkonzerte gegeben, spielt aber auch bei den großen Festivals wie Rock am Ring. Was motiviert dich mehr?

Diese privaten Konzerte haben bei uns eine lange Tradition. Es ist ein besonderes Erlebnis, die Leute kennenzulernen für die man spielt, bei ihnen zu übernachten und sie dann auch noch zum Frühstück zu treffen. Das geht bei den großen Konzerten leider nicht. Da ist der Kontakt zu den Fans nicht so einfach möglich und deswegen legen wir besonderen Wert darauf, auch kleinere Konzerte zu spielen. Das sind also zwei völlig unterschiedliche Erlebnisse. Trotzdem sind wir bis in die Haar- und Fingerspitzen motiviert, wenn dort zehn-, zwanzig- oder dreißigtausend Menschen vor der Bühne stehen. Eine größere Motivation gibt es überhaupt nicht.

Gewohnheit kommt da nicht auf?

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Die Toten Hosen gelten als herausragende Liveband.

Quelle: André Kempner

Wir haben angefangen in einer Band zu spielen, weil wir Leidenschaft für Musik hatten und die ist immer noch ungebrochen. Solange das so ist, stellt sich auch keine Routine ein. Das ist ja kein Bürojob, bei dem man die Stunden zählt. Gerade wenn wir auf Tour sind und die volle Breitseite an Reaktionen vom Publikum zurück bekommen, ist das jedes Mal ein großartiges Erlebnis. Das möchte man immer wieder haben. Und das hat bei uns bis jetzt überhaupt nicht nachgelassen.

Ihr organisiert momentan ein Konzert für die Düsseldorfer Eishockeygemeinschaft. Euer Engagement geht darüber hinaus: Ihr unterstützt z.B. Pro Asyl und Oxfam. Wie entscheidet ihr, welche Projekte ihr fördert?

Dazu gehört auch noch die Aktion „Kein Bock auf Nazis“, die uns ein besonderes Anliegen ist. In Deutschland ist es nun mal so, dass Menschen immer noch von Neonazis bedroht, verletzt und getötet werden. Häufig haben Polizei, Verfassungsschutz und andere Behörden wenig Interesse an einer Aufklärung der rechten Straftaten und ermitteln nur nachlässig. Daran hat sich auch trotz des Bekanntwerdens der haarsträubenden Pannen im Zusammenhang mit dem NSU nichts geändert. Deswegen finde ich es besonders wichtig, dass jeder selbst aktiv wird. Letztendlich ist es ein Engagement für die Freiheit, die Demokratie und die Gesellschaft, in der wir leben wollen. Genau in diesen Bereichen arbeiten die Organisationen, denen wir eine Plattform bieten.

Eure Berühmtheit ist dafür ein wichtiger Aspekt, ihr könntet auch mit Geld helfen. Welche Rolle spielt Geld für dich persönlich?

Zu den Organisationen: Die bekommen teilweise Geld von uns. Aber das macht man oder nicht, da muss man nicht drüber sprechen. Für mich persönlich war es anfangs unvorstellbar, jemals von der Musik leben zu können. Als der Erfolg größer wurde und entsprechend mehr Geld rein kam, gab uns das die Möglichkeit, unsere Ideen zu verwirklichen. Jetzt ist es gut, dass man über Geld nicht mehr in dem Sinne nachdenken muss, wie man im nächsten Monat seine Miete bezahlt. Wir haben inzwischen über 20 Angestellte. Im Unterschied zu anderen Plattenfirmen mussten wir in Zeiten von einbrechenden Plattenmärkten niemanden entlassen. Wir können uns immer noch erlauben, die Preise für Eintrittskarten relativ niedrig zu halten. Das ist der Luxus, den ich darin sehe.

Was gönnst du dir denn persönlich von euren Einnahmen?

Ich hab Freunde an vielen verschiedenen Orten und mich interessiert, wie es überall auf der Welt aussieht. Und dann besuche ich andere Länder oder Freunde in Argentinien, Kanada oder London. Mein Luxus ist, dass ich, wenn ich da hin will, mir ein Flugticket kaufe und losreise. Ich muss ich mir keine Gedanken machen, wie ich das bezahlen soll.

Unabhängig vom Geld: Ihr singt im Titel „Traurig einen Sommer lang“ vom aktuellen Album ironisch „Das Musikerleben ist kein Zuckerschlecken“. Wann traf das zu und gilt das heute noch?

Bei uns hat sich eigentlich alles verändert, bis auf die Leidenschaft in der Band zu spielen. Natürlich schlafen wir inzwischen in guten Hotels in Einzelzimmern und nicht mehr in besetzten Häusern oder im Auto oder bei irgendwelchen Leuten, die kurz vorher noch gar nicht wussten, dass wir bei ihnen übernachten würden. Inzwischen haben wir alle gelernt, auf unsere Gesundheit zu achten. Was wir uns früher an Drogen reingehauen haben, das kann man auch nicht Jahrzehnte lang machen. Hätten wir so weiter gemacht, wären wir schon alle tot. Wir dürfen immer noch das machen, was wir am liebsten tun. Wir sehen das als Geschenk an. Campino und Andi sind 50, ich 49, und wir klettern immer noch in den Tourbus, geben Konzerte und machen Platten.

Und die Knochen tun noch nicht weh?

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Verdammt lang her: Die Toten Hosen (l-r), Breiti, Wölli, Campino, Andi und Kuddel am 18.02.1996. Foto: Ennio Leanza

Quelle: dpa

Nicht jeder Tag ist super, aber dafür strengt man sich umso mehr an. Denn letztlich bekommen wir bei den Konzerten für das, was wir machen, unverhältnismäßig viel Anerkennung. Eine Menge Leute leisten wertvollere Arbeit und die bekommen nicht so ein Feedback oder Beifall. Insofern versuchen wir das immer auszukosten und jeden Moment zu genießen.

Was hältst du momentan vom Musikernachwuchs in Deutschland. Hörst du da noch Punk?

Kraftklub zum Beispiel sind eine gute Band, die machen großen Spaß und schreiben gute Texte. Mit denen spielen wir auch zusammen. Da gibt’s aber noch einige andere, die gute Musik und ordentliche Texte machen. Vieles bekomme ich auch erst verspätet mit, weil wir selbst unterwegs sind.

Was gibst du jungen Musikern heute mit auf den Weg?

Man braucht die Leidenschaft für die Musik und muss in einer Band spielen wollen. Wenn jemand in der Hoffnung an den Start geht, reich, berühmt und erfolgreich zu werden, dann wird da wahrscheinlich nichts draus. Wenn man es nur als Arbeit ansieht, wird es anstrengend oder es ist verschwendete Energie. Das Wichtigste ist, dass man das gerne macht, was man da tut, und alle Energie und Zeit hinein steckt, so wie wir früher. Dann kann man Glück haben und es funktioniert und man kann irgendwann sogar davon leben. Nur gibt’s leider keine Garantie dafür.

Breiti, kurz noch zum Fußball: Hast du den Abstieg von Fortuna Düsseldorf schon verkraftet?

Ja, es war klar, dass es eine schwere Saison werden würde. Ärgerlich war, dass es am Ende so knapp war. Aber jetzt geht der Blick nach vorne. Wir haben einen neuen vielversprechenden Trainer, der ist ein „Düsseldorfer Jung“. Natürlich will man lieber in der ersten Liga sein, aber Spiele gegen Bochum, Köln, St. Pauli und natürlich Dynamo Dresden machen mehr Spaß als gegen Wolfsburg oder Hoffenheim.

Stichwort Hoffenheim. Hier in der Region ist es der Konzern Red Bull, der mit allen Mitteln RB Leipzig in die 1. Liga hieven will. Wie beurteilst du diese Entwicklung im Fußball?

Als Fan von einem Traditionsverein schreie ich jetzt nicht Hurra. Es gibt immer mehr Clubs , die auf Geldgeber von außen angewiesen sind und es wird immer Firmen geben, die Fußball als Werbung nutzen und ihr Geld da reinstecken. Ich finde das natürlich schade, da bin ich nun eher Romantiker. Man muss jedoch auch das große Ganze sehen. Die Champions League wurde als Gelddruckmaschine für die großen Clubs installiert. Dadurch ist deren Macht zementiert und die kleinen Clubs müssen sich entsprechend in die Hierarchie einordnen. Wenn Vereine wie Freiburg oder Mainz mal eine außergewöhnliche Saison spielen, dann sind danach die besten drei Spieler weg, und sie können sich wieder hinten anstellen. Wenn ein Club in dieser Hierarchie nach oben kommen will, dann braucht er Geldgeber von außen. Das ist leider ein allgemeines Problem. Insofern finde ich es interessant, was gerade in Brasilien passiert. In dem fußballverrücktesten Land der Welt gehen die Leute gegen dieses System des Fußballs und aus anderen Gründen auf die Straße und rebellieren. Mal sehen, wie sich das noch entwickelt.

Vielen Dank für das Gespräch, Breiti, und viel Spaß auf den folgenden Konzerten!

Dominik Brüggemann

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