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Eine Welt in den Händen - Ein Nachruf auf den Dresdner Buchgestalter Horst Schuster

Eine Welt in den Händen - Ein Nachruf auf den Dresdner Buchgestalter Horst Schuster

Nicht nur die Namen, die groß auf dem Einband prangend auf den Titelseiten stehen, sind wichtig, auch jene, die im Kolophon versteckt, auf der letzten Seite oder manchmal gar nicht erwähnt werden.

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Professor Horst Schuster (Aufnahme von 2000).

Quelle: Matthias Creutziger

Wird dort der Name Horst Schuster genannt, hat man stets eines der schöneren, besser und gerechter gestalteten Bücher in der Hand. Aber er hat nicht nur hervorragende Bücher geschaffen, sondern war auch schöpferischer Teil einer ganzen Buchkultur, in die er erst hineinwuchs und die er dann selbst mitformte. Er gehörte zu jenen Jahrgängen, geboren 1930, die den Krieg, gerade die Zerstörung Dresdens, im vollen Bewusstsein erlebten, doch vom Soldat sein verschont blieben. Den Beruf erlernte er von der Pike auf, sprich in Setzerei und Drucksaal der damaligen Dresdner Zeitung, dem Vorläufer der DNN. Um die Lehre fortsetzen zu können, half er mit bei der Bergung der Überreste seines Lehrbetriebs aus den Bombentrümmern. 1952 trat er in den Verlag der Kunst Dresden ein, zunächst als Hersteller. Gestalterische Aufgaben übernahm er ab 1953 anfangs eher gelegentlich und autodidaktisch - er wuchs quasi vom technischen in den künstlerischen Bereich hinüber, studierte schließlich an der HGB in Leipzig bei Kapr und Schiller. Es gab wohl DDR-weit, sicher aber in Dresden, kein Buchregal, in dem Schusters Bücher fehlten. Er war fast ein halbes Jahrhundert im Verlag der Kunst Dresden tätig. Über 250 Bücher und Kataloge entstanden, auch in Zusammenarbeit mit anderen, internationalen Verlagen. Darunter populäre Bücher, "Dresden, wie es Maler sahen" von H.J. Neidhardt, aber auch sehr fachspezifische, wie eine Monografie über den bedeutenden Typografen Jan Tschichold, eines der großen Vorbilder von Schuster, den er 1964 erstmals persönlich traf.

Schuster war einer jener starken Persönlichkeiten, die Kraft genug hatten, sich völlig zurückzunehmen. Aus großem Wissen und aus seinem Respekt für Texte und Bilder erwuchs ein seltenes Einfühlungsvermögen für das einzelne Projekt und ein unaufdringlicher, aber deutlicher Personalstil. Er konnte auf unterschiedliche Epochen und Künstlerpersönlichkeiten eingehen. Manchmal sogar in einem einzigen Buch, zum Beispiel im kongenial gestalteten "Hyronimus Bosch" von Wilhelm Fraenger, wird er der spätmittelalterlichen Bilderwelt genauso gerecht, wie er einen Ausdruck für die polemischen, streitbar suchenden Texte findet. Es ist ein großes Glück, dass gerade solche Bücher einen Gestalter wie Horst Schuster hatten, so wurden dicke Bücher nicht zu Wälzern, sondern man hält eine Welt in den Händen, in die man blätternd, betrachtend, lesend eintauchen kann. Zahlreiche Künstlermonografien sind teilweise in Zusammenarbeit mit ebenso namhaften Kunstwissenschaftlern entstanden, unter anderen Werke über Cranach, Dix, Die Brücke und viele zeitgenössische Künstler. Auch mit modernen Bildsprachen setzte er sich auseinander, dem Konstruktivisten El Lissitzky konnte er so ein passendes Buch schaffen. Dazu kamen Bildbände zu Themen wie Architektur und Kunstgewerbe.

Neben den Monografien über Künstler entstanden illustrierte Bücher - oft im direkten Kontakt mit dem Künstler. Besonders glücklich war die Zusammenarbeit mit Josef Hegenbarth - das Ergebnis waren Bücher von intensiver Einheitlichkeit von Text und Bild, von Form und Inhalt.

So sensibel sein Umgang mit namhaften Künstlern war, genauso verständnisvoll war sein Verhältnis zu Studenten. Horst Schuster lehrte ab 1978 an der HfBK Dresden, von 1983 bis 1996 hatte er eine Professur inne, zwischenzeitlich war er sogar Rektor. Wer Unterricht bei ihm hatte oder besser ein Projekt unter seiner Anleitung verfolgte, fand einen Mentor, der die Anliegen junger Menschen ernst nahm, Kritik und Hinweise nie zurückhielt, aber immer förderlich anbrachte. Nicht nur im gestalterisch-typografischen Bereich war er anregend, auch im künstlerischen und literarischen. Vielen angehenden Künstlern brachte er das illustrierte Buch oder das Grafikbuch als Gesamtkunstwerk nahe. In den grafischen Werkstätten entstanden viele und interessante Bücher. Einige davon erhielten internationale Auszeichnungen, wie viele von Horst Schusters Werken zuvor, aber wirkliche Auszeichnung für ein Buch ist es, wenn es über Generationen weitergegeben wird und sich nicht in Moder, Feuer oder Papiermühlen auflöst.

Horst Schuster starb bereits am 19. Juli. Seine Bücher sind Bücher, die man gern und lange besitzt, gern anschaut, gern liest. Und sie sind Zeugnis für eine Zeit höchster Buch- und Verlagskultur in Dresden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 09.08.2013

Hanif Lehmann

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