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Eine Vergangenheit, zwei Sichtweisen - Judka Strittmatter stellte ihren Debütroman in Dresden vor

Eine Vergangenheit, zwei Sichtweisen - Judka Strittmatter stellte ihren Debütroman in Dresden vor

Sie können einander nicht ausstehen, die Schwestern Martha und Johanne Andruschat. Nie sind sie einer Meinung, und auch die Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit sind geteilter Natur.

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Während Johanne sich früheren Zeiten gegenüber versöhnlich zeigt, sich die Vergangenheit schönredet, treibt Martha eben diese Vergangenheit immer noch um, auch wenn sie weiß: "Es musste aufhören, dass der Schmerz alter Demütigungen weiter in ihr Leben drang und sie phasenweise derart lähmte, dass sie die Wohnung nicht verließ, ihr Leben für sinnlos hielt und sich am Ende mit Marihuana betäubte". Aber sie kann nun mal nicht aus ihrer Haut, wie in Judka Strittmatters Debütroman "Die Schwestern" vermittelt, den die Journalistin präsentiert von den DNN in der Thalia-Buchhandlung am Dr.-Külz-Ring vorstellte.

Strittmatter. Der Name lässt aufhorchen, nicht nur im Osten, wo Erwin Strittmatter eine Größe des Literaturbetriebs war. Er ist der Großvater von Judka Strittmatter, sie ist die Tochter eines Sohnes aus der ersten Ehe des drei Mal verheirateten Erwin Strittmatters. Kontakte gab es so gut wie keine. "Ich wollte Erwin Strittmatter nicht als Künstler diskreditieren, aber rein menschlich ist er eine Reizfigur gewesen", erklärt Judka Strittmatter, die zugibt, "aus kindlicher Bockigkeit" nicht alles gelesen zu haben, was ihr Großvater geschrieben habe, zumal ihr englische oder amerikanische Autoren viel mehr zugesagt hätten.

Der als Großvater de facto nicht existente, gleichwohl wirkungsmächtige Strittmatter hat seinen Auftritt als kalter und distanzierter (Groß-)Onkel Kurt, als hofierter, mit (National-)Preisen überschütteter, von seinen zahlreichen Fans vergötterter und entsprechend eitler Schauspieler. Die Wahrheit wollen die "Onkel-Kurt-Bewunderer" nicht hören, offensichtlich ist, "dass sie sich das Bild eines Mannes, der ihnen so hohe ästhetische Befriedigung verschaffte, nicht durch jemanden zerstören lassen" wollen, "der selbst ein Niemand war und sich nur wichtig machen wollte". Schlimmer aber noch sind die Eltern der Schwestern. Wartburg und Westklamotten wiegen nicht mal ansatzweise die Lieb- und Sprachlosigkeit auf, die in dieser "Familie" herrschen, in der der Vater seine Töchter regelrecht abrichtet.

Strittmatters Buch ist eine verstörende, für manchen vielleicht sogar unangenehme Abrechnung mit einer bitteren Kindheit in einer nach außen hin ganz "normalen" DDR-Akademikerfamilie. "In den vergrübelten Schichten ihres Hirns wollte einfach kein Erlebnis aufglimmen, das Mutter oder Vater bei der Ausübung so genannter Elternliebe zeigte, keine Schmuseszene, kein Tröstszenarium, kein Das-wird-schon-wieder-Singsang", legt Strittmatter ihrer Figur Martha in den Mund.

Das allgegenwärtige Thema Stasi spielt auch bei Strittmatter eine Rolle. Justament als die Andruschat-Schwestern im Hotel "Sandbank" ankommen (Pate stand überdeutlich das Hotel Neptun in Warnemünde), wird publik, dass der Direktor des renommierten "Devisenbringers" in der DDR ein "Genosse im Westpelz" gewesen war, jahrelang für die Stasi gespitzelt hat. Martha, die als Journalistin arbeitet und registriert, dass selbst an den Jüngeren bisweilen noch der "DDR-Behörden-Sprech" klebt, "den ihre Eltern einst aus Schulen, Bereichsleitungen und Komitees nach Hause eingeschleppt hatten", ist wie elektrisiert. Umgehend stellt sie Nachforschungen über den Mann an, der in der Region als sympathischer und erfolgreicher Tourismus-Förderer wohlgelitten ist.

Auch sonst lässt Judka Strittmatter sich über so manches aus. So lässt die in Berlin und Brandenburg lebende Autorin, die selbst in einem Plattenbaugebiet in Rostock aufwuchs, Martha einleitend wenig Nettes über Plattenbauten sinnieren. Aber keine Bange: Pauschales DDR-Bashing wird nicht betrieben. Auch am Erscheinungsbild des Westens stört Martha vieles, und das bezieht sich nicht nur auf Äußerlichkeiten. Leider hat das Werk über die Metamorphosen der Erinnerung sprachlich so seine kleinen Mängel. Da steht ein Hotel "in gutem Saft da", erzählt Martha, dass sie in Mexiko "mal von ein paar Uzis umstellt" war. Christian Ruf

Judka Strittmatter: Die Schwestern. Aufbau, 282 Seiten, 19,99 Euro

Liederabend im Putjatinhaus

Das Putjatinhaus, Meußlitzer Straße 83, lädt morgen um 19.30 Uhr zu dem Liederabend "Cantante Charmante" ein. Das Duo Saitenweisen nimmt die Besucher mit auf eine Reise zu bekannten Liedern aus verschiedenen Generationen und wird dabei von Tom Kleinrensing mit literarischen Episoden begleitet. Der Eintritt kostet 10 Euro, ermäßigt 8 Euro.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.03.2012

DNN

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