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Eine Ressource wie Öl und Holz: ein paar Gedanken über die Achtsamkeit

Eine Ressource wie Öl und Holz: ein paar Gedanken über die Achtsamkeit

In den Erinnerungen des berühmten spanischen Filmregisseurs Luis Buñuel (die Originalausgabe erschien 1982 unter dem Titel "Mon dernier soupir" bei Editions Robert Laffont in Paris) erinnert Buñuel sich an ein beliebtes Spiel der Surrealisten: jeder zählt ein paar Dinge auf, die er mag; und ein paar, die er nicht mag.

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"Noch das fahrigste, ruheloseste Künstlernaturell braucht eine Form von Zugewandtheit, von Nichtablenkung...

Quelle: dpa

Die Stelle in dem Buch fällt mir wieder ein, da ich über Langsamkeit nachdenke.

Nehmen wir einmal an, Sie hätten eine ähnliche Liste gemacht: mit Dingen oder Handlungen, die Sie schnell tun müssen. Und mit Dingen oder Handlungen, die Sie langsam tun wollen. Sie merken schon, dass ich Sie sanft zu beeinflussen versuche: indem ich suggeriere, dass Sie die schnellen Dinge tun müssen, die langsamen aber tun wollen. Dahinter steckt weniger Absicht, als Sie vielleicht vermuten. Denn - einmal abgesehen vom sportlichen Wettkampf und ein paar anderen Disziplinen - wenn Sie etwas tun, das Ihnen gefällt und das Sie genießen können - tun Sie es schnell und versuchen es hinter sich zu bringen? Oder tun Sie es langsam? Und der Abwasch, der ja auch irgendwann erledigt werden muss - schnell oder langsam?

Der Soziologe Hartmut Rosa hat ein interessantes Buch über die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne geschrieben ("Beschleunigung", Suhrkamp Verlag 2005), in dem er die Ansicht vertritt, das Gefühl, nicht mehr über ihr eigenes Leben - respektive ihre eigene Zeit - bestimmen zu können, führe die Menschen zunehmend in Depressionen. Die wiederum nur eine Reaktion auf die enormen sozialen Beschleunigungen sind. Es ist jetzt viel vom Hochfrequenzhandel die Rede, man könnte also die These aufstellen, der Hochfrequenzhandel habe nicht nur in die Finanzbranche Einzug gehalten, sondern längst auch unser soziales Beziehungsnetz untergraben. Neben dem ultraschnellen Handel, Big Data und anderen modernen Gespenstern gibt es längst auch die ultraschnelle und folglich oberflächliche Kommunikation? Wenn Sie übers Display gebeugt in der Straßenbahn etwas wild in Ihr Handy tippen, sind Sie zugleich da und nicht da. Es gibt einen fundamentalen Bedeutungsunterschied zwischen dem Wort "Zeit" und dem Wort "Dauer". Ersteres haben Sie oder haben Sie gerade nicht. Dauer dagegen erfordert Intensität, Aufmerksamkeit, um Dauer zu erleben, dürfen Sie nicht zugleich hier und dort sein, sondern Sie müssen ungeteilt anwesend sein, mit offenen Sinnen. Das ist der Unterschied.

In seinem Buch "Im Norden ein Berg, im Süden ein See, im Westen Wege, im Osten ein Fluss" erzählt der ungarische Schriftsteller Laszlo Krasznahorkai von acht Hinokizypressen. Die ungefähr hundert Millionen (!) Pollenkörner der männlichen Blüte eines Baumes fliegen, von einer heißen Luftströmung gehoben, von einer Insel über das Meer hinweg auf eine andere Insel, wo sie als Niederschlag auf einen kleinen Klosterhof niedergehen, "exakt auf das Grün des Mutter-Hinoki", der auf einen solchen Niederschlag gewartet hatte, nicht alle Pollenkörner natürlich, denn die meisten, viele Millionen, sind unterwegs verloren gegangen, aber einige wenige sind an der richtigen Stelle niedergegangen, genauso viele, wie es braucht, um die acht Hinokizypressen entstehen zu lassen. Und nun stelle ich die Frage: Welcher Computer, welcher noch so sehr auf Abweichungen programmierte Algorithmus wäre in der Lage gewesen, das voraus zu berechnen?

Gibt es eine Nachhaltigkeit des Blicks? So möchte ich jenes nicht ganz erklärbare Element des Schöpferischen nennen, aus dem Kunstwerke (Bücher, Bilder, Musik etc.) entstehen. Noch das fahrigste, ruheloseste Künstlernaturell braucht eine Form von Zugewandtheit, von Nichtablenkung, um aus einer Unzahl von Möglichkeiten seinen Stoff, sein Thema, seine Sujets herausfiltern zu können. Der Begriff "Nachhaltigkeit" kommt aus der Forstwirtschaft, wo er für ein Prinzip steht, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden soll, als nachwachsen kann. Und Holz wächst bekanntlich langsam. Romane, Gedichte, Bilder, Symphonien entstehen in der Regel auch nicht in kurzer Zeit, sie benötigen - als Zustand, nicht als Zeitmaß - Dauer.

Ein künstlerisches Werk lässt sich mit keinem System dieser Welt vorausberechnen. Welchen Satz der Autor als nächsten schreiben wird, weiß nicht einmal er selbst. Nachdenklichkeit ist ein wichtiger Teil des schöpferischen Prozesses. Das gilt aber eigentlich ebenso für unser Alltagsleben: Wenn wir spüren, dass die Spuren einer Begegnung (mit einem anderen Menschen, einem Kunstwerk, einem Ort) länger als nur für einen Moment in uns verweilen, wenn sie Dauer erzeugen, dann erzeugen sie eben auch ein anderes Zeitgefühl. Dieses Zeitgefühl ist, was ich die Nachhaltigkeit des Blicks nenne. Etwas schwingt oder zittert dann in uns, bleibt uns, als Gefühl oder Erfahrung oder Erinnerung, erhalten.

Das Sich-Einlassen, sich Zeit zu nehmen für den Anderen, hat auch mit Würde zu tun. In seinem Film "Das Turiner Pferd" zeigt Bela Tarr das Leben des Kutschers Ohlsdorfer, der mit seiner Tochter in einer gottverlassenen Kate lebt. Er zeigt es in nur wenigen langen Einstellungen, minutiös und en détail. Zweieinhalb Stunden lang. Er zeigt, wie der Kutscher und sein Pferd sich bei Wind und Wetter nach Hause schleppen. Es ist eine Qual, eine Tortur. Wer nicht bereit ist, die üblichen Sehgewohnheiten abzuwerfen und sich auf den Blick des Filmregisseurs Bela Tarr einzulassen, wird sich bei diesem Film langweilen. Er wird nicht begreifen, dass die wenigen Einstellungen, aus denen der Film besteht, und die zahllosen Details aus dem Leben eines einfachen (armen? mittellosen? was eigentlich? - hier versagen die Worte...) Menschen zugleich etwas haben, das letztlich aus genau dieser Langsamkeit herrührt: Würde. Aufmerksamkeit und Achtsamkeit sind Ressourcen. Wie Heizöl oder Holz.

*Volker Sielaff lebt als Dichter, Kolumnist, Literaturkritiker, Literaturveranstalter und Mitarbeiter eines Theaters in Dresden. 2007 erhielt er den Lessing-Förderpreis 2007. Zahlreiche Beiträge zu zeitkritischen Themen in der Tagespresse. Zuletzt erschien von ihm "Selbstporträt mit Zwerg" (Verlag Luxbooks, Wiesbaden 2012).

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.04.2013

Volker Sielaff

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