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Eine Lektion in Cholerik: Gernot Hassknecht im Dresdner Wechselbad

Eine Lektion in Cholerik: Gernot Hassknecht im Dresdner Wechselbad

Der kleine Mann schaut freundlich in die Menge, die sich um seinen Tisch drängelt. Er schreibt Autogramme, blinzelt durch seine Brillengläser und lässt die Anspannung des Abends bei alldem einfach hinter sich.

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Hans-Joachim Heist alias Gernot Hassknecht

Quelle: Maurizio Gambarini

Für die aufmunternden Worte, die an ihn gerichtet sind, bedankt er sich artig. Unwillkürlich fällt einem das Wort "knuffig" ein, um diesen Mann in jenem Moment zu beschreiben. Hans-Joachim Heist, so der Name des kleinen Kerls mit der großen Glatze, hat sein Tagwerk für heute vollbracht. Er lächelt zufrieden.

Das war in den zwei Stunden davor deutlich anders. Eben jener Mann enterte pünktlich die Wechselbad-Bühne und ließ in seiner unnachahmlichen Mischung aus unterschwellig-bedrohlichem Tremolo und analytisch-situativer Bestandsaufnahme ("dieser Saal, geschaffen vom persönlichen Innenarchitekten Saddam Husseins") gleich wissen, wohin die Reise geht: ins Land der Beschwerdebriefe und Choleriker, ins Heim der aufbrausenden Verbalkrieger, ins Deutschland Gernot Hassknechts.

Denn Heist ist Hassknecht - und doch auch wieder nicht. Hassknecht ist vielmehr die Kunstfigur, in die Heist schlüpft: auf der Bühne genauso wie in der "heute-show" des ZDF, was ihn ja eigentlich erst in den Bekanntheitsgrad versetzt hat, nun als Vorzeige-Bluthochdrucker durchs Land zu tingeln. Logischerweise wird das Bühnenprogramm immer wieder (aber nicht zu oft) mit Video-Einsprengseln der Hassknechtschen "heute-show"-Tiraden aufgepeppt. Mein ganz persönlicher Liebling immer noch: In einer Minute, die man RTL2 schaut, sterben genauso viele Gehirnzellen wie beim einstündigen Schlagen mit dem Hammer auf den Kopf - den eigenen wohlgemerkt. Sagt Hassknecht. Das mit dem Hammer hab ich noch nicht ausprobiert, aber der Selbstversuch des sechzigsekündigen Ausharrens bei der Perle der deutschen Privatfernsehunterhaltungsanstalten versetzte die grauen Zellen tatsächlich in Schockstarre.

Doch zurück zu Hassknecht auf der Bühne. Dort heißt es: ein Mann und eine Mission. Denn nur die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden hat immer wieder zum Fortschritt geführt. Anders ausgedrückt: die Beschwerde als Beschleuniger der Entwicklung. Was Hassknecht nicht sagt, aber meint: Wer sich beschwert, lebt. Wer sich zufrieden zeigt, ist tot.

So gesehen, könnte Hassknecht kaum lebendiger sein. An seiner imaginären Frau Renate, die ihn immer wieder verlässt, mäkelt er herum wie ein Restaurantkritiker an einer versalzenen Ratatouille. Sein Ernährungstipp für alle werdenden Choleriker heißt: "90 Prozent von dem, was sie essen, sollte früher mal ein Gesicht gehabt haben." Reisen seien immer gut, um sich aufzuregen, am besten in Bahn oder Auto. Vom Flugzeug aber rät Hassknecht gänzlich ab: alles fremdbestimmt dort. "Die Frauen tragen Uniform, das Essen ist schlecht und man kommt nicht raus. Das Flugzeug ist die DDR unter den Transportmitteln." Lautes Johlen im Publikum. Punkt an Hassknecht.

Glücklicherweise hält sich die Zahl seiner Kalauer in Grenzen. Auch wenn Gernot Hassknecht in seiner zwischen Comedy und Kabarett angesiedelten Figurenzeichnung nicht an die Komplexität eines Oberstleutnant Sanftleben oder des Rentners Lothar Dombrowski, wie sie Kollege Georg Schramm verkörpert, heranreicht, zählt er doch zur überschaubaren Gilde derer, die das Politische straff mit der Satire verknüpfen. Das zeigt vor allem sein finaler imaginärer Auftritt vor dem Bundestag. Spätestens dort wird klar, dass diese Zorn gewordene Punschkugel ein Thema hat: Ungerechtigkeit, vor allem soziale. Wenn Hassknecht die sich in gut dotierten Nebenjobs verlierenden Abgeordneten mit der Tatsache konfrontiert, dass bei einem Arbeitslosengeld-Empfänger dagegen jeder Cent, der über der Einkommensgrenze liegt, zu Leistungskürzungen führt, versteht man plötzlich die Massivität dieses Vergleichs. Und dass es eines Cholerikers bedarf, ihn so vehement auszukotzen.

Heist hat seine Chance ergriffen, als er mit 60 Jahren für die Hassknecht-Figur gecastet und für gut befunden wurde. Ein später Publikumserfolg, den sich der mittlerweile 64-Jährige schwer verdient hat. Heist weiß übrigens sehr genau, wovon er redet, wenn er Politikern so richtig ans Bein pinkelt. Wo Heist zu Hause ist, in Pfungstadt bei Darmstadt, saß er ab 2004 als Kommunalpolitiker für die SPD im Stadtrat. Das Mandat ruht seit Ende 2011.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 18.11.2013

Torsten Klaus

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