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Eine Königin: 50 Jahre große Jehmlich-Orgel in der Dresdner Kreuzkirche

Eine Königin: 50 Jahre große Jehmlich-Orgel in der Dresdner Kreuzkirche

1963 wurde die große Orgel in der Kreuzkirche geweiht. Erbaut hatte sie Gebrüder Jehmlich Dresden. Ab 30. Oktober gibt es eine Festwoche "50 Jahre Große Jehmlich Orgel".

Kerstin Leiße befragte Horst Jehmlich, Geschäftsführer der Jehmlich Orgelbau Dresden GmbH.

Frage: 1973 haben Sie die Leitung der Firma übernommen. Welche Erinnerungen haben Sie an die Einweihung der Orgel?

Horst Jehmlich: Während der Erbauung der Orgel absolvierte ich gerade meine Lehrausbildung zum Orgelbauer. Ich hatte also das Glück, bei dieser großartigen Aufgabe bei der Anfertigung der Orgelteile und in der Kreuzkirche bei der Orgelmontage mitzuwirken. Ein solches Instrument täglich wachsen zu sehen ist mir in nachhaltig schönster Erinnerung geblieben. Schon vor der Einweihung habe ich während der Intonationsphase viele Klänge erleben können, doch die festliche Eröffnung in der gefüllten Kirche war dann der freudige Höhepunkt. Bei einer sehr schönen Feierstunde mit den Vertretern der Kirchgemeinde und den Mitarbeitern unserer Firma gab es eine lustige Geschichte: Die damaligen Firmenchefs, mein Vater Rudolf und mein Onkel Otto, mussten mit verbundenen Augen jeder an einer aufgestellten Tafel die neue Orgel der Kreuzkirche skizzieren. Anschließend hatten sie die Aufgabe, mit wieder offenen Augen ihre Kunstwerke zu erläutern. Es wurden einmalig verschachtelte Phantasiegestaltungen mit witzigen Zukunftsambitionen interpretiert.

Frage: Die Verantwortlichen einigten sich 1961 auf ein Instrument mit 76 Registern auf vier Manualen und Pedal. Nach welchen Gesichtspunkten hat man damals entschieden?

Horst Jehmlich: An der konzeptionellen Vorbereitung der Orgel für die Kreuzkirche war ich noch nicht mit beteiligt. Es wurde eine Orgel mit einer sehr vielseitigen Klangpalette angestrebt, die ein breites Repertoire an Orgelliteratur der verschiedenen Epochen zulässt. Dabei wurde besonderer Wert auf neue und interessante Obertonregister gelegt, die auch zukunftsweisend auf moderne Kompositionen und Improvisationen orientierten.

Frage: Für welches Repertoire ist die Orgel geeignet und für welches nicht?

Horst Jehmlich: Die Orgel ist in der entstandenen Zeit der 60er Jahre mehr an barocken als an romantischen Klängen orientiert. D.h., diese Orgel ist mit den Registern aus der klassischen, barocken Registertradition stärker ausgerüstet und hat weniger Klangmöglichkeiten im Bereich der romantischen Stimmen. Trotzdem wurden alle wesentlichen Stile an dieser Orgel schon interpretiert.

Frage: Mussten die Orgelbauer damals Kompromisse suchen, weil es schwierig war, in der DDR hochwertiges Material zu bekommen?

Horst Jehmlich: Die wesentlichen Materialien an Hölzern, Metallen, Leder u.v.a. konnten in ausreichender Qualität bezogen werden, natürlich mit einem erheblich höheren und oft durch einen ergänzend einfallsreicheren Kraftaufwand als heute. Probleme bestanden jedoch bei benötigten Importteilen aus der damaligen Bundesrepublik Deutschland. Dies betraf z.B. Registerzugmotore für die elektrische Betätigung der Schleifen. Wir haben uns damit beholfen, indem wir anstelle der Registerzugmotore pneumatische Schleifenzugapparate selbst herstellten. Diese funktionierten etwas träger, aber doch über längere Zeit zuverlässig.

Frage: Wurden in den nachfolgenden Jahren Änderungen an dem Instrument vorgenommen?

Horst Jehmlich: Die mechanische Spieltraktur der Orgel für die vier Manuale und das Pedalwerk war einschließlich aller Koppeln mechanisch ausgelegt. Das führte bei einer mechanischen Kopplung mehrerer Werke aneinander zu einer recht schweren Spielart. Im Laufe der Zeit wurden deshalb die Manualkoppeln elektrisch ausgerüstet und damit die Spielart wesentlich erleichtert.

Frage: 2005 bis 2008 wurde die Orgel gründlich saniert und modernisiert ...

Horst Jehmlich: Die schon erwähnten pneumatischen Schleifenzugapparate wurden durch starke Schleifenzugmagnete ersetzt, die gesamte Spieltraktur grundlegend erneuert und damit die Spielart optimiert. Auch die Registertraktur konnte mit dem Einbau einer neuen Setzeranlage auf modernsten Stand gebracht wer- den. Dazu wurde der Spieltisch für den Organisten neu ausgestaltet. 4000 Speicherplätze für verschiedene Registrierungen und ein Datenspeicher mit USB-Schnittstelle stehen dem Organisten zur Verfügung. Auf zwei ausschwenkbaren Monitoren kann der Organist das Geschehen am Altar und auf der Chorempore verfolgen. Neben den technischen Arbeiten an der Orgel bestand die Zielstellung, das klangliche Grundkonzept der Orgel zu erhalten. Zwei wichtige Ergänzungen wurden jedoch ausgeführt. Zum Einen wurde das Schwellwerk um vier Register erweitert. Zum Anderen wurden die 76 vorhandenen Register an die veränderte Akustik des Kirchenraumes angepasst.

Frage: Wie aufwendig ist die Pflege des Instrumentes? Haben sich durch den Umbau der Kreuzkirche, z.B. durch den Einbau einer modernen Heizung, ver- änderte Bedingungen ergeben?

Horst Jehmlich: Eine regelmäßige Wartung der Orgel ist für eine Topqualität der Orgel die notwendige Basis. Mit der neuen Kirchenheizung wurde auch eine Umluftregelung im Orgelbereich vorgesehen. Diese ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass in den verschiedenen Ebenen der bis unter die Kirchenraumdecke reichenden elf Meter hohen Orgel nicht differierende Raumtemperaturen entstehen, die zu einer Verstimmungen des Pfeifenwerkes führen. Neben einer jährlich auszuführenden Stimmung und Durchsicht der Orgel werden üblicherweise vor den Konzerten Stimmarbeiten an den Zungenregistern ausgeführt.

Frage: Die Orgel der Kreuzkirche ist nicht nur einer der größten in Sachsen, sondern auch das 800. Werk der Gebrüder Jehmlich. Wie viele Instrumente sind bis 2013 hinzugekommen?

Horst Jehmlich: Derzeit arbeiten wir an unserem Opus 1161, der neuen Orgel für die Universitätskirche/Paulinum in Leipzig.

Frage: Ist es heute, in Konkurrenz mit anderen Orgelfirmen aus Deutschland und Europa, schwieriger für Ihre Firma geworden, attraktive Aufträge zu erhalten?

Horst Jehmlich: Natürlich ist es heute schwieriger geworden, attraktive Aufträge zu erhalten. Insgesamt ist der Bedarf an neuen Orgeln in Kirchen, Konzertsälen und anderen Orts beständig zurückgegangen. Die in den vergangenen Jahrzehnten, teilweise bis zur Jahrtausendwende gewachsene Kapazität an Orgelbauern stellt ein erhebliches Überangebot gegenüber der sich entwickelnden Auftragslage dar.

Frage: Wie viele Mitarbeiter hat Jehmlich Orgelbau Dresden?

Horst Jehmlich: In unserer Firma sind 25 Mitarbeiter und zwei Lehrlinge tätig.

Frage: Seit 2006 arbeitet Ralf Jehmlich mit als Geschäftsführer ...

Horst Jehmlich: Ralf Jehmlich vertritt die 6. Generation. Anlässlich unseres 200. Firmenjubiläums 2008 teilte uns der Sekretär der Internationalen Orgelbaugesellschaft ISO mit, dass wir weltweit das älteste Orgelbauunternehmen sind, das heute noch in den Händen der selben Familie liegt.

Frage: Und woran arbeiten Sie und Ihre Mitarbeiter gerade?

Horst Jehmlich: Zwei große Restaurierungen, an denen wir über drei Jahre gearbeitet haben, wurden gerade abgeschlossen: die Eberhard-Orgel von 1758 in Bardo/Polen und die Jehmlich-Schuster-Orgel von 1930 in der St. Johanniskirche Zittau. Aktuell arbeiten wir an der Volckland-Orgel von 1751 in Erfurt-Bindersleben. Eine besondere Herausforderung wird die museale Restaurierung einer mit Wasserkraft angetriebenen Walzen-Orgel von 1778/1705 im Schloss auf der Wilhelmshöhe zu Kassel. Ein umfangreiches Projekt ist die stilgerechte Rekonstruktion der romantischen Jehmlich-Orgel in der Christuskirche Dresden-Strehlen. Derzeit findet in unserem Montagesaal die Aufstellung des Orgelneubaus für die Universitätskirche/Paulinum Leipzig mit drei Manualen und 44 Registern statt. Ein Orgelpositiv mit Meissener Porzellanpfeifen werden wir Anfang 2014 in Taipei/Taiwan zum Erklingen bringen.

Frage: Welches Werk sollte zur 50-Jahr-Feier der Kreuzkirchen-Orgel erklingen?

Horst Jehmlich: J.S.Bachs Toccata F-Dur von - diese erklang als erstes Orgelstück zur Einweihung der Orgel am 31. Oktober 1963 und blieb mir in schönster Erinnerung.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.10.2013

Kerstin Leiße

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