Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 3 ° Regen

Navigation:
Google+
Eine Dissertation, publiziert in "Dresdner Schriften zur Musik"-Reihe, entzaubert den Felsenstein-Mythos

Eine Dissertation, publiziert in "Dresdner Schriften zur Musik"-Reihe, entzaubert den Felsenstein-Mythos

Er gilt als Inkarnation der Komischen Oper Berlin, sein Name, sein Theater sind Legende. 1975 ist der Wiener Regisseur Walter Felsenstein gestorben. Aber schon zu Lebzeiten wurde er von der DDR verklärt, idolisiert und der staatlichen Kunstdoktrin und -Propaganda einverleibt.

Voriger Artikel
Malerei von Harald Metzkes in der Galerie Klinger in Liegau-Augustusbad
Nächster Artikel
Hören vor Sehen - Sächsische Bands erobern Dresdner Filmnächte am Elbufer

Ein Mythos: Büste Walter Felsensteins im Foyer der Komischen Oper in Berlin.

Quelle: Soeren Stache, dpa

Jetzt ist in der Reihe "Dresdner Schriften zur Musik" des Tectum Verlags eine 1372 Seiten starke Publikation erschienen, die mit dieser Legende aufräumt. Es handelt sich um die Dissertation Boris Kehrmanns. Ihr Titel "Vom Expressionismus zum verordneten 'Realistischen Musiktheater'" ist Programm. Denn Kehrmann geht es darum, "den Regisseur Felsenstein vom Klischee des Realisten und vom Klischee einer Ikone des DDR-Theaters zu befreien".

Kehrmann weist nach, dass Felsenstein hineingezwängt wurde in die DDR-Ästhetik mitsamt ihrer Phraseologie. Man habe ihn gewissermaßen erst erfunden, als die Komische Oper gegründet wurde. Doch es gab, wie die imposante Publikation belegt, eben auch einen bereits berühmten Felsenstein vor 1947.

Kehrmann stellt den gebürtigen Österreicher als Grenzgänger zwischen Ost und West dar, aber auch innerhalb des Musiktheaters. Um Felsensteins Musiktheater einordnen zu können, hat er nicht nur seine Leistung als Dramaturg und Regisseur dargestellt, sondern auch seine Kindheit, Jugend, Ausbildung, die nationalsozialistisch angehauchte Herkunft, sein gesellschaftliches und künstlerisches Umfeld, schließlich seine politische Haltung.

Kehrmann versucht den Spagat zwischen Dokumentation und Biografie, Darstellung von Privatleben und Karriere, Theatertheorie und -Praxis im zeithistorischen Kontext. Niemand hat sich je so gründlich in die Causa Felsenstein vertieft, hat sich so unbeirrt und schonungslos durch Archive und Zeitungsjahrgänge gearbeitet. Zwölf Jahre hat er für die Felsenstein-Forschung geopfert.

Einer der zentralen Begriffe ist der des "realistischen Musiktheaters" - als Gegensatz zu Brechts Begriff vom "dialektisch-epischen Theater". Kehrmann weist nach, dass Felsenstein sich der Staatsdoktrin des "sozialistischen Realismus" immer verweigert habe - aber auch, dass seine Inszenierungen von einer theatralischen, rebellischen, ironischen und poetischen Kraft sind, die sich mit dem Begriff Realismus nicht abdecken lassen.

Kehrmann zieht Äußerungen Felsensteins ans Licht, in denen er sich auch von diesem Begriff distanziert, und belegt die Absurdität mit der Darstellung aller wesentlichen Inszenierungen, die er in den Jahrzehnten vor Gründung der Komischen Oper besorgte. Schließlich hat Felsenstein als Schauspieler, Dramaturg und Regisseur in Lübeck, Mannheim, Beuthen, Basel, Freiburg, Köln, Frankfurt am Main, Hamburg, Zürich und an verschiedenen Theatern Berlins gearbeitet, bevor dort die Komische Oper gegründet wurde.

Der Autor belegt präzise, wie Felsenstein seine Auftraggeber, Alexander Dymschitz, Leiter der Kulturabteilung der Sowjetischen Militär-Administration, und Oberst Tjulpanow, die unbedingt ein Operettenhaus installieren wollten, geschickt an der Nase herumgeführt hat, um ein eigenes Haus für seine ganz anders gelagerten Intentionen zu erhalten.

Besonders eindrucksvoll sind Kehrmanns Belege dafür, wie Felsenstein sowohl im Dritten Reich als auch in der DDR durch taktischen Opportunismus und die List scheinbarer Anpassung sein Ziel einer Reformoper verfolgte und realisierte. Er habe es stets verstanden, "die Rhetorik der Herrschenden für seine Zwecke der Erneuerung des Theaters zu instrumentalisieren".

Man erfährt viel über Musiktheater im Kalten Krieg und über Felsensteins gescheiterte Filmkarriere. Auch die brisante Enthüllung, dass er nahezu 60 Prozent des Personals der neugegründeten Komischen Oper aus Altnazis rekrutierte, beleuchtet ein bisher verschwiegenes Kapitel des Vorzeige-Instituts. Überhaupt muss die Geschichte der Komischen Oper und die der Rolle Felsensteins in der DDR nach diesem Buch neu geschrieben werden.

In akribischer Fleißarbeit hat Kehrmann zahllose unbekannte wie unveröffentlichte Quellen und Dokumente aus dem Berliner Document Center, aus Theater- und Spezialarchiven, Bibliotheken, Tageszeitungen, Theaterzetteln, Rezensionsorganen ans Licht gezogen.

Ein Glücksfall sind die bisher unbekannten Briefe Felsensteins an seine von der Erbengemeinschaft Felsenstein bis heute totgeschwiegenen erste Ehefrau Ellen, geborene Neumann. Sie wurden Kehrmann von Ellen Felsensteins Sohn Peter Brenner überlassen, der von der Felsenstein-Erbengemeinschaft ausgeschlossen ist. Diese Briefe der Jahre 1925-1951, die hier zum ersten Mal publiziert werden, zeigen eine vielschichtige, widersprüchliche Person, Felsensteins Verhältnis zum Judentum, zur Politik und zum Theater betreffend. Vor allem Christoph Felsenstein, Sohn aus Felsensteins zweiter Ehe und Sprecher der Erbengemeinschaft, dürfte über die Publikation dieser Briefe alles andere als erfreut sein, da zur Felsenstein-Legende das Totschweigen der jüdischen ersten Ehefrau ebenso gehört wie die Doktrin: "Einen Felsenstein vor der Komischen Oper gab es nicht."

So lautet denn auch der vorletzte Satz der opulenten Veröffentlichung Kehrmanns. Das Ende seiner Publikation kommt abrupt. Kein Nachwort, kein Resümee. Doch es gibt einen wichtigen Anhang. In ihm ist zum ersten Mal ein vollständiges Verzeichnis der Inszenierungen und der von Felsenstein selbst gespielten Rollen verzeichnet. Was nur wenige wissen: Er begann als Schauspieler.

Die Arbeit Boris Kehrmanns leistet die längst überfällige Korrektur eines verfälschten Felsenstein-Bildes. Zu wünschen wäre, dass Kehrmann jetzt auch noch die Geschichte der Komischen Oper und die Rolle Felsensteins in der DDR neu schreibt, denn seine Mammutarbeit endet kurz nach Gründung der Komischen Oper.

Wer bisher glaubte, Felsenstein zu kennen, muss sich durch diese Publikation eines Besseren belehren lassen. Zumal Kehrmann vielen Autoren, auch dem renommierten Berliner Felsenstein-Archiv, gravierende Fehler, falsche Datierungen, Unterschlagungen nachweist, ganz zu schweigen von ideologischen Zurechtrückungen.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.07.2015

Dieter David Scholz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr