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Eine Ausstellung mit 200 Werken im Dresdner Lipisiusbau würdigt Will Grohmann

Eine Ausstellung mit 200 Werken im Dresdner Lipisiusbau würdigt Will Grohmann

Nach Kokoschka, der "Brücke", Dresdner Privatsammlungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ("Von Monet bis Mondrian") sowie der "Neue(n) Sachlichkeit in Dresden" widmen sich die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) erneut in einer fulminanten Schau der Moderne.

Seit heute empfängt die Kunsthalle im Lipsiusbau die Besucher mit rund 200 Werken. Beim Eintreten fällt der Blick nahezu automatisch auf das die Stirnwand fast ausfüllende "Freiburger Bild" (1956) von Ernst Wilhelm Nay. Schaut man zurück, entdeckt man Ernst Ludwig Kirchners "Sich kämmender Akt" (1913) und Lasar Segalls "Die ewigen Wanderer" (1919). Mit diesen drei Bildern ist grob der zeitliche Horizont eines Netzwerkes markiert, in dessen Zentrum eine über Jahrzehnte mit Dresden verbundene Persönlichkeit stand, die hier wichtiger Förderer und Kritiker von Künstlern, Ausstellungsmacher und (Hochschul-)Lehrer war und doch - wiederum über Jahrzehnte - fast aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwand: Will Grohmann (4.12.1887-6.5.1968). Seine Bedeutung reicht freilich weit über den Dresdner Rahmen hinaus - und dies nicht nur, weil er während der letzten beiden Lebensjahrzehnte seinen Wirkungsort in (West-)Berlin hatte. Wenn die seinem 125. Geburtstag gewidmete Ausstellung den Titel trägt "Im Netzwerk der Moderne. Kirchner, Braque, Kandinsky, Klee ... Richter, Bacon, Altenbourg und ihr Kritiker Will Grohmann", so wird die zumindest europäische und in ihrer Bedeutung darüber hinausgehende Perspektive sichtbar, die sein Wirken bestimmte.

Dabei lässt sich die Liste der Künstler, die seine Aufmerksamkeit erregten, um viele Namen erweitern. Steht Kirchner im Ausstellungsmotto letztendlich für alle "Brücke"-Leute, so Segall für die Dresdner Sezession 1919, die, unter anderem auch mit Dix, hier zahlreich vertreten ist. Und zu Braque sollte man unbedingt Namen wie Picasso und Miró setzen, von den Deutschen auch Baumeister oder Hartung, von dem der Weg schließlich zum Informel führt mit Götz, Schumacher und Schultze. Und Klee, dem Grohmann sich besonders verbunden fühlte? Neben ihm entdeckt man noch die Bauhäusler Feininger und Albers, um nur zwei Namen zu nennen. Immer wieder neue Bezüge ergeben sich in dieser Schau, die außer zu Richter und Bacon auch zu Moore und Baselitz und schließlich sogar zu Carlfriedrich Claus führt.

Treffend sprach Hartwig Fischer, SKD-Generaldirektor, gestern vor Journalisten von der "Zeitgenossenschaft" Grohmanns, von einem, der "vielen den Weg gebahnt" habe - übrigens auch als Mitorganisator oder Jury-Mitglied großer Ausstellungen wie der Internationalen Kunstausstellung 1926 in Dresden, der documenta II 1959 und III 1964 oder der Biennalen von Venedig, São Paulo und Paris, als Mittler und Ratgeber für Museen wie Guggenheim, MoMA oder Tate Gallery und nicht zuletzt als gefragter Publizist.

Erinnert sei zudem an Grohmanns Rolle als Mitorganisator der I. Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung 1946 in Dresden. Damit leistete er einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Wiederaneignung der Moderne nach der Zerschlagung der Nazi-Diktatur, die er selbst mit einer Gratwanderung zwischen Nichtanpassung und Anpassung - er war 1933 aus seinen Ämtern als Lehrer und Mitarbeiter der Gemäldegalerie entfernt worden, galt als "Kritiker der Systemzeit", so die Formulierung während der Ausstellung "Entartete Kunst" 1937 - überstand. Dazu gehörte auch, dass er 1936 Mitglied in der Reichsschrifttumkammer werden konnte, was ihm ermöglichte zu publizieren. Es mögen auch diese Erfahrungen gewesen sein, die ihn 1948 veranlassten, sich den neuen Zwängen in der Sowjetischen Besatzungszone zu entziehen und eine außerordentliche Professur an der (West-)Berliner Hochschule für Bildende Künste anzunehmen. Freilich hielt auch diese Zeit ihre Konflikte und Irrtümer bereit, denkt man etwa an die Auseinandersetzung mit Carl Hofer.

Eine Ausstellung wie diese stellt die Verantwortlichen vor ein Problem: Wie kann man das Wirken eines Kritikers sichtbar machen? "Im Netzwerk der Moderne" hätte auch eine sehr schriftlastige Angelegenheit werden können. Dass dies nicht der Fall ist, ist vor allem ein Verdienst von Konstanze Rudert, Kuratorin der Schau und Herausgeberin des Katalogs. Sie stand, als sie vor vier Jahren mit der Arbeit begann, zunächst vor der Aufgabe, das Grohmann-Archiv in Stuttgart durchzusehen, wo etwa 80 000 Dokumente lagern, darunter der Briefwechsel mit 2500 Korrespondenzpartnern. Allmählich reifte wohl die Idee der "Visualisierung des Netzwerks" mittels Kunstwerken, die Grohmann an Museen vermittelte, die aus seiner Sammlung stammen oder die er erstmals publizierte. Nur einige davon haben in den SKD ihren Standort. Viele sind internationale Leihgaben oder stammen aus anderen deutschen Museen, darunter auch einst in der Aktion "Entartete Kunst" beschlagnahmte Bilder aus Dresden, die hier erstmals wieder gezeigt werden.

Erst auf den zweiten Blick nimmt man die zahlreichen Medienstationen wahr, die in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Dresden und der Hochschule für Technik und Wirtschaft entstanden, darunter eine 3-D-Animation der I. Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung von 1946. Zudem wird sich ein umfangreiches Begleitprogramm - heute Abend findet bereits das erste Konzert im Lipsiusbau statt (Eintritt 10 Euro) - Grohmann auf unterschiedlichen Wegen nähern. Dass dieses große Projekt, das unter der Schirmherrschaft von Kulturstaatsminister Bernd Neumann steht, so realisiert werden konnte, ist zahlreichen Förderern und Projektpartnern zu danken, darunter die Kulturstiftungen des Bundes und der Länder, die Ernst von Siemens Kunststiftung und die Ferdinand-Möller-Stiftung (Berlin). Dank Dallmayr gibt es auch ein Café "Zuntz" in Erinnerung an jene Dresdner Legende der 1920er Jahre, in der sich die "Szene" traf. Lisa Werner-Art

bis 6. Januar 2013, geöffnet 10-18 Uhr (außer Mo), Katalog 25 Euro ((Museumsausgabe), Schriftenband 35 Euro (Museumsausgabe), beides im Paket 45 Euro

www.skd.museum/grohmann

www.willgrohmann.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 27.09.2012

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