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Eine Aufrechte und Kraftvolle der Tanzmoderne: Vor 100 Jahren wurde in Dresden Marianne Vogelsang geboren

Eine Aufrechte und Kraftvolle der Tanzmoderne: Vor 100 Jahren wurde in Dresden Marianne Vogelsang geboren

Es mag irgendwann in den neunziger Jahren gewesen sein, als mir beim Besuch einer Probe im Kleinen Haus auf dem Treppenabsatz im Bühnengebäude die vergrößerte Reproduktion vom "Bildnis der Tänzerin Marianne Vogelsang" von Otto Dix auffiel.

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Marianne Vogelsang

Quelle: Siegfried Enkelmann/Repro: "Tänzer unserer Zeit"

Eine denkwürdige Begegnung. Mit jener Frau, die da so unglaublich in sich ruhend und zugleich verloren ihr bildhaftes Dasein fristete. An diesem Ort, in dieser Stadt. In der sich heute die Spuren der einstigen Palucca Schülerin, dieser so außergewöhnlichen Tänzerin, Tanzpädagogin, Choreografin immer mehr verlieren. Als einer der letzten Rufer in eher taube Ohren hat Manfred Schnelle, der von 1952 bis 1956 ihr Schüler in Berlin an der Staatlichen Fachschule für Künstlerischen Tanz war, stets und ständig darauf gedrungen, eben diese Marianne Vogelsang - eine Aufrechte und Kraftvolle der Tanzmoderne des 20. Jahrhunderts - nicht zu vergessen.

Lässt sich das Entschwinden aus dem kulturellen Gedächtnis überhaupt aufhalten? Tänzer haben mit ihrer Kunst, wenn sie nicht schon zu Lebzeiten für öffentliche Beachtung und Dokumentation ihres Wirkens sorgen konnten und entsprechende Förderer hatten, doch offenbar kaum Chancen, dass man sich an sie erinnern wird. Dabei besaß diese Frau etwas, das andere unausweichlich in ihren Bann zog. Sie wollte und hat "Tänze mit rein künstlerischen Mitteln, wie sie mir zur Verfügung stehen oder gemäß sind, ohne Zutaten und ohne irgendeinen Kompromiß" geschaffen, war - wie auch Palucca, nur auf andere Weise - eine Ganzheitliche. Und sorgte bei den NS-Machthabern für Aufregung, als sie Ende 1942 bei einer Matinee in der Volksbühne ihren Tänzen Titel wie "Wiegenlied für einen Gehenkten" gab. Das zog eine verschärfte allgemeine Kontrolle der Programme nach sich.

Vor 100 Jahren, am 19. Oktober 1912, wurde Marianne Vogelsang in Dresden geboren. Mit 17 Jahren begann sie 1929 ihr Studium bei Palucca, tanzte bald in der Palucca Tanzgruppe sowie mit Herta Fischer und Charlotte Hölzner im bekannten Palucca Tanz Trio. 1934 war sie diplomierte Tänzerin und Tanzpädagogin, und der Soloabend im Jahr darauf im Dresdner Komödienhaus, so zitiert es Ralf Stabel in den Dresdner Heften (Nr. 95, S.39), veranlasste den Kritiker der Dresdner Neuesten Nachrichten zu einer visionären Einschätzung: "Marianne Vogelsang ist weit entfernt von seelenlosem Intellektualismus oder Formalismus, von Effekthascherei. Jede Gebärde ist sinnfällig, entquillt innerem Erleben und überzeugt deshalb. Sie hat - erstaunlich bei ihrer Jugend - ihren Stil gefunden. Ihre Bewegungen sind von der kraftvollen Geschmeidigkeit eines schönen Tieres, von einer selbstverständlich lässigen Anmut, ohne weichlich zu wirken, stets klar in der Linienführung. Dabei ist sie im Ausdruck ebenso stark wie in der Komposition; der thematische Aufbau ihrer Tänze, die geschickte Raumgestaltung sind geradezu Musterbeispiele."

Palucca schätzte die junge Tänzerin außerordentlich. Das geht auch aus einem Brief an Rudolf von Laban vom 30.10.1935 hervor, der sich heute im Palucca-Archiv befindet. Katja Erdmann Rajski veröffentlichte ihn in ihrer Palucca-Biografie: "Lieber Herr von Laban, gestern war Marianne Vogelsang in Dresden um mit Herrn Havlik ihre Tänze zu probieren, die sie bei den Festspielen tanzt und ich habe bei dieser Gelegenheit mir ihre Tänze noch einmal angesehen. Ich war offen gesagt ziemlich erschüttert von der Leistung und zwar ganz objektiv. Daß M.V. aus meiner Schule hervorgegangen ist spielt dabei keine Rolle. Sie ist ein so selbständiger und eigener Künstler geworden, daß man nach der Ausbildungsstätte gar nicht mehr fragt. Nach meiner Kenntnis des künstlerischen Nachwuchses in Deutschland ist es für mich nicht zweifelhaft, daß M.V. zu den aussichtsreichsten jungen Tänzern gehört und ich bin deshalb der Meinung, daß man gerade ihr die Wege in die Öffentlichkeit ebnen sollte, weil sie von sich aus infolge einer stark nach innen gerichteten Veranlagung nichts für das äußere Weiterkommen unternimmt."

1935 ging Marianne Vogelsang zu Rudolf von Laban an die deutsche Tanzbühne, war von 1936 bis 1938 an den Meisterstätten für Tanz in Berlin, dann von 1938 bis 1940 an der Folkwangschule in Essen und 1941 bis 1943 Ballettmeisterin und Solotänzerin am Stadttheater Göttingen unter Gustav-Rudolf Sellner. Als dieser sie nach Hannover mitnehmen wollte, wurde das vom Gauleiter untersagt. Sie arbeitete schließlich mit einer Kammertanzgruppe in Hannover, und 1944 kamen die Tänzerinnen zur schweren Zwangsarbeit in eine Mine. Dem Einspruch von Rudolf Sellner verdankten sie ihre Entlassung aus der Fron.

Auch nach Kriegsende fand die vielseitige und geschätzte Tänzerin und Tanzpädagogin immer wieder Arbeit. Doch sie blieb eine Unangepasste. Und das brachte ihr gerade in der unerbittlichen Formalismus-Debatte erhebliche Probleme ein. Zunächst übernahm sie bis 1948 die Tanzabteilung der Musikhochschule Rostock, war bis 1950 Mitarbeiterin des Mary Wigman Studios Berlin und hatte 1950/51 eine eigene Ausbildungsstätte in Berlin-Weißensee. Bis zur Schließung derselben 1958 war sie Leiterin der Abteilung Moderner Tanz an der Staatlichen Fachschule für künstlerischen Tanz Berlin (nachfolgend Staatliche Ballettschule Berlin), arbeitete dann gastweise an Berliner Theatern und beim Deutschen Fernsehfunk. 1961 entstand nach ihrer Idee und Choreographie der Film "Tänze - Ernst Barlach gewidmet". Ein Seelenverwandter - man spürt es allenthalben.

In der Nachkriegszeit gelangte übrigens auch jenes Bildnis von Otto Dix, 1931 in Dresden entstanden, nach Berlin. Ausgestellt 1949 zur Dix-Ausstellung in Dresden, fand es das Interesse der Ankaufskommission der Nationalgalerie mit Ludwig Justi. Diese erwarb ebenso die Grafikmappe "Der Krieg" sowie Lithographien und eine Zeichnung von Dix. Vor allem aber war die Kommission am 28. September nach Dresden gereist für Ankäufe aus der Zweiten Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung. Wären Marianne Vogelsangs Choreografien Gemälde, so sagte unlängst Manfred Schnelle, dann hingen sie heute in der Berliner Nationalgalerie. Gerade dort, wo das Porträt der Tänzerin von Otto Dix gezeigt wird.

Marianne Vogelsang kam auch in den folgenden Jahren kaum mehr zur Ruhe. An der Deutschen Staatsoper Unter den Linden übernahm sie beispielsweise die Choreographie zu Iphigenie in Aulis und wirkte in der berühmten Faust-Inszenierung von Wolfgang Langhoff mit, in der Ernst Busch den Mephisto spielte. Zudem lehrte sie am Institut für Bühnentanz in Köln (1963 bis 1965), war Dozentin an Volkshochschulen verschiedener West-Berliner Bezirke und freie Mitarbeiterin an der Musikhochschule Hannover. Ihre letzten Choreographien schuf sie 1972/1973 mit den Fünf Präludien aus dem Wohltemperierten Klavier von J. S. Bach. Und übertrug diese - wenige Wochen vor ihrem Tod am 22. Oktober 1973 - in Dresden auf Manfred Schnelle. Es sind wahre, kostbare Tanzbilder. Die er ebenso weitergegeben hat, zum Beispiel an Arila Siegert und Friederike Rademann. Sie sollten unbedingt auch zum Repertoire der Palucca Hochschule für Tanz gehören.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.10.2012

Gabriele Gorgas

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