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Eindrückliches aus Brasilien im Festspielhaus Hellerau

Kids on Stage Eindrückliches aus Brasilien im Festspielhaus Hellerau

Welten prallen aufeinander in „Paz zem Rosto – Frieden ohne Gesicht“, dem brasilianischen Beitrag des Kids on Stage-Festivals in Hellerau. Jugendliche aus der sicheren Mittelschicht treffen auf ihre Altersgenossen aus den Favelas. Es wird in Gewalt enden. Und beruht auf einer wahren Geschichte.

Kein Platz für platte Happy Ends.

Quelle: Peter Fiebig

Dresden. Sie sprechen über Geschehnisse, die sie unmittelbar betreffen, erzählen Geschichten, die sich so oder ähnlich in ihrem Lande ereignet haben und immer noch ereignen. Dabei müssen sie die Ereignisse in keiner Weise ins Dramatische steigern – sie sind dramatisch! Und diese jungen Leute aus Brasilien, die besser gestellt sind, privilegiert und behütet aufwachsen, wenden sich in ihrer Aufführung auch nicht ab vom Elend und der Not Gleichaltriger, die auf der Straße leben, in den Favelas. Sie engagieren sich dafür, dass sich jeder für seine Überzeugungen einsetzen soll, zitieren eindringlich aus dem Song des Musikers O Rappa: „Ein Frieden ohne Stimme ist kein Frieden. Ein Frieden ohne Stimme ist Angst.“

Das Auftreten der Theatergruppe aus Rio de Janeiro (Leitung/Regie/Text: Andreia Fernandes) zur Eröffnung des Festivals „Kids on Stage“ im Festspielhaus Hellerau zeigt auf berührende Weise, dass es sich letztlich keiner aussuchen kann, in welchen familiären, sozialen, politischen Verhältnissen er geboren wird und aufwächst. Während sich die Gutsituierten noch mit Prüfungsstress, Partys und ihren Studienwünschen befassen, kämpfen die anderen ums blanke Überleben, verkaufen ihren Körper, suchen vergeblich Halt oder nach zweifelhaften Chancen. Bis ein Ereignis für das Nachdenken auf beiden Seiten sorgt. Ein in Bedrängnis geratener drogensüchtiger Junge tötet den 18-jährigen Dani, der gerade die Zulassung zum Medizinstudium bekommen und erfahren hat, dass er Vater werden wird. Diese Tat verstört die einen wie die anderen, radikalisiert und lähmt. Schließlich kommt es zu einem Massaker bewaffneter Polizisten an Kindern und Jugendlichen, die sich unweit der Klosterkirche von Sao Bento einen nächtlichen Schlafplatz gesucht haben. Und das hat sich tatsächlich ereignet, 1993. Acht Straßenkinder und Jugendliche kamen dabei ums Leben. Im Jahr zuvor waren in Rio de Janeiro weit mehr als 400 Minderjährige auf der Straße getötet worden.

Man spürt in den Texten sehr genau, dass sich die mitwirkenden 14- bis 18-Jährigen intensiv mit dem Thema der Gewalt auseinandergesetzt haben, dass sie nach den Ursachen für die Ungleichheit suchen, darüber nachdenken, was zu tun ist angesichts der neuesten politischen Ereignisse in Brasilien, die alles in Frage stellen, was über viele Jahre mühsam erreicht wurde. Zu den Zuschauern der Aufführung gehörten übrigens auch jene jungen Darsteller der 121. Mittelschule Dresden-Prohlis, die ihr Stück „Trust me“ aus Krankheitsgründen zunächst bei „Kids on strage“ nicht aufführen können. Aber dieses brasilianische Projekt, zu dem sie eingeladen waren, hat sie ganz offenbar beeindruckt. Sowohl in Hinblick auf die Engagiertheit der Spieler wie auch der Themen, die da angesprochen sind.

So halbwegs gefährlich klingt immerhin auch das Stück, mit dem sich Schüler der nicht allzu weit entfernten Mittelschule Weixdorf bei dem Festival im Nancy Spero Saal vom Festspielhaus Hellerau vorgestellt haben: „Einer, der auszog, das Fürchten zu lernen“. Die frei nach dem Märchen der Brüder Grimm erzählte Geschichte ist zwar vergleichsweise harmlos, aber immerhin geht es doch um Gefahren, denen sich der junge Bursche, der da beherzt und furchtlos loszieht, ganz und gar freiwillig aussetzt. Letztlich aber, so kennt man es, lernt er das Fürchten tatsächlich erst bei seiner Frau. Und auch die freundliche Hexe mosert beim Picknick so vor sich hin, der Wald sei auch nicht mehr das, was er mal gewesen sei.

Eine Aufführung von etwa einer halben Stunde, sympathisch in Szene gesetzt und gewitzt gespielt. Das Projekt ist übrigens von Hellerau – Europäisches Zentrum der Künste Dresden unterstützt worden. Und ohne diese Hilfe, so bedankte sich nach der Vorstellung die Theaterpädagogin Heidi Lempke für alle Beteiligten, wäre es überhaupt nicht zustande gekommen. Das hört man doch gern, schließlich gehört das Schultheater wohl mit zu den nachklingenden, prägenden Schulerlebnissen. Oder etwa nicht?

In den nächsten Tagen gibt es noch viele bemerkenswerte Aufführungen, darunter auch zwei weitere internationale Vorstellungen, was überhaupt ein Novum bei „Kids on Stage“ ist. So ist beispielsweise am 24. Juni, Beginn 18 Uhr, im Rahmen der UNESCO-KinderKulturKarawane das Theaterprojekt „Die Farbe des Schmerzes“ aus El Salvador zu erleben mit Elementen von Zirkus, Akrobatik und Theater.

Von Gabriele Gorgas

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