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Einblicke in ein betäubtes Leben - Premiere von "Rauschen" am Dresdner tjg

Einblicke in ein betäubtes Leben - Premiere von "Rauschen" am Dresdner tjg

Was könnte friedlicher sein als ein Schlaflied? Nicht viel, soviel steht fest. Zu Beginn der Premiere von "Rauschen" am tjg. theater junge generation führte es jedoch auf die falsche Fährte, denn dieser Abend war weit davon entfernt, friedlich zu werden.

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Neun Menschen und neun Leben: Rauschen am tjg.

Quelle: Klaus Gigga

Wie auch, bei dieser Besetzung: Sie sind zu neunt, zwischen 21 und 34 Jahre alt, sie sind suchtkrank, sie erzählen ihre Geschichte. Genauer, sie haben sie der Regisseurin Tabea Hörnlein erzählt, die sie auf Tonband aufgenommen hat und die Fetzen eines verkorksten Lebenswegs nun über Kopfhörer an den Zuschauer bringt. Ihre Stimmen im Ohr, ihre Gesichter, diese großen, fragenden Augen, auf der Bühne: vor dem Rausch, im Rausch, nach dem Rausch, erbarmungslos.

Vor dem Rausch: Ihre Kindheitserinnerungen machen klar, hier war nicht immer alles in bester Ordnung. Im Gegenteil. Oft spielten die Großeltern die Rolle, die eigentlich die Eltern einnehmen sollten. Doch bei denen gab es eher Streit, Gewalt, Alkoholkonsum. "Es herrschte eine traurige Grundstimmung." Was blieb, war die Flucht in eine andere Welt, eine betäubte.

Im Rausch: Der erste Alkohol mit elf, Haschisch mit zwölf. Es folgen Heroin, Kokain, LSD, Crystal, Speed - die gesamte Palette. Und sie fühlen sich gut dabei. "Ich hab mich für etwas Besonderes gehalten, bekam Selbstbewusstsein." Sie sind glücklich, zumindest für den Moment, denn nach dem Hochgefühl kommt der Absturz. Jedes Mal, ein Kreislauf. "Man wird wach und hat so 'ne halbe Minute vielleicht, bis das Erinnern an den Tag davor kommt, und man weiß genau, es wird nicht gut sein, was dir gleich einfällt, wird absolut nicht gut sein."

Nach dem Rausch: Sie verlieren sich in den Drogen, der Tagesablauf ist davon bestimmt, neuen Stoff zu besorgen. Die Eheringe der Eltern werden versetzt, um an Geld zu kommen. Würde und Werte haben keine Bedeutung mehr. Es folgen Depressionen, Psychosen, die Angst vor dem Tod, Selbstmordgedanken. "Ich bin auf Messers Schneide gegangen, aber es war mir egal, ob ich mich schneide." Die einen wandern in den Knast, die anderen ins Krankenhaus, ein Leben hat zu dieser Zeit niemand mehr.

Und dann der Wendepunkt: Sie haben es geschafft, alle neun, haben eine Therapie gemacht und sind clean. Und kämpfen nun jeden Tag mit ihren inneren Dämonen. "Ob ich glücklich bin? Ich weiß es nicht." Wichtig sei es, sich im Inneren ein Häuschen zu bauen. Am Ende des Stücks mischen sie sich unter das Publikum, kehren in die Gesellschaft zurück.

Ihre Geschichten gehen unheimlich nah, treffen mitten auf den Sodarplexus unserer vermeintlich heilen Welt. Und unterstrichen werden ihre Stimmen durch eine Choreographie, die keine Zweifel lässt: der Absturz in den Sumpf, die Euphorie und das Schweben während des Rausches, der sich ewig fortsetzende Kreislauf, das Gefangensein, der schmerzliche Entzug - sie winden sich, sie schreien tonlos und überzeugen nur mit ihren Gesten.

Und das ist wohl das Faszinierendste an diesem Stück: Dieses überzeugende Spiel, obwohl keiner der Protagonisten jemals auf einer Theaterbühne gestanden hat. Alle sind über das Projekt "Brücken bauen" vom Blauen Kreuz und dem Radebeuler Sozialprojekt, mit denen das tjg seit Jahren kooperiert, ans Theater gekommen, haben hier ein Betriebspraktikum gemacht, um den Einstieg ins Alltagsleben zu vereinfachen. Und hatten schließlich die Idee, selbst zu spielen, und zwar nicht irgendetwas, sondern ihre eigene Geschichte.

Für diesen Mut muss man ihnen absoluten Respekt zollen. Schutzlos stellen sie sich auf die Bühne und geben Details ihres Leidenswegs preis. Einzig die nicht mögliche Zuordnung der Stimmen zu ihren Gesichtern sichert eine gewisse Anonymisierung. In Zeiten von Komasaufen und der Legalisierungsdebatte ist "Rauschen" ein absolutes Muss, nicht nur für Schulklassen. Chapeau!

Nächste Vorstellungen: heute und morgen, jeweils 19.30 Uhr, Studiobühne, tjg

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 26.03.2012

Christin Grödel

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