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Ein von Weizsäcker und der beste Damenchor im Beatpol

Ein von Weizsäcker und der beste Damenchor im Beatpol

somit ist der Zusatz "aller Zeiten" sowieso dermaßen alternativvoll, dass er nur zur unsachgemäßen Überhöhung tauglich ist. Wer den Zunamen von Weizsäcker trägt (und noch dazu den Vornamen Johannes), der darf sowieso fast alles.

So steht es auch im Impressum der Netzpräsenz mit dem Namen Erfolgerfolg.de: Erfolg ist Johannes von Weizsäcker, den Stammbaum des ganzen Clans kann man nachlesen, für folgsame Erfolgsmenschen wichtig zu wissen: Papa Carl-Christian, dessen Onkel der Richard war, ist als recht bekannter Volkswirtschaftler ein Wettbewerbstheoretiker und vertritt dabei auch die These, dass der Realzins unter bestimmten Bedingungen mal negativ sein kann, was vor allem für vermeintlich unabhängige Zentralbanken zum Problem werden kann. Falls nicht, ist nur eine höhere Staatsverschuldung die Lösung.

Dies zu wissen hilft (vielleicht) beim Verständnis für die künstlerische Emanzipation des Sohnes, der schon vor 15 Jahren in London eine Band namens The Chap mit Faible für falsch klingende Musik ins Kurzzeitleben rief. Nun tritt er als Erfolg und Der beste Damenchor aller Zeiten in Erscheinung, im März erschien das Debütalbum "Erfolg", darauf auch der Song "Negativität". Am Freitag erfolgte die Livepräsentation im Dresdner Beatpol - rein optisch im legeren Straßenlook mit schwarzen T-Shirts und goldener Schrift. Der fünfköpfige Damenchor, stets vorm Mikro an der Rampe, hatte dabei eine ausgewachsene Exotin mit längerem, zottligem Vollbart in seinen Reihen und "Erfolg" auf der Brust; den Frontmann, der die dezente Hintergrundmusik meist per Computer einspielte und ein wenig mit der Gitarre hantierte, dekorierte die Ergänzung Damenchor.

Die Texte dieser NDW-Adaption sind dabei durchaus humorvoll bis aberwitzig, der ganze Auftritt erfordert auch vom Publikum ein gewisses Quantum an Selbstironie. Knapp fünfzig Leute waren am späten Abend dazu bereit - die meisten sicher aufgrund der Radiohymne vom "Brillenmann". Sie verfolgten das einstündige Geschehen, das offenbar dem Sextett auf der Bühne auch nicht so geheuer war, sind doch im Ex-Starclub selten reine Erfolgsfans, sondern eher ausgeruht-vorgebildete Musikfreunde zu Gast, deren neutraler Anteil nicht ganz so leicht zu knacken ist. Dennoch schmunzelten die meisten, wenn von Weizsäcker mit dem "Damenchor als Erfolgsmotor" seine Recherchen zur Brillenmännerzentrale, scheiternde Börsenspekulanten ("Mausmann") oder gar der eigenen Entstehungsgeschichte ("Herrenloser Damenchor") illustriert.

In mäßig befüllten Hallen funktioniert das live eher weniger, so nützte auch die Intervention des großen hageren Gurus mit wachem Augenaufschlag, der ins Publikum schritt, um papstähnlich per Kopfstreicheln Erfolg zu versprechen, nicht zur Stimmungseskalation.

Dennoch war das Publikum zufrieden - zu einem packenden Musikerlebnis fehlt hier schlicht die authentische Kraft von Instrumenten. Oder ein echter A-cappella-Chor. Nur dürfte das nicht konzeptkompatibel sein.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.09.2015

Andreas Herrmann

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