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Ein untypisches Spätwerk - Hauptmanns "Winterballade" hat in Zittau Premiere

Ein untypisches Spätwerk - Hauptmanns "Winterballade" hat in Zittau Premiere

Carsten Knödler: Ich muss gestehen, dass ich bis vor kurzem nur die bekannten Hauptmannstücke kannte wie "Die Weber", "Biberpelz" und "Einsame Menschen".

Frage: Kennen Sie Hauptmanns Gesamtwerk oder nähern Sie sich ihm stückweise an?

Vor zwei Jahren habe ich mir dann mal sein dramatisches Werk mit in den Urlaub genommen und dabei viel Interessantes entdeckt auch jenseits von dem, wofür er berühmt geworden ist, dem Naturalismus.

Warum haben Sie gerade "Die Winterballade" zum 150. Jubiläum des Schriftstellers ausgewählt?

Es ist ein Stück, das mir besonders auffiel. Es ist Hauptmann-untypisch, ein Spätwerk, in dem er sich vom Naturalismus abwendet. In diesem atmosphärisch-dichten Drama gibt es viel Unterbewusstes, Emotionales, ja fast Mystisches, was mich sehr reizte.

Ist das Stück ihr Beitrag zum 7. Sächsischen Theatertreffen, das im Mai in Zittau und Görlitz stattfindet und die Auseinandersetzung mit dem sozialen Drama im Spannungsfeld von Tradition und Moderne thematisiert?

Ja, denn ein weiterer überraschender Aspekt beim Lesen war die Heutigkeit des Stoffes. Wir leben in einer Zeit, in der wir wöchentlich über die psychischen Spätfolgen unserer Militäreinsätze in der Zeitung lesen. Dabei meine ich die Traumata der Soldaten und der Bevölkerung in einem bestenfalls zum Frieden heimgekehrten Land. Unter diesem Aspekt ist diese Liebesgeschichte zwischen Sir Archie, einem schottischen Söldner in Schweden, und dem Mädchen Elsalil, deren gesamte Familie von eben diesem Soldaten ausgelöscht wurde, äußerst brisant. Dabei werden Fragen nach Tätern und Opfern, Schuld und Vergebung neu gestellt.

Im Drama findet die Katastrophe oft am Ende statt. Hier wird gleich zu Beginn getötet und dann die Frage nach Schuld und Sühne gestellt. Was ist das Besondere an diesem Stück?

Es ist vor allem die Spannung, die wunderbare Sprache und die geheimnisvoll schaurige, aber doch poetische Erzählweise dieses Stückes, die übrigens auf einer Kurzgeschichte von Selma Lagerlöf basiert. Im Alter kam Hauptmann immer mehr zu der Erkenntnis, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als wir mit unserem Verstand begreifen können. Das interessiert mich.

Der mordende "Held" erkennt seine Schuld und stirbt am Ende erlöst. Er hat selber Anteil an seiner moralischen Entwicklung, arbeitet an einer Entsühnung. Ist Sir Archie trotz aller Gewalt damit nicht so etwas wie das Ideal eines bewusst handelnden Menschen?

Ja. Er ist gewiss ein Sünder, der Verbrechen begangen hat. Aber er hat sein Gewissen nicht verloren und steht letztlich zu seiner Schuld, während andere fliehen. Das zeichnet ihn aus und macht ihn erschreckenderweise fast sympathisch.

Die Charaktere folgen eher triebhaften Impulsen als vernünftigen Einsichten. Soldaten, die fast eine ganze Familie morden; Menschen, die wider dem gesunden Menschenverstand lieben und sich demütigen lassen - klingt brutal, aber ziemlich nach am echten Leben, finden Sie nicht?

Man glaubt nicht, dass dieses Werk vor fast hundert Jahren uraufgeführt wurde. Aber vielleicht ist es auch ein furchtbares Indiz dafür, dass die Menschen nicht wirklich fähig sind sich zu ändern.

Werden die Zuschauer bedrückt oder hoffnungsvoll nach Hause gehen?

Sicher gibt uns dieses Stück bedrückende Erkenntnisse, aber es kann auch Kraft geben oder den Vorsatz, etwas zu verändern in dieser Welt. Damit reiht es sich in die Liste großer klassischer Stoffe der Weltliteratur ein von "Macbeth" bis "Romeo und Julia", die ja auch alle tragisch enden. Ich hoffe die Zuschauer werden einen spannenden, aufwühlenden Theaterabend erleben, aus dem sie verändert nach Hause gehen. Und so absurd es klingt, sie werden vielleicht auch das eine oder andere Mal gelacht haben.

"Winterballade": Premiere Sa, 19.30 Uhr im Theater Zittau

Premiere in Görlitz am 12.5., 19.30 Uhr

Vor 100 Jahren erhielt er den Literaturnobelpreis. Doch obwohl wir 2012 Gerhart Hauptmanns 150. Geburtstag feiern, hat es der große Dramatiker nicht mehr so leicht auf deutschen Bühnen. Höchstens eine Handvoll seiner Stücke würde an den größeren Theatern noch inszeniert, an kleineren seien es noch viel weniger, fasst Carsten Knödler die Situation im Gespräch mit Juliane Hanka zusammen. Der 45-jährige gebürtige Dresdner ist Intendant des Zittauer Theaters, das − gemeinsam mit dem Theater Görlitz − den Namen des bedeutenden deutschen Vertreters des Naturalismus trägt. Nun führt er Regie in einem Stück, in dem sich Hauptmann erstmals abgewendet hat von der exakten Naturbeobachtung, hin zum Mystischen und Unerklärbaren. Seine "Winterballade" entstand zu Zeiten des Ersten Weltkriegs, seine Figuren sind deutlich davon gezeichnet.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.02.2012

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