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Ein orientalischer Orff - Premiere von "Die Kluge" in der Serkowitzer Volksoper

Ein orientalischer Orff - Premiere von "Die Kluge" in der Serkowitzer Volksoper

Ein Märchen unterm Sternenhimmel. Die kleine Bühne ist schlicht und doch bedeuten ihre Bretter für knapp zwei Stunden die Welt. Märchen haben immer etwas vom Welttheater, vom ungebrochenen Zauber jener Kunst, die es vermag, für einen Augenblick die Welt aus den Angeln zu heben, den Alltag zu durchbrechen und an den Horizonten der Alltäglichkeit aus Enge, Dummheit, Gewalt und Missgunst Fenster aufzustoßen, Blicke und Gedanken schweifen zu lassen in unendliche Weiten, bis zu den Sternen.

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Isabel Jantschek ist die kluge Bauerstochter, die mit Charme und Stimme überzeugt.

Quelle: Robert Jentzsch

Die leuchten am nächtlichen Himmel über der kleinen Bühne in der Saloppe für die Akteure der Serkowitzer Volksoper und für das Premierenpublikum unter freiem Himmel, umsäumt von großen alten Bäumen.

Ein Märchen wird gespielt und gesungen, das Märchen von der klugen Bauerntochter aus den Sammlungen der Gebrüder Grimm. Carl Orff nahm es zur Vorlage für seine Oper "Die Kluge", den verschmitzten Text hat er auch gedichtet, einige Dinge verändert und drei liebenswürdige arme Schlucker, die Strolche, hinzu erfunden. Den drei Sängern hat er mit dem Terzett "Als die Treue ward geboren-" einen richtigen Ohrwurm in die Tenor-, Bariton- und Basskehlen geschrieben. Und mehr noch, wer genau hinhört, vernimmt ziemlich unverblümte Kommentare zur Zeit: "Fides ist geschlagen tot, Justitia lebt in großer Not, betteln geht die Frömmigkeit, Tyrannis führt das Szepter weit." Die Oper wurde 1943 uraufgeführt!

Hätte der Bauer seiner klugen Tochter geglaubt, er säße nicht in einem Kerker, direkt unter des Königs Thron. Den goldenen Mörser, den er beim Pflügen fand, solle er nicht zum König bringen, der würde ihm misstrauen und unterstellen, den Stößel dazu, den habe er behalten. "Oh, hätt ich meiner Tochter nur geglaubt", zetert nun Claudius Ehrler, sein Unglück ist unser Glück, denn hätt er ihr geglaubt, es gäbe ja das Märchen nicht von der klugen Tochter, die hinsieht und denkt, bevor sie redet oder handelt. So löst sie drei Rätsel des Königs, der nimmt sie zur Frau. Sie befreit den Vater, durchkreuzt die Willkür des Königs, indem sie seine Entscheidungen ad absurdum führt, das geht dem Diktator zu weit. Sie wird verstoßen, darf aber eine Kiste mit dem füllen, woran ihr Herz hängt. Gold wird sie nehmen, denkt der König. Sie aber serviert ihm ein köstliches Abschiedsmahl, singt ein herzerweichendes Schlaflied und entführt ihn, den sie liebt, in der Schatzkiste. Er erwacht und ist geläutert, wer's glaubt, wird auch nicht selig, denn man darf getrost bezweifeln, ob dies wirklich eine kluge Entscheidung war. Aber wir sind im Märchen und doch in der Wirklichkeit, denn wo gehen Klugheit und Liebe schon zusammen.

Wolf-Dieter Gööck, der selbst den König als Operettendiktator voller Lametta spielt und singt, verlegt als Regisseur in der so einfachen wie stimmigen Ausstattung von Tina Strahl die Handlung aus dem Grimmschen Märchenland in einen fantastischen Orient mit dezenten Gegenwartsbezügen. Die Strolche sind arme Wandervögel osteuropäischer Herkunft, die jede Gelegenheit nutzen müssen, etwas zu beißen und zu trinken zu bekommen. Markus Gille, Martin Rieck und Martin Schicketanz geben charmant die kleinen Männer, die ihre Fahnen nach dem Wind hängen und dennoch ganz gut durchschauen, was gespielt wird.

Cornelius Uhle ist der Mann mit dem Maulesel, oberstes Schlitzohr und Strippenzieher, der wird sich immer durchbringen, nicht zuletzt kraft seines Gesanges. Das ganze Gegenteil ist Dieter Beckert als Mann mit dem Esel, der ewige Verlierer und doch so etwas wie ein Stehaufmännchen, dabei geradlinig mit köstlichem Galgenhumor und knarzigem Gesang, wird dieser orientalische Eulenspiegel zum heimlichen Verbündeten der Klugen, die sogar Daniel Müller als Kerkermeister in ihren Bann zieht. Warum auch nicht, verfügt Isabel Jantschek doch über einen schlanken, klaren Sopran mit den Tönen kluger Unschuld und manchem Anklang bauernschlauer Naivität.

Die Inszenierung bleibt dem Märchencharakter verpflichtet. Sie trumpft nicht besserwisserisch auf. Der Humor ist eher augenzwinkernd als derb, keine schwarz-weiß Malerei, eben die Weisheit des Märchens mit einem guten Ausgang, von dem jeder weiß, das Leben ist ganz anders, aber um das auszuhalten, brauchen wir die Märchen, Kinder und Erwachsene erst recht. Die musikalischen Impulse gehen in erster Linie von Milko Kersten aus, der die Aufführung vom Klavier aus leitet. Dazu spielt er noch etliche Instrumente, so wie seine drei Kollegen von der "musi nad labem" auch. Orff mal nicht bombastisch, sondern in einer Fassung für zwei Klaviere, Pauken und Schlagwerk von Friedrich K. Wanek. Kersten hat den Orff, dessen typischer, rhythmisch parlierender Stil nicht verloren geht, aber doch mitunter witzig orientalisiert, manchmal swingt es auch, blecherne Töne und andere Bläservarianten klingen, als kämen sie aus Kinderzimmern oder vom Spielplatz. Männerstimmen geben kommentierende Lautmalereien.

Insgesamt ist alles von berührender Schlichtheit und in der Zurückhaltung zeigt sich die Größe, nicht plumpe Effekte, sondern feinsinnige, humorvolle Assoziationen korrespondieren mit der Inszenierung. Die bewährten Dresdner Altmeister Beckert und Gööck stehen inmitten eines jungen Ensembles auf der Bühne, die Präsenz ist unterschiedlich, doch im Zusammenklang, zu dem es nicht immer auf Anhieb kommt, im spürbaren Spaß am Spiel erlebt man eine Aufführung, die ob ihrer unverstellten, authentischen Art überzeugt, unterhält und Sommerabendglück bereitet. Kein Zeigefinger, denken kann man ja alleine, und mit Musik geht alles besser. Ein kluger Abend mit der Serkowitzer Volksoper.

Boris Michael Gruhl

nächste Aufführungen: heute, 18., 19. und 20. September, jeweils 20 Uhr

www.serkowitzer-volksoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 17.08.2012

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