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Ein mecklenburgischer Sachse - Der Theaterberserker Wolfgang Engel wird am Dienstag 70

Ein mecklenburgischer Sachse - Der Theaterberserker Wolfgang Engel wird am Dienstag 70

Viele Dresdner Theaterfreunde dürfen sich heute einmal nachträglich gratulieren. Nachträglich, weil sie zur rechten Zeit am rechten Ort gewesen sind. Ort und Zeit: Staatsschauspiel Dresden, 1980-er Jahre.

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Ab 1980 wurde er fester Regisseur am Staatsschauspiel Dresden, 1989 lehnte er den Nationalpreis der DDR ab: Wolfgang Engel.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Damals wirkte Wolfgang Engel als Regisseur und Spielleiter am Haus, unvergessene Produktionen sowie ein Klima des Nachdenkens und Aufbegehrens, mitunter nächtelange Gespräche über Theater als geistige Nahrung waren damit verbunden. Oft wurden jede Zeile, jede Geste, vor allem natürlich die Stückauswahl nach darin versteckten Andeutungen untersucht; ein fast manisches Dechiffrieren, das es so momentan nicht mehr gibt.

Mein erstes Engel-Theater, zu dem ich nach Dresden gereist bin, war "Penthesilea" von Heinrich Kleist. Der Ruf dieser Produktion ging weit, weit über die Grenzen nicht nur der Stadt hinaus. Die Bilder haben sich anhaltend tief eingeprägt. Für andere sind es Hebbels "Nibelungen", deren Brisanz der Re- gisseur und seine Mitstreiter in Mitteleuropas Schlussakt des Kalten Krieges deuteten, unvergessen die DDR-Erstaufführung von Becketts "Warten auf Godot" sowie in der Umbruchszeit der lange, lange "Faust", den Wolfgang Engel auch als Bühnenfigur verkörperte. Neben Klassikern des Theaters, das der Künstler stets als einen Ort der Leidenschaften empfand (und so in ihm wirkte), sind es oft auch vordergründig politische Autoren und Texte gewesen, deren besondere Reizhaftigkeit Engels witterte. Für die Arbeit von Heiner Müller hatte er ein besonderes Gespür, "Anatomie Titus. Fall of Rome. Ein Shakespearekommentar" etwa wurde zur Lehrstunde gesellschaftlich ambitionierter Theaterkunst.

Unbeugsames Theater, das ernst genommen wurde - von seinen Protagonisten wie von seinen Widersachern. Dabei hat Wolfgang Engel wohl nie den belehrenden Zeigefinger heben wollen, ihm ging es um die moralische Instanz, die ein guter Text auf der Bühne zu entfalten hilft und die das Publikum unaufdringlich mit einschließt. Für diese Haltung konnte - und kann - der heute vor siebzig Jahren geborene Mecklenburger ein herzhafter Sturkopf sein. Damit hat er die gesamtdeutsche Theaterlandschaft schon vor 1989 beglückt und bereichert. Denn während seiner guten Dekade in Dresden hat Engel wiederholt auch in Saarbrücken gewirkt, ab 1991 ging er als fester Regisseur ans Schauspiel Frankfurt am Main.

Seine Anfänge jedoch, nach den Kärrnerjahren am Theater Schwerin, wo er als Bühnenarbeiter begann und zum Schauspieler und Regieassistenten avancierte, seine wirklichen Anfänge sind mit Sachsen verbunden. An den Landesbühnen Radebeul war er Mitte der 70er Jahre als Regisseur tätig, nahm von dort nochmal Anlauf via Berlin, wo sich dem Jugendtheater und der Lehrtätigkeit an der Schauspielschule (heute Hochschule Ernst Busch) widmete - und kam 1980 nach Dresden zurück. Hier entwickelte er sich fraglos zu einem der wichtigsten Regisseure im deutschsprachigen Raum. Grund genug für alle, die dabei gewesen sind, zur nachträglichen Gratulation. Sie haben von Engels' Verständnis vom Ensembletheater (er bekennt sich eindringlich zur Kraft des Kollektivs) partizipieren können.

Anlass aber auch, nun endlich dem heutigen Jubilar zu gratulieren. Der "mecklenburgische Sachse" - just zum Berliner Mauerbau wurde er 18 und wollte in die Welt hinaus - hat sich mit untrüglichem Gespür für szenische Werte und Inhalte den Musen geweiht. Von 1995 bis 2008 hat er dies als Intendant des Leipziger Schauspiels fortzusetzen versucht, hat vielversprechende Talente um sich geschart, die heute längst selbst an großen Bühnen dominieren (Konstanze Lauterbach, Armin Petras, Michael Thalheimer) oder nun sogar seine Nachfolge antreten (Enrico Lübbe). Zwischen Peter Handkes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" und Michail Bulgakows "Molière oder die Verschwörung der Heuchler" wurde unter den erschwerten Bedingungen sich ständig wechselnder Gesellschaftsinteressen am Stadttheater gepflegt. Neben Shakespeare und Peter Stein standen Schiller und Ibsen, in die Gegenwart ging es mit Federico Fellini und Christa Wolf, gigantisch gerieten vielstündige Inszenierungen von "Faust" und "Wallenstein". Und mehr und mehr unternahm der Berserker des Sprechtheaters seitdem auch Ausflüge ins Musiktheater, inszenierte Janáceks "Totenhaus" in Stuttgart, Verdis "Aida" in Leipzig, Wagners "Fliegenden Holländer" in Magdeburg.

Mit dem Ende von Wolfgang Engels Festanstellung wechselte er nun nicht etwa ins memorierende Pensionistendasein, sondern erschließt sich als Gastregisseur einstige und neue Wirkungsstätten. Die von vielen Theaternarren gewiss erwartete Rückkehr nach Dresden (zuletzt "Der Drache" von Jewgeni Schwarz) fügt sich in eine Reisetätigkeit zwischen deutsche Opern- und Schauspielhäuser als besondere Reminiszenz ein.

Für sein Lebenswerk ist Wolfgang Engel, der Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste ist, 2011 mit dem Theaterpreis Der Faust geehrt worden. Glückwunsch, nicht nur nachträglich.

iDas Staatsschauspiel Dresden zeigt Engels Inszenierung "Der Drache" wieder am 28. September. Im Januar 2014 soll Engels Lesart von "Die letzten Tage der Menschheit" nach Karl Kraus Premiere feiern.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 13.08.2013

Michael Ernst

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