Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 10 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Ein langer Abschied: Fast vier Stunden Dvorák im 9. Außerordentlichen Konzert der Dresdner Philharmonie

Ein langer Abschied: Fast vier Stunden Dvorák im 9. Außerordentlichen Konzert der Dresdner Philharmonie

Das war's dann fürs erste. Am Sonnabend nahm die Philharmonie Abschied vom Festsaal im Kulturpalast, dem Ort, an dem sie fast 43 Jahre die unterschiedlichsten Werke gespielt hat.

Voriger Artikel
Verssprachen: Anne Dorn und Michael Fiedler in Dresdens Villa Augustin
Nächster Artikel
Peter Schreier dirigierte zur Schumanniade in Kreischa Bachs Johannespassion in der Schumann-Fassung

Abschiedskonzert im Kulturpalast.

Quelle: Philharmonie

Es ist eine noch immer spannende Frage, wie der Festsaal aussehen wird, wenn ihn die Philharmonie in einigen Jahren wieder in Besitz nimmt. Da gibt es nur zwei Möglichkeiten. Wenn es nach den Wünschen der Philharmoniker und der Entscheidung des Stadtrats geht, werden wir einen Umbau erleben, der zu einem Konzertsaal von höchstem internationalem Standard führen wird. Diese Variante wäre dann eine Weinberglösung, bei der die Zuhörer rund um das Orchester gruppiert sind. Viele neue Konzertsäle mit dieser Form sind in den letzten Jahrzehnten in allen Ländern mit hochentwickelter Musikkultur gebaut worden und haben bewiesen, dass sie die derzeit optimale Lösung darstellen. Die andere Möglichkeit würde bedeuten, dass das Haus lediglich technisch und optisch ertüchtigt wird, während der Festsaal bis auf einige Kleinigkeiten die augenblickliche Form behält. Diese Variante wird Schuhkartonlösung genannt, für die es ebenfalls hervorragende Beispiele gibt.

Diese zweite Variante käme dann zum Tragen, wenn Wolfgang Hänsch, der Architekt des Palasts, mit der Klage auf Bewahrung seines Urheberrechts obsiegen sollte. Seine Planung entsprach der Vorgabe, einen Mehrzwecksaal zu bauen. Ein Saal aber, der für alles taugen soll, taugt jedoch für nichts zu hundert Prozent. Hänsch hat gute Arbeit geleistet, aber eben nach den Standards der 1960er Jahre. Die Außengestalt des Palasts steht inzwischen unter Denkmalschutz und kann so Zeugnis kreativer Architektenarbeit ablegen. Damit müsste eigentlich den Interessen Hänschs besser gedient sein als mit dem kompromisslerischen Festsaal. Die Stadthallenarchitektur, wie sie in der DDR üblich war, ist nicht nur ästhetisch überholt, sondern entspricht auch nicht den Anforderungen an einen Konzertsaal, wie er für eine Stadt mit dem künstlerischen Selbstverständnis Dresdens unumgänglich ist.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass die Gründe, die die Gegner des Umbaus ins Feld führen, nicht als unberechtigt beiseite gewischt werden dürfen. Nicht alles, was bisher im Palast stattgefunden hat, wird nach dem Umbau noch möglich sein. Allein die Reduzierung der Plätze von 2400 auf 1800 ist ein hoher Preis. Der Vorgang ist mit einer Güterabwägung verbunden und sollte nicht zu gegenseitigen Verunglimpfungen der Streitparteien führen. So verführerisch der Gedanke an den Neubau eines Konzerthauses auch sein mag, zwei Häuser mit ähnlichem Profil kann die Stadt Dresden nicht zu vertretbaren Konditionen betreiben.

Vor die mehrjährige Pause und die Wiedereröffnung des Festsaals hat die Philharmonie aber ihr Abschiedskonzert gesetzt. Mit knapp vier Stunden Dauer war das ebenso untypisch wie der Anlass. Es war schon bemerkenswert, dass nicht irgendein Monumentalwerk, etwa eine Bruckner-Sinfonie oder wenigstens eine Komposition Beethovens, dieses Finale krönte. Chefdirigent Michael Sanderling hat sich für Werke eines einzigen Komponisten, nämlich Antonín Dvoráks entschieden, noch dazu drei Instrumentalkonzerte und außerdem mit jungen Solisten besetzt. Reine Orchesterwerke waren drei slawische Tänze aus Opus 46. Sie gerieten vital und erzmusikantisch. Sanderling genoss die brillante Orchestrierung und erweckte den Wunsch, endlich einmal alle Tänze, also auch die mit der Opuszahl 72, in einem Konzert zu hören.

Die 1988 geborene Geigerin Veronika Eberle war die Solistin in Dvoráks Violinkonzert a-Moll. Ihr gelang der Beginn großflächig, wobei aber schon einige Flüchtigkeiten, also nicht vollständig ausgeformte Töne auftraten. Da war offensichtlich Nervosität im Spiel, die die Solistin bis zum Ende nicht ablegen konnte. Zudem vereinheitlichte sie den Solopart dergestalt, dass zwischen wichtigen und weniger wichtigen Passagen kaum ein Unterschied zu spüren war.

War die Zurückhaltung Eberles wohl doch eher ein Zeichen von Unsicherheit, war sie bei dem Pianisten Martin Helmchen (*1982) unaufgebbarer Bestandteil einer durchdachten Interpretation des Klavierkonzerts g-Moll. Das Orchester musizierte von Beginn mit kraftvollem, fast kämpferischem Gestus. Helmchen schien zunächst zu zögern, als wolle er sich nicht aufdrängen. Trotzdem litt seine Wiedergabe nicht an mangelnder Präsenz. Das Werk verlangt schließlich auch ausgeprägtes Virtuosentum, das der Solist mit viel Seriosität und ohne platte Vordergründigkeit bewältigte. Dass er auch den zarten Ton im Stil von "Rusalka" beherrscht, bewies er im langsamen Mittelsatz. Im Finale spielte er endlich fordernd und auftrumpfend, als befreie er sich von der Einbindung in das Orchester.

Der dritte Solist war der Cellist Daniel Müller-Schott, mit 36 Jahren der Älteste des Trios. Fahl und leidenschaftlich waren die ersten Passagen des Violoncellokonzerts h-Moll, in denen der Solist unaufhörlich vorwärts drängte. Sowohl die bukolische Stimmung des zweiten Satzes als auch der extrem robuste Tanzgestus und der zarte Schmelz des dritten waren vom Besten.

In einem als Ausklang bezeichneten zweiten Finale vereinten sich die drei Solisten in Dvoráks "Dumky"-Trio e-Moll op. 90. Es ist Dvoráks bekanntestes Kammermusikwerk und eine seiner schönsten Kompositionen. Ich bekenne, dass ich dieses Werk besonders liebe und deshalb darauf verzichtet habe, es in einem Saal zu hören, der für Kammermusik völlig ungeeignet ist. Die vielen Eindrücke hätten die aus den anderen Kompositionen überlagert und wären nicht mehr korrekt zu vermitteln gewesen. Auch ein Rezensent ist nur ein Mensch mit Leistungsgrenzen. Man sehe es ihm nach.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.07.2012

Peter Zacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr