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Ein kluger Slalom-Taktiker: Hans Pischner wird heute 100 Jahre alt

Ein kluger Slalom-Taktiker: Hans Pischner wird heute 100 Jahre alt

Hans Pischner begeht heute seinen 100. Geburtstag, auch wenn es naturgemäß jetzt angesichts seines Alters still geworden ist um den einst so präsenten, auch international angesehenen Cembalo-Virtuosen und erfolgreichen Theatermann, der zudem in der DDR zeitweilig hohe Staatsämter bekleidete.

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Hans Pischner (M.), 1971 als Intendant der Deutschen Staatsoper bei einem Empfang des stellvertretenden DDR-Kulturministers Kurt Bork, im Gespräch mit dem stellvertretenden Direktor des Rustaweli-Theaters Tbilissi Norakidse (r.) und der Intendantin des Berliner Ensembles, Ruth Berghaus (l.)

Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-E1006-0040/Katscherowski (verehel. Stark)/CC-BY-SA

Dr. Im Alter von 72 und 92 Jahren hat er in zwei Erinnerungsbüchern Rückschau auf sein Leben gehalten: 1986 erschien im Ostberliner Verlag der Nation die Autobiografie "Premieren eines Lebens" und 2006 im Henschel-Verlag der Band "Tasten, Taten, Träume. Musik und Politik zwischen Utopie und Realität".

Freimütig schildert der Autor hier sein Leben zwischen Anpassung und Selbstbehauptung, bekennt sich trotz erlebter "Täuschung und Enttäuschung", ja "Lüge und Verrat" zum sozialistischen Experiment. "Wenn man es verstand, auf der Klaviatur der - auch untereinander nicht selten uneinigen - Apparate zu spielen, nicht zu viele Fragen zu stellen und damit unerwünschte Antworten zu provozieren", heißt es darin, "gab es Möglichkeiten, kunstfeindliche politische Strangulierungen zu unterlaufen, dem Gesinnungsterror zu entkommen." Nicht zu Unrecht hat ihn Otmar Suitner nicht nur "einen glänzenden Cembalisten und Musikwissenschaftler", sondern auch "sehr klugen Slalom-Taktiker" genannt.

Am 20. Februar 1914 wurde Hans Pischner in Breslau geboren. Das väterliche Handwerk des Klavierstimmers erlernte der Sohn zunächst klaglos. Doch seine größere Leidenschaft galt bald - und das lebenslang - der Musik. Die Mutter hatte ihm ersten Klavierunterricht erteilt, bis ihn später ein Meister seines Fachs, Bronislaw von Pozniak, in seine Schule nahm. Die Berliner Cembalistin Gertrud Wertheim unterwies ihn in kunstvoller Beherrschung ihres Instrumentes, dem vor allem seine ganze Liebe künftig gelten sollte. Fast nebenbei legte er die Privatmusiklehrerprüfung ab und studierte bei Arnold Schering in Berlin Musikwissenschaft. In diesem Fach promovierte er übrigens noch 1961, im Alter von 47 Jahren, an der Humboldt-Universität zum Dr. phil.

Hatte Pischner vor dem Ausbruch des 2. Weltkrieges sein Brot mit Konzerten auf Cembalo und Klavier sowie mit Klavierunterricht verdient, so war damit 1939 Schluss. Er musste in den Krieg ziehen, geriet am Ende noch in sowjetische Gefangenschaft. Der politisch engagierte Heimkehrer - im Sprachgebrauch des deutschen Ostens Umsiedler - landete im September 1946 in Weimar und stand nun vor einem gänzlichen Neuanfang. An der Franz-Liszt-Musikhochschule erhielt er die erste feste Anstellung seines Lebens. Er wurde Dozent, unterrichtete Klavierspiel, Theorie, Musikgeschichte und Gehörbildung. Bereits 1947 stieg er zum stellvertretenden Direktor auf, 1948 erfolgte die Ernennung zum Professor. Vor allem aber konnte er endlich wieder seine unterbrochene künstlerische Laufbahn fortsetzen. Er entfaltete eine rege und erfolgreiche Konzerttätigkeit.

1950 berief ihn der Berliner Rundfunk zum Leiter der Hauptabteilung Musik. Damit war ihm zugleich die Verantwortung für alle Klangkörper des Senders zugefallen, der damals noch im alten Haus in der Westberliner Masurenallee residierte. Wiederum vier Jahre später erfolgte die nächste Herausforderung: Das neugegründete, zunächst von Johannes R. Becher, danach von Alexander Abusch geleitete Kulturministerium der DDR sah in ihm den geeigneten Fachmann, die Leitung der Hauptabteilung Musik der Behörde zu übernehmen. Von 1956 bis 1963 wurde ihm sogar die Position des stellvertretenden Kulturministers anvertraut.

Den Höhepunkt seines administrativen Wirkens und damit zugleich verbunden die glücklichste Epoche seines Lebens sieht Pischner jedoch in der mehr als 20-jährigen Tätigkeit als Intendant der Deutschen Staatsoper in Berlin (1963-1984). Ein Künstler, ein Musiker als Theaterintendant - das ist nicht nur einfach gut gegangen, das war eine sprichwörtliche Erfolgsgeschichte, manchmal auch trickreich von einem herbeigeführt, der wusste, wie die Dinge liefen und wie man sie mit Spürsinn und Diplomatie geschickt zum Nutzen des Institutes handhaben konnte. Die Berliner Staatsoper knüpfte bald wieder an ihren früheren Weltruf an. Junge Künstler, besonders gefördert, entwickelten sich zu internationalen Opernstars, denken wir nur an Theo Adam, Peter Schreier und Siegfried Vogel.

Von Dresdens Staatsoper wurde der hier gerade erst 1960 ins Amt gekommene österreichische GMD Suitner 1964 nach Berlin abgeworben. Auch Chefregisseur Erhard Fischer kam aus Dresden. Der Spielplan des Hauses erfuhr eine überaus farbige Ausgestaltung. Neben dem von einem traditionsreichen Opernhaus erwarteten Repertoire wurde besonderer Wert auf das Zeitgenössische gelegt. Hier sei lediglich auf die Schostakowitsch-Opern "Die Nase" (1969) und "Lady Macbeth von Mzensk", hier allerdings in der Neufassung als "Katerina Ismailowa" (1973), sowie auf uraufgeführte Werke Paul Dessaus hingewiesen, die teilweise erst gegen Widerstände aus dem SED-Partei- und Staatsapparat auf die Bühne gelangen konnten. Von letzterem inszenierte die Ehefrau des Komponisten, Ruth Berghaus, die Opern "Puntila" (1966), "Lancelot" (1969), "Einstein" (1974) und "Leonce und Lena" (1979).

Dass er 1981 bis 1989 Mitglied des ZK der SED war, 1970 bis 1978 als Präsident den Kulturbund der DDR leitete, außerdem 1975 bis 1990 als Vorsitzender der gesamtdeutschen Bachgesellschaft, Sitz Leipzig, fungierte, 1995 bis 2008 zum Ehrenpräsidenten der Internationalen Gesellschaft zur Förderung junger Bühnenkünstler "BühnenReif" und im Dezember 2011 zum Ehrenmitglied des Richard-Wagner-Verbandes Berlin-Brandenburg ernannt wurde, passt zum Bild des bis ins hohe Alter unermüdlich Tätigen wie seine Auszeichnungen aus Ost und West.

Immer aber hat sich Hans Pischner als Künstler gesehen, als technisch versierter, präziser und stilkundiger Cembalist, der sich insbesondere dem Œuvre Johann Sebastian Bachs und Georg Friedrich Händels sowie der französischen Barockmeister Jean-Philippe Rameau und Francois Couperin verpflichtet fühlte, neben dem Einsatz für zeitgenössische Komponisten. Zu den Gipfelpunkten seiner Künstlerkarriere zählt er die Schallplattendokumentationen seines Spiels, darunter die Gesamtaufnahme der Bachschen Sonaten für Violine und Cembalo mit David Oistrach, sowie Konzerte im In- und Ausland mit Spitzenorchestern. Auch mit mehreren musikwissenschaftlichen und kulturpolitischen Schriften ist er hervorgetreten. An seinem 90. besuchte er die Premiere von Bergs "Wozzeck" in Dresdens Semperoper. Regie hatte sein Enkel Sebastian Baumgarten geführt.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.02.2014

Dieter Härtwig

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