Volltextsuche über das Angebot:

2 ° / -2 ° wolkig

Navigation:
Google+
Ein junger Syrer tanzt bei „Palucca“ mit

Tänzerische Integration Ein junger Syrer tanzt bei „Palucca“ mit

Ein Syrer flüchtet vor dem Krieg in seiner Heimat und findet in Dresden eine besondere „Erstaufnahme“: in der Palucca Hochschule für Tanz. Dort wird Internationalität seit jeher groß geschrieben.

Quelle: dpa

Dresden. Wenn man mit Ahmad Abdlli über Baba Ghanoush, Tabuleh oder Hummus spricht, leuchten die Augen des 23 Jahre alten Syrers. Die wohlschmeckenden arabischen Vorspeisen erinnern ihn an Damaskus und seine Familie. Vater und Geschwister leben noch dort. Ahmad Abdlli ist vor Krieg und Militärdienst geflohen. Seit 1. Oktober ist er in Deutschland und in Sicherheit. Hier will er bleiben. Hier möchte er am liebsten das machen, was er schon in Syrien mit Leidenschaft tat: tanzen. Ahmad Abdlli ist ein ausgebildeter Tänzer. Jahrelang hat er in den Companys Joullanar Theatrical Dance und Khota Theatrical Dance mitgewirkt. Dann ließ der Bürgerkrieg in Syrien auch das Kulturleben sterben.

Ein Syrer flüchtet vor dem Krieg in seiner Heimat und findet in Dresden eine besondere „Erstaufnahme“: in der Palucca Hochschule für Tanz. Dort wird Internationalität seit jeher groß geschrieben.

Zur Bildergalerie

Freunde von Abdlli sind schon eher geflüchtet. Er selbst ging zuerst für ein paar Monate in den Libanon. Dann führte ihn seine Flucht durch halb Europa: Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und Österreich. In Deutschland ist er nun am Ziel. „Ein langer Weg“, sagt er. Deutschland ist für ihn kein völliges Neuland. Als Tänzer hat er einst auch hier gastiert, genau wie in Russland und vielen arabischen Ländern. In Katar trat er einmal sogar vor 120 000 Menschen auf, für einen Tänzer ein schier unfassbares Auditorium. Nun ist er mit Zehntausenden Landsleuten womöglich für immer in der Fremde - 2015 ein häufiges syrisches Schicksal.

Auch die Begegnung mit den Palucca-Tänzern könnte schicksalhaft sein. Deutschlands einzige eigenständige Tanzhochschule ist seit jeher ein internationaler Ort. Mehr als die Hälfte der Studierenden kommt aus dem Ausland, fast jeder ist mehrsprachig. Als die Flüchtlinge im Sommer in Scharen kamen, war vielen schnell klar, dass sie etwas für die Notleidenden tun mussten. Wie die Kollegen anderer Kunstsparten aus Dresden wollten sie Abwechslung in den drögen Lageralltag bringen. „Wir wollten nicht nur etwas zeigen, sondern auch etwas zum Mitmachen bieten“, sagt Eileen Mägel, die unter anderem für die internationalen Beziehungen an der Hochschule zuständig ist.

Als einige junge Frauen und Männer aus dem Studiengang Tanzpädagogik im November mit Jazz Dance und Improvisationen vor Flüchtlingen ihr Können zeigten, saß auch Ahmad Abdlli im Publikum. „Es dauerte nicht lange, da wollten alle mitmachen - nicht nur Kinder jeden Alters, sondern auch viele Männer“, erinnert sich Mägel: „Es war einfach super, die Stimmung war toll. Die Flüchtlinge waren total begeistert. Das hat uns alle mitgerissen. Uns war klar, dass Tanz genau die richtige Sprache ist.“ Die Studenten gaben ein paar Schrittfolgen vor und Abdlli fiel sofort auf. Er beherrschte die Kombinationen schnell und wurde eingeladen, die Hochschule kennenzulernen.

Beinahe wäre das noch schief gegangen. Denn Abdlli wurde kurzerhand in die sächsischen Kleinstadt Roßwein verlegt. Zum Glück trug er Mägels Visitenkarte bei sich. Er erzählte einer DRK-Mitarbeiterin seine Geschichte, die alle Hebel in Bewegung setzte, um ihn wieder nach Dresden zu bringen. Kein leichter Tanz bei all der Bürokratie. „Talente soll man unterstützten, sonst verliert man sie“, sagt Christian Canciani, bei „Palucca“ Prorektor für Studium und Lehre. Er lud Abdlii an die Hochschule ein und bot ihm an, in Klassen zu hospitieren und Abendkurse besuchen. Nun soll er Gasthörer im Studiengang Tanzpädagogik werden und damit studieren können wie die anderen auch.

„Tanz ist die Sprache des Körpers. Du kannst durch Bewegung etwas sagen und ausdrücken“, schwärmt Abdlii. Für ihn sei Tanz kraftvoll und voller Emotionen: „Manchmal kann man das Publikum nach Aufführungen weinen sehen, so sehr berührt Tanz. Ich mag es sehr, an so etwas teilzuhaben.“ Die besondere Magie hat Mägel auch beim Auftritt der Palucca-Studenten vor Flüchtlingen gespürt. „Die Kinder haben uns zum Abschied bis zur Tür begleitet, haben uns gedrückt und gewunken. Wir haben wir viele traurige Augen gesehen, als wir wieder gingen.“ Für die Studenten sei deshalb klar gewesen, dass man für die Flüchtlinge ein dauerhaftes Projekt auf die Beine stellen muss.

Ab Januar soll es regelmäßige Kurse in einem Dresdner Erstaufnahme- Quartier geben, zunächst für Kinder. Mägel hat bei ihren Besuchen in einer Turnhalle für Flüchtlinge schwierige Lebensbedingungen vorgefunden: „Da sind viele Kinder und kaum einer kümmert sich um sie. Die Eltern sind oft traumatisiert, liegen meist apathisch auf den Betten, weil sie nach allem keine Kraft mehr haben. Und die Sozialarbeiter und Ehrenamtler sind völlig ausgelaugt: Die können einfach nicht mehr. Da kommen einem die Tränen.“ Das alles habe aber die Palucca-Hochschule nur noch mehr angespornt, im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu helfen. Auch ein mit der Schule verbandelter Kindertanz-Verein wolle nun ein eigenes Angebot entwickeln.

Das Engagement ist keine Einbahnstraße. „Auch für die Studenten ist das spannend. Für die meisten war der Kontakt mit Abdlli der erste mit einem Flüchtling“, erzählt Mägel. Sie seien von seinem Schicksal berührt, hätten ihn herzlich aufgenommen und ihm Löcher in den Bauch gefragt. Wenn die Studierenden der Fachrichtung Tanzpädagogik künftig regelmäßig Kurse für Flüchtlinge geben, wird ihnen das als Projektarbeit angerechnet. Die Studenten wechseln sich ab, jeder kommt mal an die Reihe. Flagge zeigt „Palucca“ auch auf andere Weise. Plakate am Zaun vor der Lehranstalt sind Beleg für die Haltung: „Alle Menschen sind Ausländer - fast überall“, heißt es unter anderem.

Ahmad Abdlii hat in Deutschland auch in anderer Beziehung neue Erfahrungen gemacht. Erstmals überhaupt in seinem Leben traf er mit Menschen aus Syriens Nachbarland Israel zusammen. Wenn es nach ihm ginge, würde er auch in seiner neuen Heimat gern im alten Beruf arbeiten. „Einige Tänzer aus meiner früheren Company sind jetzt in Deutschland. Vielleicht können wir in einer kleinen Gruppe gemeinsam tanzen“, sagt der 23-Jährige. Denn Tanz sei nun mal sein Leben.

Jörg Schurig, dpa

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr