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Ein Vergleich mit Achmed Mesgharha: The Rocky Horror Show gestern und heute

Ein Vergleich mit Achmed Mesgharha: The Rocky Horror Show gestern und heute

Nach Dresden wollte Ahmad Mesgarha unbedingt. Es war ein glücklicher Zufall, dass er nach dem Schauspielstudium in Leipzig ins Dresdner Studio kam und dann sogar, nach kurzem Zwischenspiel am Neuen Theater Halle, 1990 am Staatschauspiel Dresden engagiert.

So etwas wie hier, erinnert er sich, gab es an keinem anderen Theater zuvor in der DDR. Wenn sich andernorts die friedliche Revolution auf den Straßen vollzog, so fand hier die ästhetische Revolution auf der Bühne statt. Und von diesem neuen Selbstbewusstsein der Kunst hat der junge Schauspieler unwahrscheinlich profitieren können. Die großen Herausforderungen ließen auch nicht auf sich warten. Mit ihm in den Hauptrollen kamen so verunsichernde wie komplexe und streitbare Stücke des französischen Dramatikers der brutalen Kolportage, Bernhard-Marie Koltès, auf die Dresdner Bühnen. Wer Mesgarha als Roberto Zucco sah, wird die gefährliche Unschuld seiner Darstellung eines brutalen Mörders nicht vergessen.

Ganz anders dann, 1993, im Theaterzelt während der Sanierung des Schauspielhauses, derselbe Schauspieler, als Transvestit aus Transsylvanien, Frank'n'Furter in Richard O'Briens Rock-Musical "The Rocky Horror Show". Das, so erinnert sich Ahmad Mesgarha, hatte für alle unbekannte Ausmaße. "Als wüssten wir gar nicht, an welchen Grundfesten gängiger Vorstellungen von Moral und überkommenem Rollenverhalten wir mit dem Übermut ungezügelter Spielfreude nicht nur rüttelten, sondern sie auch total lustvoll auf den Kopf stellten", geriet das ganze Ensemble mit dem Publikum in eine Art Trance, "da hatten wir diese Leichtigkeit des Seins". Alle hätten das Stück rückwärts spielen können, der Sound war drin, die Texte und die Choreografien, und dann gab es für den Hauptdarsteller nach gut 100 Vorstellungen doch einige Schrecksekunden. Fünf Minuten vor dem Auftritt, Blackout, eine Textzeile fehlt. Also rum um das Zelt, ins provisorische Foyer, der Song steht im Programmheft, ein Blick, alles da, die Show kann beginnen.

Und das Publikum liebte das Stück. Vornehmlich weibliche Fanpost füllt Kartons. Es muss die 50. Vorstellung gewesen sein, es ist bitterkalt, Stromausfall im Zelt gegen 21.30 Uhr, Kerzenlicht, Notstrom und heiße Getränke, das Publikum harrt aus. Aus der Kantine werden die wärmenden "Kurzen" besorgt. Viertel nach zehn ist der Schaden behoben, es wird gespielt, gegangen ist keiner, alle haben jetzt genau jenen schwebenden, grenzüberschreitenden Zustand erreicht, um den es in dieser ironischen Horror Show geht.

Und welch Wunder, das Stück ist unverwüstlich. Jetzt, 20 Jahre später, wackeln die Wände in der Staatsoperette, wo es Ende der letzten Saison erneut Premiere feierte. Natürlich steht für Ahmad Mesgarha ein Besuch auf dem Plan. Er ist sicher, der Virus von damals schlummert nur und wird auch bei ihm wie bei den neuen und alten Fans wieder ausbrechen. Dass es nicht wenige Zuschauer gibt, die Winfried Schneiders Neuinszenierung bejubeln, sich aber gerne an die Zeit im Theaterzelt erinnern, freut den Schauspieler, für den damals auch ein Weg begann, der es ihm möglich macht, bis heute immer wieder die Grenzen der Genres zu durchbrechen.

Und was macht den neuen Erfolg der "Rocky Horror Show" aus, heute noch, in wilden Zeiten metrosexueller Partylaunen? Vielleicht ist es, so Mesgarha, "für die Einen die Erinnerung an die Zeit der Pubertät ihrer Seelen", dabei gewesen zu sein, "als das Theater in Dresden wieder mal das richtige Stück zur richtigen Zeit spielte", und für andere, für Jüngere vielleicht, die Neugier darauf, was die Generation ihrer Väter und Mütter, oder inzwischen sogar Großväter und Großmütter, noch mal ausflippen lässt. Auf einen solchen Erinnerungsschub in der Begegnung mit den jungen Kolleginnen und Kollegen in der aktuellen Show freut sich Ahmad Mesgarha unbedingt.

Und was die aktuelle und zukünftige Situation im Dresdner Ensemble angeht, da fühlt er sich gegenwärtig wieder so toll aufgehoben und herausgefordert wie seinerzeit, als das ganz große Abenteuer der Leidenschaft des Spiels begann. Theater in Dresden, das heißt derzeit Mut und ungeahnte Freiheit beim Ausprobieren neuer Möglichkeiten. Das bedeutet nach 22 Jahren das unverschämte Glück, mit jungen Kolleginnen und Kollegen auf der Bühne zu stehen, etwa wenn er in der Jubiläumsspielzeit unter der Regie von Roger Vontobel den Polonius in Shakespeares "Hamlet" spielen wird.

Aber vorher, ganz bestimmt, da muss er noch nach Leuben in die "Rocky Horror Show", ab heute wird wieder gerockt. Boris Michael Gruhl

Aufführungen in der Staatsoperette: heute (ausverkauft), Sonntag, 18., 19., 20. September, jeweils 19.30 Uhr

www.staatsoperette-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 15.09.2012

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